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Kurzgeschichten von

Enno Ahrens

  • Ein modernes Weltbild
  • Die Wahrheit über Bernd Taubel und das dunkle Mal unserer Vergangenheit
  • Später Besuch
  • Der verflixte Glücksbringer
  • Befristete Zuneigung
  • Spucke der Verachtung
  • Baltus Fehn
  • November mit Katrin
  • Zwei Mini-Geschichten
  • Uhr-ige Weihnachten
  • Vaters letzte Fahrt
  • Diät für Theo
  • Befristete Zuneigung
  • Elvira


Ein modernes Weltbild

„Ob Gedanken Pickel haben können? Natürlich können sie das im Prinzip.“ „Gedanken sind aber doch geistig und Pickel materiell.“ „Dein ganzes Weltbild ist eben falsch, ja mittelalterlich.“ In Biancas Stimme lag eine ungekannte Entschlossenheit. Ich bastelte stumm weiter an meinem Flugzeugmodell. Bianca saß nicht weit von mir entfernt und las „Die moderne Physik“.

„Alle Dinge sind nur Quantenwolken im leeren Raum“, beteuerte sie. „Gedanken können nicht aus Quanten sein, Gedanken sind Geist“, warf ich ein. „So ein Quatsch, wohl noch nichts von biochemischen Prozessen gehört. Geist, Materie, das sind doch archaische Begriffe, über die ein moderner Physiker nur mitleidig lächelt. Gedanken sind Quantenwolken, basta, steht hier.“ „Hast du das im Buch überhaupt richtig verstanden?“ „Verstanden? Verinnerlicht habe ich die moderne Physik!“ „Wie lange beschäftigst du dich damit schon?“ „Drei Tage, aber es ist unbedeutend; die Intensität und Aufnahmefähigkeit entscheiden.“

Ich erhob mich aus meinem Sessel, beugte mich rechts neben Bianca, um an den Kleber für mein Flugmodell zu gelangen, der auf dem Sideboard hinter ihr stand. Und da stach sie mir förmlich ins Auge. Sie hatte sich in Biancas linke Gesichtshälfte eingewurzelt. Vor sechs Jahren, als wir geheiratet hatten, waren es etliche spätpubertäre Aknepickel, später nur noch vereinzelte. Doch jetzt ragte eine fette Vulgärwarze aus ihrer Wange hervor. Die musste sich als Pickel getarnt entwickelt haben. „Sie befindet sich an genau derselben Stelle wie bei ihrer Mutter“, dachte ich, „nur dass die noch drei am Kinn hat; wird bei Bianca auch noch kommen.“

Ich schaute schnell zum Kleber, um Bianca nicht zu kränken, ließ mich wieder in meinen Sessel sinken, strich den Leim auf den Flugzeugflügel und drückte ihn nach einer gewissen Antrockenphase fest. Plötzlich durchbrach Bianca das Schweigen mit spitzer Stimme: „Hast du sie also gesehen!?“ „Was soll ich gesehen haben?“ „Na, die Warze.“ „Och, die kleine Warze. Na ja.“ „Nun tu doch nicht so gleichgültig. Und ich weiß genau, was du denkst: Jetzt hat sie auch so eine widerliche Warze wie ihre Mutter und bald drei am Kinn dazu.“ „Nein, na ja, nun“, stammelte ich. „Dass dich die Warze stört, ist ein klarer Beweis deines überholten Weltbildes.“ Ihre Stimme wurde wieder beängstigend energisch.

„Was soll das heißen?“, entgegnete ich. „Nun, die moderne Physik kennt keine Warzen. Sie löst alles in Formeln mit Ordnungszahlen und mathematischen Zeichen auf. Nehmen wir mal dein graues Haar, das ich vor einigen Tagen bei dir entdeckt habe. „Ich hab kein graues Haar.“ Du brauchst nicht beleidigt zu sein; nach der neuen Betrachtungsweise ist das kein graues Haar – welch blöde und provozierende Formulierung auch; nein, dieses graue Haar hat nur ne andere Ordnungszahl als die übrigen. Schönheitswerte haben jetzt ausgedient, sie entstammten den irrenden Sinnen, sind Luftspiegelungen an der Nahtstelle „geistiger“ Quarks, wie alle unsere Wahrnehmungen, haben die Menschen lange genug zu unsinnigen Eitelkeiten bewogen, eines der größten Übel unserer Zivilisation.“

„Ja, aber so einfach wird die Menschheit die moderne Physik nicht aufnehmen.“ „Ja, weil die Forscher es nicht forcieren, es dem Gegenwartsmenschen nicht zutrauen. Es scheint, man hofft auf die Evolution. Ein Zukunftsmensch mit hochgewölbtem Schädel, mit dichtgepackter Hirnmasse und spitzem Kinn, sollte entstehen.“

„Bianca, sei doch ehrlich, du flüchtest doch nur vor deiner Warze in diese Theorien.“ „Das ist typisch, so ein Primitivling, du verstehst nichts. Schau dir die Sonne an, eben noch stand sie dort am Himmel, jetzt dort. Genau so haben die Menschen sie im Mittelalter gesehen, nur mit dem entscheidenden Unterschied, sie hatten eine gegensätzliche Vorstellung als wir mit unserem kopernikanischen Planetenmodell.“ „Irgendwie einleuchtend, und da könnten wir genauso gut eine innere Evolution betreiben, unsere gesamte Welt in Quantenwolken und mathematische Begriffe verwandeln.“ „Genau, und da der Quantenschaum alle Zellen der Menschen miteinander verbindet, also die von einem Schwarzen aus dem Kongo genauso wie die von einem Eskimo aus Alaska, könnte die Welt endlich als Einheit begriffen werden, als ein Körper. Man würde diesen Verbund infolgedessen rationell versorgen, das bisherige Wertedenken verwerfen, auf Kriege verzichten, auch auf Ehekriege.“

Ich blickte sie sanft an: „Und wenn ich dir sagte, dass ich dich liebe, es hätte keinen Wert.“ „Erst mal hast du mir nie gesagt, dass du mich liebst. Dies hab ich gesagt, und du hast anstandshalber ‚ja, ich dich auch’ geantwortet. Deshalb ist es unwichtig. Wichtig ist, dass wir uns in Zukunft nicht hassen werden.“

Ich ging an diesem Abend früh schlafen; sein Gehirn komplett zu renovieren ist anstrengend. Sanft schlummerte ich ein und in meinen Träumen zogen lauter Schäfchen an mir vorbei wie Quantenwölkchen aus einem leeren Raum.

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, frühstückten wir auf der Terrasse. Bianca hatte jede Menge Bücher mit Formeln um ihr Tischset geschichtet, stocherte mit nachdenklicher Miene in dem Marmeladenaufstrich auf ihrem Brötchen herum und murmelte: „Die Ingredienzen haben die Formeln..., Zucker, welch blödes Wort, hat...“

Biancas Kopf verdeckte die aufgehende Sonne. Ganz deutlich zeichnete die Warze sich ab. Jetzt sah ich auch das Härchen daran. Blitzschnell blickte ich auf mein Frühstücksei und aß genüsslich mein Brötchen weiter, als Bianca plötzlich erneut mahnend zischte: „Du hast sie wieder gemustert.“ „Nein.“ „Gib es ruhig zu.“ „War nur ein kleiner Rückfall, soll nicht mehr vorkommen.“ Ich holte uns eine Flasche Eierlikör, um auf eine erfolgreiche Manifestation eines modernen Weltbildes in unseren Köpfen anzustoßen. Meine Begeisterung dafür wuchs von Schluck zu Schluck; ich holte noch drei Flaschen vom Kiosk.

Irgendwann tanzten Bianca und ich; die Warze an ihrer Wange wurde immer verschwommener, ja schien sich schließlich zu verlieren in einer Quantenwolke, rosafarben, mit diffuser Herzform.


Die Wahrheit über Bernd Taubel und das dunkle Mal unserer Vergangenheit

Auf mich wirkt die damalige Angelegenheit noch heute wie ein ewig offenes Bein, dass zwar von einer äußerst empfindlichen Haut geschlossen scheint, die aber jederzeit einreißen kann. Vor dreiundvierzig Jahren bildeten wir sieben Jungen von der „Papenschule“ Hameln für ein paar verhängnisvolle Minuten eine verschworene Gemeinschaft.

Bernd Taubel war immer Drahtzieher gewesen. Später übernahm er in Hameln ein bescheidenes Baugeschäft von seinem Vater. Es vergrößerte sich zu einem riesigen Baufachmarkt mit einer Filiale in Hildesheim und Göttingen, deren Qualitätswaren begehrt sind. Den an sich lächerlichen, aber schicksalhaften Draht besorgte damals allerdings ein anderer, Udo Langner, der heute Bernd Taubels Hildesheimer Filiale leitet. Bernd richtete den arbeitslosen Udo vor fünfzehn Jahren, als er in den Alkohol abzustürzen drohte, mit unnachgiebigem Einsatz wieder auf, weil er fürchtete, der Alkohol würde Udo irgendwann gleichgültig machen und er könnte das Geheimnis aus jener Papenschüler-Verschwörung preisgeben.

Bernd Taubels Identität, sein Bewusstsein von Stärke und Macht sind an seinen Betrieb gebunden. Täglich wird dies Ego durch seine Belegschaft und die steigenden Umsatzzahlen bestätigt und noch verstärkt. Seine Loyalität ist den Geschäftsvorteilen untergeordnet; sie ist dehnbar wie Gummi. Er ist ein leicht jähzornig werdender, doch unermüdlich diszipliniert arbeitender Chef mit pedantischer Akribie, aber in der Freizeit ein hoffnungsloser Hedonist. Mit Menschen geringerer sozialer Stellung gibt er sich ungern ab. Auf den zahlreichen Veranstaltungen der gehobenen Gesellschaft ist er der unumstrittene Partylöwe und hat eine gefährlich unkontrollierbare Neigung zu den Frauen. Seine Frau bewahrt dabei eine scheinbar devote Gelassenheit. Von seinem schrecklichen Geheimnis aus der Papenschulära weiß sie noch nichts.

In der Öffentlichkeit trägt Bernd Taubel ausschließlich Business-Kleidung aus Kaschmir der Firma Windsor, zuhause aber schlichte Trainingsanzüge. Er hat schütteres, kurzgeschorenes blondes Haar und seine blaugrauen Augen sind versunken in reichlich Wangenspeck. Sein Hals quillt wie eine zu Fleisch gewordene medizinische Halsmanschette über den weißen Stehkragen. Schon immer hatte Bernd einen schwerfälligen Pinguingang. In letzter Zeit jedoch verspürte er erstmals Gelenkschmerzen, meist abwechselnd vor allem in den Hüft- und Kniegelenken, vielleicht Anzeichen von Rheuma oder Arthrose, die er aber bislang noch zu ignorieren versucht. Die großen, weichen Hände haben eine gewisse Eleganz. An seinen kleinen Fingern befinden sich stets schwere, diamantbesetzte Goldringe, die mit seinen Manschettenknöpfen harmonieren.

Wir übrigen der Clique aus der „Papenschule“ brachten es finanziell nicht so weit, haben aber unser Auskommen. Den profanen, aber teuflischen Plan mit dem Draht brüteten wir Sieben gemeinsam aus. Wir trafen uns nach dem Schulunterricht an einem Spätnachmittag im Klütwald. Damals leitete Bernd die Gruppe natürlich auch an, obwohl für die Tat wenig Organisationstalent gehörte. Wir hatten Respekt vor dem schon früher stämmigen, massigen Bernd Taubel, der energisch seine Anweisungen gab. Johann und mich teilte er ein, Tarnungsmaterial zu besorgen. Der Rest der Clique wurde ebenfalls mit kleinen Aufgaben betraut.

Das eine Ende des dünnen, äußerst reißfesten Drahtes befestigten wir in Kniehöhe an einem Baum vor dem von spärlichem Gestrüpp gesäumten Trampelpfad. Dann sahen wir auch schon den Kahlschädel mit der dicken Brille von unserem Klassenlehrer hinter der Anhöhe auftauchen. Dieser hatte uns vor der ganzen Klasse geschlagen und gedemütigt, weil wir auf einer Leiter stehend, abwechselnd durch ein Fenster in die Mädchentoiletten gegafft hatten.

Der Lehrer machte nachmittags immer seinen Waldspaziergang. Bernd gab sofort an Kurt den Befehl, das andere Drahtende über den Pfad an den vorgesehenen Baum zu spannen. Zu spät erkannte er, dass der Lehrer diesmal mit einem Fahrrad angehechelt kam. In der Eile war der Draht nicht mehr rechtzeitig zu entfernen. Der Lehrer stürzte mit voller Wucht über den Lenker, prallte mit dem Schädel auf den Fels und blieb reglos liegen.

Wir anderen gerieten in Panik und wollten davonlaufen. Bernd hielt uns zurück. Wir untersuchten den Lehrer, hielten ihm einen Spiegel vor Mund und Nase, horchten das Herz ab, tasteten vergeblich nach dem Puls. Mit jener Umsicht, zu der uns Bernd in dem Augenblick beschwor, beruhige ich noch heute wenigstens teilweise mein Gewissen. Doch unser Lehrer war tot. Bernd Taubel sorgte dafür, dass alle Spuren beseitigt wurden. Seine Kaltblütigkeit bewahrte uns vor der Aufdeckung des Falles und man glaubte an einen Unfall. Aber ohnehin wären wir nicht strafmündig gewesen.


Später Besuch

Nach seiner Schulzeit zog Udo Liebig mit seinen Eltern fort. Fünfzehn Jahre später wurde das erste Klassentreffen veranstaltet. Beate Krause verliebte sich heimlich in ihn. Sie verloren sich sofort wieder aus den Augen. Ein sporadischer Briefwechsel war alles. Weitere fünfzehn Jahre verstrichen, ein zweites Klassentreffen war vereinbart. Sie schickte ihm eine Einladungskarte, bot ihm an, bei ihr Quartier zu beziehen.

Beate war aufgeregt. Ob er noch gut aussah? Aber in ihrem Alter zählten mehr die inneren Werte. Tapfer empfing Beate ihn, Udo, den Mann ihrer Träume. Sie hatte zumindest ein Bäuchlein an ihm erwartet und sein schütteres Haupthaar war ihr in vager Erinnerung. Doch es grenzte an ein Wunder, Udo präsentierte sich mit vollem Haar, rank und schlank, und seine stahlblauen Augen nahmen sie sofort wieder in ihren Bann wie damals, nur schienen sie ihr früher etwas trüber. Sein charmantes Colgate-Lächeln mit einwandfreien Zähnen vertrieb schließlich ihre letzten Zweifel. Sie liebte ihn immer noch und war überwältigt wie ein Teenager.

Beate Krause hielt sich für eine attraktive Frau und konnte so auf Udo Liebigs Zuneigung hoffen. Als sie ihn ins Gästezimmer begleitete, frohlockte sie heimlich, schien doch sein Hintern noch knackiger geworden.

Aber schon zeigten sich ein paar Schatten. Beate hatte besonders Udos handfeste Art gemocht, doch wollte sie ihm nun durchs Haar streichen oder ihm in den sexy Po kneifen, entzog er sich mimosenhaft wie ein schüchternes Mädchen.

Gegen Abend schlenderte sie ein wenig barsch ins Bad, im Glauben, Udo sei in seinem Zimmer, denn er wollte sich früh schlafen legen. Doch da stand er, mitten im Bad, mit vor Schreck aufgerissenen Bullenaugen und mit errötetem Kahlschädel, und sein Kugelbauch schnellte ihr wie ein Punchingball entgegen, denn Udo hatte sich gerade von seinem Stahlkorsett befreit. Das Colgate-Lächeln mit den wundervollen Zähnen befand sich in einem Schälchen auf der Spiegelablage, daneben die Perücke und das künstliche Poformpolster. Beate war entsetzt, jäh aus einem Traum gerissen. Warum war es ihr nicht gleich aufgefallen?


Der verflixte Glücksbringer

Ausgerechnet das unscheinbarste Teil, was meine Urgroßmutter hinterlassen hatte, eine Buddhafigur aus wertlosem Plastik, nicht größer als eine Babyfaust, gab immer wieder Anlass zu Streitigkeiten zwischen Urgroßmutters Töchtern, meiner Oma Else und deren Schwester Adele, meiner Großtante also. Die beiden um die siebzig Jahre alten Damen schrieben der Figur einen besonderen magischen Wert zu. Ihre Mutter hatte den Buddha stets als Glücksbringer eng am Körper mit sich getragen, ihn dreimal täglich gestreichelt, und ihr Leben war glücklich verlaufen.

Oma hatte sich sogleich nach dem Verscheiden ihrer Mutter vor zehn Jahren das winzige Erbe zu eigen gemacht, wodurch sie sich allein dadurch berechtigt gefühlt hatte, weil sie die ältere der beiden Töchter war. Großtante Adele war allerdings nicht einverstanden gewesen und hatte sich nie ganz damit abgefunden. Denn hatte Oma mal Glück und Adele war unglücklich oder bildete es sich ein, führte sie es natürlich darauf zurück, weil ihr dieser Buddha nicht zur Verfügung stand.

Ich wohnte mit im Hause meiner Oma. Samstags war immer ihr Badetag und Adele war gerade wieder bei uns zu Besuch. Oma plätscherte in der Wanne herum, während meine Großtante auf den kleinen Buddha zu sprechen kam. „Ja, Tante Adele“, sagte ich, „gerecht wäre es, wenn Oma dir den Glücksbringer auch mal überlassen würde. An deiner Stelle hätte ich ihn mir einfach mal heimlich ausgeliehen. Jetzt zum Beispiel wäre so eine Gelegenheit, wo Oma in der Wanne sitzt.“

Ich ging kurz in die Küche. Prompt sah ich aus dem Fenster meine Großtante geschwind zu ihrem Auto zu huschen, mit dem sie eilig davonbrauste. Ein wenig später stolperte Oma völlig aufgelöst aus ihrem Schlafzimmer, in welchem sie sich jedes Mal umgezogen hatte.

„Enno, Enno, mein Junge, hilf mir! Ich bin bestohlen worden. Man hat mir mein Buddhachen geraubt.“ „Nun beruhige dich doch erst mal, Oma“, warf ich beschwörend ein. „Vielleicht ist er aus deiner Weste herausgefallen, als du sie über den Stuhl gehängt hast.“ „Nein, nein. Ich habe doch alles abgesucht, unterm Bett, unterm Schrank, ja überall“, stammelte sie. „Wo ist Adele?“ fragte sie schroff. Ich erwiderte: „Die hatte es plötzlich eilig. Vielleicht will sie noch etwas besorgen.“ „Etwas besorgen, von wegen. Sie hat meinen Buddha geklaut. Ja, sie war es. Außer dir war doch keiner im Hause. Du wirst ihn doch nicht haben, oder?“ „Nein, natürlich nicht, Oma.“ „Also war sie es. Sofort muss die Polizei kommen.“

„Aber so beruhige dich doch, Oma. Vielleicht wollte Adele sich deinen Glücksbringer nur vorübergehend ausleihen.“ „Ja, dann hätte sie mich ja fragen können.“ „Nun, das hat sie ja ständig, seit zehn Jahren.“ „Das ist egal. Diebstahl ist Diebstahl, und wir müssen die Polizei holen.“ „Aber gibt es denn keine andere Lösung? Im Grunde versteht ihr euch doch gut, und das wäre das Ende eurer Familienbande.“ „Ja schon, aber sie hat es ja so gewollt.“ Oma tat mir leid und ich kam auf eine Idee, wie ich den Buddha zurückgewinnen wollte. „Gib mir eine Stunde Zeit. Wenn ich bis dahin keine akzeptable Lösung gefunden habe, kannst du immer noch die Polizei holen.“ „Na gut“, seufzte Oma, „aber nur eine Stunde.“

Ich raste mit meinem Auto zum Trödler. Es war kurz vor Geschäftsschluss. In der Auslage standen eine Menge Buddhaskulpturen. Und ich hatte Glück. Zwei mussten aus der gleichen Baureihe stammen, wie Oma ihrer. Sie waren identisch, alles war gleich, bis auf die unscheinbare kleine Signatur unterm Boden. Ich nahm beide mit, denn man weiß ja nie, wofür so ein zweiter Buddha gut sein kann.

Oma erwartete mich schon gespannt. Ich hätte ihr natürlich einen der Buddhas geben und ihr sagen können, es wäre ihrer und ich hätte ihn auf dem Hof gefunden. Aber sie hatte ein Bekanntschaftsverhältnis zu dem Trödler, und die Sache wäre wohl aufgeflogen. Ich hatte auch was Besseres im Sinn und zog einen der Buddhas aus meiner Hosentasche. „Da ist er ja“, rief Oma laut. „Hat Adele, diese Hexe, ihn also wieder rausgerückt?!“ „Nein“, wendete ich ein, „diesen hier hab’ ich vom Trödler.“ „Das kannst du vergessen. Der ist kein Ersatz für meinen echten, den will ich nicht. Mit dem falschen da kann ich nichts anfangen!“

„Ja, ja, Oma, du sollst auch deinen echten wiederhaben. Und ich mache dir folgenden Vorschlag. Wir erzählen der Verwandtschaft, dass ein Dieb dir einen falschen, als Köder ausgelegten Buddha geklaut habe, den du leicht zugänglich in die Seitentasche deiner Weste gesteckt hättest, während du den echten in der kleinen versteckten Innentasche verborgen hieltest. Denn weil dir in letzter Zeit so viele Leute dein Glück missgönnten und du damit rechnen musstest, dass man dir deinen Glücksbringer stehlen würde, hättest du eben diese List angewandt, und wärst froh, dass der dumme Dieb darauf reingefallen sei. Was meinst du, wie es deiner Schwester Adele wurmen wird, und sie erscheint gewiss zum nächsten Badetag, um ihren vermeintlichen Fehler wettzumachen.“ Den Buddha vom Trödler steckte Oma in die kleine Innentasche ihrer Weste und tat so, als wenn sie im Bad wäre, schlich sich aber durch den Flur und wir blickten abwechselnd durchs Schlüsselloch in ihr Schlafzimmer. Wir hatten den Schlüssel abgezogen und den Stuhl mit der Weste darüber so gestellt, dass wir alles beobachten konnten. Oma war außer sich vor Freude und Genugtuung, weil Tante Adele auf unseren Bluff einging und den vermeintlich echten Buddha aus der Weste gegen den gestohlenen von Großmutter eintauschte. Aber ich flüsterte Oma zu: „Verspreche mir aber bitte, dass du der guten Adele nichts verrätst. Sie ist mit ihrem falschen Buddha ja nun bestraft genug. Und lassen wir sie im Glauben, sie hätte den echten. So soll sie glücklich werden, und mit einem Schlag sind alle Zwistigkeiten um diesen blöden Glücksbringer aus der Welt.“ „Ja, ist schon gut. Junge. Ich verspreche dir, nichts zu sagen.“

Abends saßen wir dann glücklich beisammen. Es war ein Idyll, wie wir es seit zehn Jahren nicht mehr gekannt hatten. Die beiden alten Damen hatten ein zufriedenes Lächeln auf ihren Lippen und einen unbeschreiblichen Glanz in den Augen. Ein viertel Jahr später brannte mein Auto aus, weil die elektrische Anlage defekt war; den Wagen hatte ich kurz zuvor von Privat gekauft gehabt und keine Garantie darauf. Frustriert schlenderte ich heim, schlich geknickt durch den Flur, wo mir schrille Frauenstimmen aus der Stube entgegentönten. Ich schaute in den Spiegel an der Garderobe. Ja, ich sah schon aus wie ein richtiger Pechvogel, um Jahre gealtert, das Gesicht noch schwarz vom Rauch und die Kleidung verschmiert mit Motorenöl. Die Stimmen aus dem Wohnzimmer überschlugen sich immer heftiger. Großtante Adele schimpfte: „Ihr habt mir ein falsches Ei untergeschoben?! Dass ich nicht lache.“ „Ja“, bellte Oma, „wenn du es nicht glauben willst, frag’ doch meinen Enkel.“

Ich öffnete die Tür. Adele keifte mich sofort an: „Habt ihr mir das wirklich angetan, das mit dem falschen Buddha?“ Doch plötzlich hielt sie inne und die beiden schauten mich entsetzt an. Oma fragte: „Was ist denn mit dir passiert?“ „Nun, ich habe Pech gehabt, mein Wagen ist ausgebrannt.“ „Um Gottes willen, bist du auch nicht verletzt?“ sagten beide wie aus einem Munde. In Notfällen hält meine Verwandtschaft zusammen. „Nein, nein“, beteuerte ich, „aber was den echten Buddha anbetrifft, da muss ich euch beide enttäuschen, denn den hab’ ich nämlich seit einem viertel Jahr“, und zog ihn aus meiner Tasche.

Oma glotzte mich eine Zeit lang zornig und verdutzt an, fingerte aufgeregt den zweiten Buddha vom Trödler, den ich ihr heimlich in die Weste gesteckt gehabt hatte, hervor und betrachtete ihn ungläubig, während Adele zufrieden grinste, sich dann aber äußerte: „Nun, liebe Else, offenbar ist es ganz gut so, dass keine von uns beiden den echten Buddha gehabt hat, sonst hätte jetzt wohl eine von uns einen ausgebrannten Wagen, und würde genauso dämlich dreinschauen wie dein lieber Enkel Enno.“ „Ja, ja, da hast du wohl recht, Adele. Bisher hatte der Buddha zwar immer Glück gebracht, aber jetzt will er unsere Familie sicher für dies hin und her, was wir mit ihm getrieben haben, bestrafen. Und wenn ich es recht bedenke, haben wir mit unseren Imitaten eigentlich die friedlichste Zeit seit dem Tode unserer Mutter verbracht.“

Adele nickte: „Ja, ja, und so soll es auch bleiben!“ Ich schaltete mich ins Gespräch: „Soll das etwa bedeuten, ihr würdet auf den echten Buddha verzichten?“ „Ja, ja“, waren sie sich einig. Und ich tat das, was man vor zehn Jahren versäumt hatte. Ich warf den verflixten Glücksbringer auf den Müll.


Befristete Zuneigung

Als der Verwaltungsangestellte Hermann Krawutke die LPG-Arbeiterin Editha Pilokat ehelichte, war sie schon Ende Dreißig, eine „Übriggebliebene“, maskulin gebaut, schwarzhaarig, mit deutlichem Bartflaum in einem rotwangigem, fleischigem Gesicht. Der scheue Hermann hatte zwar von einer grazilen Schönheit geträumt, aber er war bereits über vierzig, dürr, kleinwüchsig und krumm, mit einer hässlichen Hakennase. Da konnte man keine Ansprüche erheben.

Er hatte vergeblich versucht, Editha für das zu begeistern, wofür nun mal sein Herz schlug, für die Poesie und die bildende Kunst. Er verzagte, denn diesen Dingen gegenüber erwies sie sich als undurchdringliches Bollwerk, und so zog er sich mehr und mehr von ihr in sich zurück, während sie enttäuscht ihren Tagträumen von einem handfesten Kerl, den sie sich eigentlich gewünscht hatte, nachhing.

Dann kam es zur überraschenden Grenzöffnung der DDR, dem Mauerfall. Am selben Abend noch fuhren sie in ihrem Trabi nach Berlin. Hermann und Editha erreichten problemlos das Westterritorium. Erst hier, im für sie exotischem Leuchtreklame-Flair, verloren sie alle Zweifel. Ihr Volk war wirklich frei. Und stürmisch fielen sie sich in die Arme. Eine viertel Stunde hielten sie sich fest umschlungen. Es war Monate her, als sie sich zuletzt umarmt hatten, und jetzt waren sie sich nahe wie nie zuvor.

Später erinnerten sie sich häufig daran. Jedes Mal fielen sie dabei in ein ratloses Schweigen, denn sie trauerten um dies sofort wieder abhanden gekommene Gefühl ihrer damaligen Seelenverwandtschaft, um dies innige Miteinander-Einssein, um diese kurzlebige Blitzliebe im Angesicht des Brandenburger Tores. Und sie wussten, die Grenzöffnung wird sich nicht wiederholen. Aber vielleicht käme ja ein Krieg . . .


Spucke der Verachtung

Olaf erschien als letzter unserer Clique, den Kopf eingezogen gegen den einsetzenden Regen. Mit grimmigen, blitzenden Augen blickte er sich um, im zerschlissenen Jeanslook eine junge Frau hautnah an seinen Fersen, die smaragdgrünen Augen in ihrem bleichen, hohlwangigen Vamp-Gesicht mit anklagendem Zorn, die vollen, blaugefärbten Lippen hysterisch verkniffen; über unserem Treffpunkt eine düstere Gewitterfront, den warmen Sommerwind auffrischend, als wir uns nach einem Monat der Abstinenz wieder versammelten. Maik, Enzo und Kalli tollten bereits jodelnd auf dem kurzgemähtem Rasen der Parkanlage herum. Dann einträchtig, mit roten Miniröcken gekleidet, unsere drei Girls im Stechschritt herbei, mitten durch die kleine Stadt, gemeinsam die Arme untergehakt.

Olaf strich sich mit einer fahrigen Handbewegung den feuchten, strubbeligen Blondschopf zurecht, schmauchte hastig an seinem Zigarillo. Seine schlanke, entschlossene Verfolgerin, diese Steffi, war uns anderen unbekannt gewesen. „Verstoße mich nicht. Ich werde mich ändern. Bestimmt!“ Sie umarmte ihn. Er schubste sie von sich, eilte mit langen Schritten zu seinem VW-Bus, sie hetzte schluchzend hinterher, rutschte aus, stürzte zu Boden, erwischte noch sein linkes Bein, heftete sich mit beiden Armen daran, hartnäckig wie ein Tasmanischer Teufel. Nur mühsam konnte Olaf sie abschütteln, schleifte sie ein Stück mit, bevor sie sich resignierend aus der Anklammerung löste. Erschöpft glitt ihr Kopf in eine Wasserpfütze, ihre seidigen, schwarzen Haare verwandelten sich in schmutzige Wollfäden. Unsere Girls signalisierten entrüstet, dass ihnen diese Szene furchtbar peinlich war und wendeten sich gleich ab. Maik meinte: „Man, ist die Tante ätzend.“ Enzo und Kalli spähten fragend zu Olaf hinüber, der inzwischen an sein Auto gelehnt mit trotziger Miene dastand. Olaf winkte stumm und beschwichtigend ab.

Erste Blitze zuckten, der Regen nun in Schnüren. Wir liefen geschwind zu Olafs Pkw, ohne Steffi noch eines Blickes zu würdigen. Hatte keiner ihre Verzweiflung erkannt oder war sie nur hysterisch?

Tanja erwartete uns in ihrem Partykeller; beklemmendes Schweigen während der Fahrt dorthin. Höflich lächelnd begrüßte sie uns. Dürr wie ein Laufsteg-Modell war sie. Ihre blonde Kurzhaarfrisur ließ sie noch kesser und intelligenter aussehen. Spaßeshalber hatte ich einmal ihren Stirn-Nasenrückenwinkel und den Oberlippen-Nasenstegwinkel gemessen. Die Werte entsprachen genau dem heutigen Schönheitsideal. Tanja kleidete sich elegant, war voller Erotik. Ihr abgeklärter, scharfer Geist und ihre Distanziertheit schreckten aber viele Männer.

Tanja und ich fanden uns auf Anhieb sympathisch, und so ist es geblieben. Man betrachtete uns als Paar. Wir hockten viel miteinander zusammen, betrieben gemeinsam die Hobbymalerei und küssten uns, an besonders glücklichen Tagen. Mit ihr hätte man ohne Schwierigkeiten eine Familie gründen können. Ihr konnte man unbedingt vertrauen, sie hatte keine Launen, ihre Fröhlichkeit jeden Morgen, wenn ich mit ihr aufwachen würde. Aber wie lange könnte ich so ein Eheleben ertragen? Damals war ich neunzehn und hatte Bedenken, vor Langeweile zu verstauben.

Im Partykeller erzählte Olaf uns dann endlich von seiner Verfolgerin im Park: „Steffi heißt sie. Ich lernte sie im „Joy“ in Hannover vor einer Woche kennen. Sie hatte gerade ihr Psychologiestudium geschmissen und war ganz schön zugedröhnt gewesen. Ich ließ mich mit ihr ein. Kurz darauf merkte ich, dass sie Heroin nahm und sich prostituierte. Da war natürlich Trennung angesagt. Aber diese Klette will es nicht kapieren. Ich hätte ihr nicht von unserem Treffen berichten dürfen. Sie hatte schon versteckt auf mich gelauert; muss wohl hergetrampt sein.“

Und wieder ersteht vor mir das Bild dieser Steffi, trostlos ihr Gesichtsausdruck beim Abschied im Park, wie eine öde Polarlandschaft, aus welcher der eisige Wind jedes Leben vertrieben hatte. Ob sie noch in der Pfütze verharrte? Ich musste immerzu an sie denken. Das Unfassbare ihres Wesens fassbar machen, das war es an ihr, was reizte. An Tanja war alles glatt, im Voraus zu berechnen, denn sie folgte stur den gesellschaftlichen Regeln, mit unerschütterlicher Vernunft. Doch Steffi erschien wild, unbeherrscht und unberechenbar. Ich konnte sie nicht mehr aus meinem Kopf verbannen, zu neugierig war ich, sie kennen zu lernen, ihre Motive zur Sucht zum Beispiel, für mich Fremdland, und alles andere an ihr stellte ich mir damals abenteuerlich, geheimnisvoll vor, wie das Erforschen eines unbekannten Dschungels.

Ich sagte zu Tanja, ich hätte noch wichtige Arbeiten zu erledigen. Sie reagierte konsterniert und gekränkt, hatte sie doch mit mir einen schönen Abend erwartet. Sie hoffte immer noch, dass wir ein echtes Paar würden. Ich beeilte mich auf meinem Fußweg zur Parkanlage. Steffi kauerte in sich zusammengesunken auf einer Sitzbank, nahe der Pfütze. Ihr buntes, ausgefallenes Hippie-outfit klebte von der Nässe eng an ihrer gebräunten Haut, so dass ihre leichten weiblichen Rundungen unbeabsichtigt lockten. Die Haare schlingerten noch wie Wasserpflanzen vor ihrem Gesicht. Endlich ließ der Regen etwas nach. Ich tippte ihr auf die Schulter. Träge schaute sie auf. Ihre Augen starrten verstört an mir vorbei; der Blick schien sich in einer Welt voller Entsetzen zu verlieren. Ihr Schluchzen klang bitter, wie ein letztes Seufzen vorm Sterben, ein ohnmächtiges Sich-Ausliefern in einen Psychotod, ein Eingefrorensein der Lebensfunktionen, wie bei geschockten Kaninchen kurz vor dem vernichtenden Zugriff des Bussards.

Es war zwar ein lauer Sommerabend, aber ein bisschen Wind und die durchnässte Kleidung, so was führt leicht zu einer Erkältung. Mit bebender Stimme sagte sie mir, dass sie zehn Kilometer entfernt wohne, in Bargstedt. In dem Zustand hätte sie sicherlich keiner mitgenommen, und Busse fuhren um diese Zeit an Wochenenden hier nicht. So holte ich meine Limousine von Zuhause, kramte eine Wolldecke daraus hervor und legte sie ihr um, schob meinen Arm behutsam unter Steffis und zog diesen feinen, störrischen Körper sanft zu meinem Wagen.

Stufe für Stufe schob ich sie die Treppe zu ihrer Dachgeschosswohnung hoch, setzte sie dann in ihre Dusche. Wie ein braves Baby ließ sie sich von mir waschen. Ich sah ihre Einstiche am Arm. Nachdem ich sie trocken gerubbelt hatte, suchte ich ein paar Kleidungsstücke aus den Schränken zusammen, ein mühsames Unterfangen, weil alles durcheinander lag; so lag ein Socken eines zusammengehörigen Paares im Küchenschrank, während der andere sich im Nachttisch versteckt hielt.

Steffi saß leblos auf der Kante ihres breiten, französischen Bettes. Plötzlich riss sie ihren Slip herunter, warf die Beine auseinander und ließ ihren Oberkörper schlapp ins Bett fallen. „Gib mir fünfzig Mark, und du kannst mit mir machen, was du willst!“ Wie konnte sie sich nur derart entwürdigen. Pausenlos redete ich auf sie ein, dass ich ihr einen Therapieplatz besorgen wollte und sonstige Dinge, denn die Sucht war an allem Schuld. Es perlte sinnlos ab von ihr wie Regenwasser an einer Böschung.

Sie flehte mich an, nur dieses einzige Mal Stoff für sie zu besorgen. Dann würde sie Ruhe finden, und wir könnten ernsthaft über eine Therapie sprechen. Der Schmerz in ihren traurigen Augen, das Zittern und Zucken ihres zerbrechlichen Körpers, der Anblick grenzenlosen Leidens, erzwangen mein Mitleid. Sie litt an erbärmlichen Schüttelfrost, doch es war schwül und draußen blühten die Linden. Ich sagte schließlich, wir führen in die Stadt, und der willenlose Körper setzte sich auf einmal energisch in Bewegung, galoppierte die Treppe hinunter zu meinem Pkw, dass ich Mühe hatte, gleichauf zu folgen.

Die Lichter von Hannovers City rückten näher. Ich gab ihr 250 DM. In diesem Augenblick erschien sie mir ruhig; hätte ich ihn doch einfangen, stoppen können, die Buchenbäume hätten Äpfel getragen. Aber ich wartete im Auto, während sie ihr Suchtbedürfnis mit Heroin befriedigte. Nach einer halben Stunde kam Steffi wieder, eine beschwingte, junge adrette Frau, ohne Sorgen, hätte man meinen mögen. Was war sie doch jetzt für ein süßes, agiles Geschöpf, sie wirkte nun entspannt, ihre wunderschönen Augen sehr verträumt.

Ich war erstaunt, über was man sich alles mit ihr unterhalten konnte, vom Zen-Buddhismus über dadaistische Malerei bis hin zum Humeschen Induktionsproblem, und alles mit bereichernd verspielter Tiefe. Amüsant fand ich auch ihren verrückten Versuch, mit Worten das Besondere des Lächelns der Mona Lisa darzustellen. Und ich wusste, ich hatte eine Schwäche für solche Frauen, denn irgendwo in meiner Seele ist ein verstecktes, sehr individuelles Kämmerlein mit einem bestimmten Code, und so eben nicht für jeden zugänglich. Ich stellte ihr einige Fragen, die mein eigenstes Verständnis dieser Welt gegenüber betrafen, und ihre Antworten trafen mich unerwartet wie Blitze; sie hatte den Code in mir geknackt.

Ein Gefühl stellte sich ein, dass ich mit ihr eins wäre, dass nur ein Herzschlag in uns erklingt; ein Bedürfnis, sich ihr völlig auszuliefern, völlig hinzugeben, jede Kluft des Anderssein, die uns einsam vor den Mitmenschen einschließt, zu ihr aufzulösen. War es das, was man Verlieben nennt?

Am übernächsten Tag ging ihr wieder der Stoff aus, ohne dass wir über Therapie geredet hätten. Es war so schön mit ihr, dass ich auch wohl unbewusst dieses Thema mied. Sie wurde unausstehlich gereizt, schlug panisch auf mich ein, um gleich darauf wie ein Kleinkind zu jammern, dann schmiss sie eine Tasse durch den Raum. Ich konnte ihren stupiden, widerlichen Minotaurusblick nicht länger ertragen und flüchtete ins Bad, ließ Wasser in die Wanne ein, um bei einem entspannenden Bad über unsere weitere Zukunft nachzudenken.

Plötzlich stürmte sie das Badezimmer und überfiel mich in der Wanne, kratzte meinen Rücken blutig. Ihre Augäpfel wirkten steif und auch die Körperhaltung glich der einer Spastikerin, und abermals gebärdete sie sich wie eine Furie. Endlich erwischte ich sie, packte in ihre weichen Haare und zog sie in die Wanne, grub krampfhaft meine Fingernägel in ihren zarten Nacken und riss ihr ruckartig das Fleisch auf. Blutschwaden von ihr und mir zogen in der Wanne umher, ihr Blick war immer noch leer. Ihr Körper schien wie ein unbewohntes Schneckenhaus, von ihr verlassen, wie der einer Mumie, und mir wurde plötzlich beklemmend klar, wie einsam ich ohne sie sein würde. Ich ließ eiskaltes Wasser über ihr Haupt laufen und schlug ihr mit der flachen Hand hart ins Gesicht, um sie zurückzuholen.

Erstaunt gaffte sie mich an, wie jemand, der gerade aus einer Ohnmacht erwacht. Sie schaute auf das in der Wanne treibende Blut. Ich merkte schmerzhaft, wie das Schaumbad in meinen Wunden brannte. „Was hab` ich getan? Was hab’ ich nur getan?“ stieß sie wimmernd heraus. Sie umarmte mich gierig. „Verzeih’ mir! Verzeih’ mir Liebling, bitte! Hilf mir! Ich brauche dich doch. Sei mir nicht böse!“ Ich zog sie ungestüm an mich. Wir liebten uns rasch und mit voller Leidenschaft.

Wieder und wieder kaufte ich ihr Stoff. Nie mehr wollte ich sie in diesem Zustand sehen. So gingen einige Wochenenden mit ihr dahin. Dann hatte ich ausnahmsweise früher Feierabend und hörte sie und eine Männerstimme in ihrem Schlafzimmer stöhnen und schreien, wie aus sexueller Lust. Leise schlich ich ins Wohnzimmer. Ein unbändiges Gefühl von Hass stieg bei jedem der lauten Liebesgeräusche in mir auf. Wutentbrannt griff ich zu einem Küchenmesser, trat mit einem gewaltigen Tritt die Schlafzimmertür ein, die mitten im Raum vor dem sündigen Bett landete. Sie hatte es mit einem hässlichen, alten Herren getrieben. Der Kerl sauste sofort zu dem Stuhl, auf den er sorgfältig seine Sachen gelegt hatte, ergriff seine Schuhe und verschwand mit angsterfülltem Blick im Treppenhaus.

Da stand ich nun vor ihrem Bett, drückte den Messergriff so fest, als wollte ich Saft aus ihm herausquetschen. „Hast du es dir wenigstens gut bezahlen lassen?“ „Ja“, heulte sie. „Ich wollte nicht nur dein Geld.“ „Und deine Lustschreie, hat er dafür extra gezahlt?“ Sie glotzte mich verständnislos an, ließ sich vor mir auf den Boden gleiten, umfasste meine Fersen und winselte um Vergebung. Hätte sie doch gesagt, sie habe kein Empfinden bei dem anderen gehabt, sie hätte etwa den Preis damit hochtreiben wollen. Ich schreckte vor meinem sich steigernden Hass zurück und mir wurde klar, dass ich sie mehr liebte, als ich mir eingestehen wollte und war unfähig, es einfach abzustellen. Die Nacht verbrachte ich unruhig hin und herwälzend auf dem Sofa. Köstlicher Kaffeeduft und ein zarter Kuss von Steffi weckten mich am nächsten Morgen. Sonst hatte ich immer die Kaffeetafel bereitet und Steffi nur mühsam aus den Federn bewegen können. Und jetzt stand auf einmal das tollste Hippiemädchen der Welt vor mir, mit Flower-Mini, schwarzen Netzstrümpfen, Margeriten im Haar und einem faszinierenden Lächeln um ihren sinnlichen Mund. Wenn sie eine Indianerin gewesen wäre, hätte man sie bestimmt die „Kleine Morgenfrische“ genannt. Meine Eifersuchts- und Ekelgefühle vom Vorabend waren abgeflaut. Ohne Worte schlürften wir besinnlich unseren Kaffee aus. Danach überraschte sie mich mit einem kleinen Geschenk, einer drolligen, pummeligen Stoffeule in der Größe einer ausgewachsenen Ananasfrucht. Sie sagte: „Das von gestern tut mir leid. Aber es gibt so einiges in mir, was ich selbst nicht verstehe. Die Eule soll dir als Fetisch dienen, wie die Kugel einer Wahrsagerin, um dich zum konzentrierten Nachdenken anzuregen. Und ich hoffe, du erkennst, warum ich nur mit dir zusammenleben will und niemals etwa mit diesem Mann von gestern.“

Sie ging hinaus. Ich betrachtete eine Zeitlang das Kuscheltier. Ja, warum mochte sie mich eigentlich? Es mochte meine Zärtlichkeit, mein Verständnis und die unermüdliche Gemütswärme sein, die mich für sie attraktiv machte. Und ich begriff plötzlich, wie Eifersucht all dieses verstümmeln würde. Es müsste unerträglich für sie sein, wenn ich als Gehörnter auftreten, nörgelnd einen Wall um sie mauern, nach Moral und Sitte schreien und mich in Selbstbeweihräucherung und Selbstgefälligkeit ihr gegenüber brüsten würde. Vieles würde ich verlieren, was sie an mir geliebt hatte. Ich hatte keine Berechtigung, Rechenschaft von ihr zu verlangen für ihre Taten; und betrogene Männer, die Gefängnisse um ihre Frauen errichten, werden zu deren meistverachteten Gefängniswärtern, und alle Gefühle erlöschen.

Hatte mich die Kontemplation mit der Eule wirklich zu einer schlüssigen Einsicht geführt, oder war es nur eine Art Schutzlösung, um die peinigende Eifersucht in mir zu neutralisieren? Ich war mir sicher. Zweifelsfrei war ich auf eine Lebensweisheit gestoßen, küsste die Plüscheule, atmete erleichtert auf, rannte zu Steffi und nahm sie herzlich in die Arme. Was würde ich denn tun, wenn sie mich nur noch passiv eifersüchtig bewachen, ihren Charme, ihre Fröhlichkeit, ihre frivole Natürlichkeit, ja selbst ihren Wahn dagegen eintauschen würde? Ich würde sie natürlich verlassen. So blieb mir nichts übrig, als diese Eifersucht in mir zu besiegen, nur so hoffte ich, Steffi für ewig zu gewinnen, und begriff, wie sehr ich sie liebte.

Hinausschreien wollte ich mein Glück. Alle sollten es wissen. Abends lud ich sie in die hiesige Disco ein, betrachtete sie, wie sie sich am Spiegeltisch zurecht machte. Hatte ich nicht ein Supermädchen, mit der ich jeden Tag genießen sollte, an dem sie mich noch begehrte? Ich rauchte eine Pfeife voll „grass“ und konnte den Blick nicht von Steffi lassen. Wie sehr war ich ihr doch schon verfallen?!

Etwas angetörnt stürmten wir die Diskothek. Tanja verließ entrüstet, mit vor Zorn sprühenden Augen, die Räumlichkeiten, die anderen aus der Clique ebenfalls. Olaf sagte mir, dass ich ihm Leid täte. Aber es werde der Tag kommen, wo ich es einsehen würde. Doch ich konnte Steffi nicht mehr loslassen. Und Tanja hätte den Schmutz einer Hure nicht ertragen können, der an mir unwiderruflich wie eine Tätowierung eingeätzt war. Steffi und ich tanzten ekstatisch bis zur Seligkeit. Völlig berauscht und erschöpft fielen wir gegen Morgen in ihr Bett. Selten habe ich so gut geschlafen.

Die nächsten Wochenenden war sie erneut überflutet von reizbarer Unruhe und Zerfahrenheit in ihren Gedanken. Diese Zustände häuften sich mehr und mehr. Ihr Verhalten wurde unerträglich. Es umfasste ein Spektrum von einem störrischen, trotzigen Kleinkind bis hin zu einer hektisch um sich schlagenden Bestie. Tassen und Teller gingen abermals zu Bruch. Und die Liebe zu Steffi forderte aufs Neue von mir Versuche, sie vom lebensbedrohlichen Heroin abzubringen. Die Folge meiner Bedrängnisse war, dass sie sich gänzlich von mir abwendete, und einen „Freund“ aus der Drogenszene kennen lernte. Ich erahnte ihren Untergang. Dann begegnete ich ihm mit Superschlitten, typischer Zuhältertyp, groß, schlank, harte Gesichtszüge, schwarze Lederklamotten. Zwei etwas kleinere Herren in Maßanzügen begleiteten ihn, offenbar seine Gorillas.

Steffi wollte gerade zu ihnen in den Cadillac steigen, da ergriff ich sie am Arm, hielt sie zurück und redete beschwichtigend auf sie ein. Ich spürte, wenn sie mitführe, würde ich sie nicht wieder sehen, und sie würden nicht nur ihren Körper vergiften, sondern auch ihre Seele weiter zerstören. Doch Steffi riss sich von mir los, die drei stiegen aus, schimpften mich einen Sozialprediger, der sich um seine Angelegenheiten kümmern solle. Krampfhaft umklammerte ich Steffi und flehte sie an, zu bleiben. Nun ergriffen mich die drei, zerrten und schleiften mich auf den breiten Grünstreifen am Straßenrand. Ich spürte ihre harten Schuhabsätze in meinem Gesicht, wieder und wieder immer härter werdend. Regungslos blieb ich auf dem Bauch liegen. Endlich ließen sie von mir ab. Ich hörte wie sich ihre Schritte entfernten, dann das Schlagen der Autotüren, hob vorsichtig meinen Kopf.

Warm rann mir das Blut aus einer Stirnwunde an der Nase vorbei, ich schmeckte es auf meinem Mund, dann tropfte es zwischen meine gespreizten Finger. Ich empfand keinerlei Schmerzen, registrierte das Geschehen kalt wie ein Roboter, blickte zwischen ein paar längeren Grashalmen hindurch gegen die untergehende Abendsonne auf die vier Meter vor mir entfernte Silhouette von Steffis Körper. Breitbeinig fordernd stand sie da, beschimpfte mich: „Du denkst wohl, du bist was besseres. Ich habe die Schnauze voll, nach deiner Pfeife zu tanzen. Geh` doch zu deiner Tanja, du Mistkerl!“ Und in ihren Augen war für Sekunden wieder jene traurige Verzweiflung, wie damals, als sie in der Pfütze zurückblieb, nur jetzt lag ich da unten am Boden. Ihr Gesicht verzog sich kurz zu einer Fratze, sie spuckte nach mir aus, dann hastete sie schluchzend weg, verschwand im Inneren des Cadillacs, der darauf davonbrauste.

Der Blutstrom aus meiner Wunde floss schon sachter, war aber immer noch warm und beruhigend. Steffis Spucke hatte sich nicht weit von mir an zwei schwächlichen Grashalmen gehängt, die sich unter der Last durchbogen. Ich beobachtete gebannt, wie die einzelnen Bläschen, schillernde Facetten, eine nach der anderen zerplatzten. Das letzte, was mir von Steffi jetzt geblieben war - die Spucke ihrer Verachtung. Nein, ich wusste, sie liebte mich. Die Spucke galt ihr selbst.

Etwas Luftbewegung kam auf. Ein kleiner Teil der Spucke wurde hinweggerissen, ein winziges Stück Gestalt gewordener Selbstverachtung, ertrinkend in einem gigantischen Kosmos.

Steffi habe ich nicht wieder gesehen. Ich hörte bald, sie sei an einer Überdosis Heroin auf einer schmutzigen, zugig-kalten Bahnhofstoilette elendig verreckt. Und alle Geborgenheit, die ich ihr geben wollte, alles Liebe, was ich ihr hätte noch sagen wollen, es bohrt unerfüllt, wühlt und gärt rastlos in meinen Eingeweiden, solange ich lebe. Aber wenn mir jetzt mal eine Dame Verachtung entgegenbringt, dann überwinde ich es mit Gelassenheit, weiß ich doch von der Bedeutung der Spucke meines Mädchens, meines Hippiemädchens, der Einzigen, die ich wirklich geliebt habe.


Baltus Fehn

Er war beunruhigt. Wie konnte ihn Frauen- Augengewebe nur so in Verzückung versetzen? Die junge Anna, Tochter des Modezaren Pretorius, wurde ihm vorgestellt. Baltus Fehn hatte an dem Abend eine Gesellschaft in seinen Bungalow eingeladen, Geschäftsleute wie er, mit ihren Ehefrauen und erwachsenen Töchtern und Söhnen. In Annas großen Augen lagen ruhig und klar die himmelblaue Iris und die vor Erregung weit geöffneten Pupillen. Sicher hatten gewisse Schlüsselreize ihn verwirrt. Aber Annas Körper steckte noch in dem massigen Pelzmantel. Vielleicht spielte ihm die Phantasie einen Streich, indem er sich einen erotischen Körper zu ihrem ovalen, feinen, aber energischen Gesicht vorstellte, wie pollierende Knaben in ihren Träumen. Beim Betrachten ihres feuchten, prallen verlangenden Mundes merkte er ein unwillkürlich verkrampftes Schlucken hinter seiner Zunge. Anna lächelte ihn an, lobte seine glatten, gepflegten Hände, verschwieg dass sie zu kurz geraten waren.

Baltus listige, braune Augen versanken lüstern hinter ihren Schlupflidern. Die hohen, derben Wangenknochen und die dickfleischige, an einen Kloß erinnernde Nase, machten ihn zu einem an Fettsucht leidenden, trägen Pseudo-Mongolen. Baltus Hals war zu einem fetten Polsterring entartet, wie eine zu Fleisch gewordene medizinische Halsmanschette, der ganze kahle Rundschädel mit einer trunksüchtig wirkenden, blauroten Farbe überzogen, was ihm einen bäuerlichen Touch gab. Sein voluminöser Bauch versperrte ihm die Sicht auf seine verzweifelt schräggestellten, wie unter der Last wegknickenden, mickrigen Beine.

Anna war von Schönlingen aus allerfeinsten Kreisen ausgeführt worden, sie hatte ein diszipliniertes Auftreten mit Stil und Anmut. Nur kurzzeitig protzte sie mit den verzogenen Adelssöhnen durch die Nobelschuppen. Annas Herz vermisste wirkliche Zuneigung, einen Mann auf den Verlass war, der sie um ihrer selbst willen liebte. Und den glaubte sie in Baltus Fehn gefunden zu haben.

Am liebsten hätte Baltus seinen lästigen Leib abgestreift wie eine Schlangenhaut, denn darunter verbarg sich eine grazile, sensible, gebildete, mitunter auch heroische, aber kultivierte Natur, die durch die oberflächliche Gestalt an ihrem Dasein behindert wurde. Doch Anna hatte schnell die schöne Seite seiner Natur aktiviert, dass er die hässliche vergaß. Anna besuchte ihn für zwei Wochen, dann blieb sie wieder für eine Woche daheim.

Baltus genoss die Zeit mit ihr. Nach außen hin und für Anna schien das Glück perfekt. Ihre Temperamente harmonierten, sie waren zärtlich miteinander, Meinungsverschiedenheiten wurden fair ausgetragen, sie witzelten an seinen freien Wochenenden von morgens bis abends. Baltus war scheinbar unbeschwert. Es gab auch keinen vernünftigen Grund sich über sie zu beschweren. Und dennoch umarmte er sie wie eine neurotische Mutter ihre Tochter. Er schlang seine Arme um sie und drückte sie doch gleichzeitig etwas zurück. Anna schien es nicht zu merken und kuschelte leidenschaftlich gerne mit ihm. So wies er sie nicht ab, selbst wenn er im Augenblick keine Lust dazu verspürte.

Wenn er dann aber wieder allein war, durchströmte ihn ein sagenhaftes Gefühl des Losgelöstseins. Als Einzelkind war er aufgewachsen, seine Eltern waren ständig geschäftlich eingebunden, Baltus sich selbst überlassen gewesen. In der Schule hatte er keine Freunde gehabt. Er hatte es gelernt, sich selbst zu genügen. Jetzt, wo er mit Anna zusammen war, fühlte er diesen Mangel aus seiner Vergangenheit bedrohlich in ihm aufsteigen, diese Vereinsamung. Erst jetzt wurde ihm hautnah klar, dass er sich wie ein Hund all die Jahre dazu hat abrichten lassen und nun war diese egoistische, gefestigte Einheit zu keinem tiefen Bezug zu anderen mehr fähig. Nie hatte er es mehr gespürt als mit ihr, und dabei konnte er sich keine idealere Frau für sich vorstellen. Doch es war kein Platz in seinem Leben, in der Tiefe seiner Persönlichkeit, den sie hätte füllen oder ergänzen können. Mehr und mehr wurde es zur bitteren Gewissheit.

War sie aber fort, malte er liebevoll ihr Portrait und seine Gedanken kreisten um sie. Dann klingelte es an der Tür. Er schreckte auf, denn er hatte nicht mehr daran gedacht, dass sie heute ihren Besuch angekündigt hatte. Er schlich zur Tür und linste durch den Spion. Sie hatte sich hübsch für ihn geschminkt, in ihren Augen lag ein erwartungsvolles, liebliches Lächeln. Gleich würde er öffnen und sie ihm selig in die Arme fallen.

Aber er öffnete nicht. Sein Auto stand vorm Haus, er musste da sein. Sie schellte erneut. Und auf einmal stieg Angst in das Bewusstsein der jungen Frau, die verschlossene Tür offenbarte sein verschlossenes Herz. Irgendwie geisterte diese Empfindung schon von Anfang an wie ein Phantom zwischen ihnen, nur hatte sie es sich nie eingestehen wollen, und sie ging verhaltenen Schrittes fort. Er wollte sie zu sich hereinholen, ihr sagen, dass er nicht mehr mit ihr zusammensein wolle, dass er nicht anders könne. Aber sie wird es nicht begreifen, schoss es ihm durchs Hirn und er schaute ihr durchs Fenster nach, wie sie mit gesenktem Kopf langsam davon schritt, und dann stockte sie, als wollte sie doch noch umkehren. Sie blickte sich noch einmal kurz nach seinem Haus um. Er trat einen Schritt von der Gardine zurück.


November mit Katrin

Meine Art, die Dinge des Lebens zu betrachten, begann sich an jenem trüben Novembertag grundlegend zu ändern. Ich war damals ein allein stehender Mann von dreiundvierzig Jahren, betrieb eine gut gehende Anwaltskanzlei, hatte gerade eine beträchtliche Erbschaft gemacht, genoss gesellschaftliche Anerkennung und besaß eine Villa mit neun prunkvoll eingerichteten Zimmern, in denen ich hin und wieder, mit großem Arrangement, Cocktailpartys gestaltete, zur vollen Zufriedenheit meiner Gäste.

An jenem kühlen Novembertag also - ich öffnete, wie gewöhnlich, mein Bürofenster zum Lüften und schaute zufällig über den schmalen, gepflasterten Platz davor auf die gegenüber liegenden weißgetünchten Barockbauten - als plötzlich auf einem der Balkons diese junge Frau auftauchte, mit deren Anblick meine innere Wandlung ihren Anfang nahm.

Sie war gerade erst dort eingezogen, zusammen mit ihrer älteren Schwester, wie ich später erfuhr. Ich hörte, wie die ältere Schwester ihren Namen rief. Katrin hieß sie. Stundenlang saß sie manchmal da, der schmale Körper verschluckt von einem zu groß geratenen, alten Mantel, aus dem dies bleiche zierliche Gesicht hervor lugte, von seidigen blonden Haaren umfangen.

Es unterschied sich ganz und gar von diesen eintönigen, mumifizierten Visagen, die einem aus sämtlichen Illustrierten anlächeln, wo jede Falte, die das Leben geschrieben hatte, zugespachtelt war, und deren Kopien einem tagtäglich überall begegnen, die gleichermaßen von der Jet-set-Gesellschaft wie von den einfachen Leuten getragen werden. Auf jeder Cocktailparty hatte ich in diese aufgemotzten Fassaden-Gesichter gesehen. Es erschien mir alles selbstverständlich, und nach der Rückseite dessen, was ich sah, hatte ich nie gefragt.

Hatte ich mir nicht auch einen prachtvollen Kokon gesponnen, eine tolle Fassade geschaffen, und als schillernder Hahn war mir eins sicher - viele Hennen.

Doch da war plötzlich das unverfälschte, offene Antlitz von Katrin und diese ungekannte Tiefe darin, die meine Gefühle und Gedanken verzauberten. Katrin erschien mir als Wesen jenseits der Welt, in der ich zu Hause war mit all den aufgeputzten Gesichtern, die unbedingt gefallen wollten. In ihren aquamarinfarbenen, besänftigenden Augen spiegelte sich mir erstmals die Stille und die Schönheit eines selbstlosen Seins. Ein schweres Leiden musste sie quälen, ein ferner Schmerz. Aber das milde, gütige Lächeln einer Madonna um ihren feinen Mund verlieh ihr eine seltsame Zufriedenheit, eine innere Harmonie des geschundenen Individuums mit seinem gnadenlosen Kosmos. Und ich spürte, ihr gegenüber war ich nur ein armer, nackter Spatz, der aus dem Nest gefallen war. Ich hatte meine Identität verloren. Die Raupe, die den herrlichen Kokon produziert hatte, war selbst zum Kokon erstarrt. Neun Räume besaß ich und konnte doch zur Zeit nur in einem sein. Mein ganzer Stolz, mein ganzes lächerliches Glück lag im Bewusstsein, noch acht andere Räume zu besitzen.

Obwohl sie beim Laufen das rechte Bein etwas nachzog und sich ab und zu ein Mundwinkel vor Schmerz verzog, erweckte sie nicht den gequälten, mitleiderregenden Eindruck einer Behinderten. Nein, bei ihr erschien alles in gelöster Übereinstimmung; das Leiden schien untrennbar mit ihrem Wesen verbunden, es gab ihr sogar eine besondere Form von Würde.

Durch den düsteren, wolkenverhangenen Himmel drängten sich einige Sonnenstrahlen und beleuchteten, wie Scheinwerfer, punktuell einen Ausschnitt des gepflasterten Platzbodens und zwangen zur Konzentration, zum Nachdenken. Den Farben der Herbstlandschaft haftet nicht das fröhlich Leichte der kunterbunten Blüten des Sommers an - diese Farben signalisierten Vergänglichkeit. Und unwillkürlich fragte ich nach meiner eigenen und nach dem Sinn des Daseins. Auf diese Frage fand ich jedoch bis jetzt keine Antwort. Nur der Selbstmörder glaubt sie zu wissen. Für ihn ist das Leben sinnlos. Doch solange der Begriff „Leben“ nicht definiert ist, soll man durch den Tod keine endgültige Befreiung vom Leben erwarten. Die Seele könnte leicht in eine andere Materie schlüpfen, etwa in die eines Huhns in einer Legebatterie.

Eines Nachmittags, ich ging im Waldpark ein paar Schritte, und setzte mich, wie jedes Mal, auf die einzige noch unzerstörte Bank dort. Nach einer Weile stakste eine junge Frau durch den dichten Nebel. Sie zog das rechte Bein etwas nach und ihr Gesicht war ein bisschen vor Schmerz verzogen. Es war Katrin. Sie fragte nur kurz, ob sie sich setzen dürfte. Ich nickte zustimmend. Schweigend saßen wir da. Ab und zu sahen wir uns an. Schaute sie dann wieder geradeaus, merkte ich, dass sie lächelte.

Ohne Absprache trafen wir uns nun jeden weiteren Tag auf der Sitzbank im Wald, saßen still da, horchten in uns hinein und in die schwerblütig anmutende Natur, sahen uns gelegentlich an, und waren glücklich. Unschuldig wie Kinder saßen wir beieinander. Einmal dachte ich daran, sie zu umarmen und sie zu meiner Freundin zu machen, ließ es aber sein, denn es wäre sicher töricht gewesen, und hätte dieses zarte Glück zerstört. Unsere Seelen hatten sich ja längst umschlungen. Und ich erahnte, dass Glück wie ein Schatten ist; es lässt sich nicht einmauern. Vielleicht idealisierte ich Katrins Persönlichkeit auch zu sehr und hatte nun Angst vor der Wahrheit. Sind doch unsere Ideale nur Traumvisionen, Rockzipfel, nach denen wir vergeblich greifen, die uns stets ein Stück vorauseilen.

Drei Tage war ich dann fort auf einer Konferenz. Die Herren bliesen sich auf und die Damen kokettierten; ein jeder rang um die Gunst der anderen. Es war für mich so, als wenn ich ur-uralte Bekannte wieder traf, und einer davon war ich selbst. Aber ich hatte mich verändert, hatte dies Affenstadium überwunden.

Mein bisheriges Leben war jedoch nicht zwecklos gewesen. Es hatte mir Vermögen beschert, womit ich mich nun von dieser Mimikry-Gesellschaft freikaufte.

Die Bank im Waldpark aber blieb neben mir leer. Katrin kam nicht mehr. Tagelang hatte ich vergeblich nach ihr Ausschau gehalten. Dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich suchte ihre Schwester auf. Die sagte, Katrin habe gewusst, dass ich kommen würde und ich sollte die Sache mit dem Leiden erfahren. Ihre Schwester erzählte mir, dass Katrin bei einem Auslandsaufenthalt von einem betrunkenen Autofahrer überfahren worden sei, und sie deswegen ihr Bein etwas nachgezogen habe. Sie hätte viel Blut verloren und habe eine Bluttransfusion bekommen. Doch die Blutkonserven wären mit Aids-Viren infiziert gewesen und nun sei sie schließlich daran gestorben.

Ich verabschiedete mich schweigend aus diesem Haus, die feuchte Luft legte sich schwer auf meine Brust, und ich begab mich mit verhaltenen Schritten zu unserer Bank, wie zu einer Beerdigung, setzte mich und starrte in den grauen Himmel, als könnte ich Katrin dort sehen. Etwas Luftbewegung kam auf und vertrieb den Nebel. An den Ästen der Bäume klammerten sich noch krampfhaft einige Blätter, in den Wipfeln säuselte leicht der Wind, und für einen Moment war mir, als hörte ich sie flüsternd meinen Namen rufen.


Zwei Mini-Geschichten

Fabelhafte Posse

Die Heilige Schrift ragte aus dem Bücherregal hervor. Man gesellte eine Erotikausgabe dazu, und vor dieser hatte jemand einen abgewetzten Schuhanzieher abgelegt.

Das Moralwerk empörte sich über die Erotikedition: „Es ist eine Schande, mit so einem Schmierenstück auf eine Ebene gestellt zu sein. Verbannen sollte man dich! Durch mich aber“, ereiferte die Bibel sich, „erlangen die Menschen ihr wahres Wohl. Dazu weise ich sie an, wie sie zu leben haben.“

„Ich stimuliere die Leute und bringe ihnen Freuden“, triumphierte das Erotikbuch.

Der Schuhlöffel aber hielt sich heraus und brummelte nur gelassen: „Was schert’ s einen wie mich.“ Schließlich wurde er von den Dreien am meisten gebraucht, den Erotikband nahm man hin und wieder aus dem Bord - nur die Bibel rührte keiner an.

Haltlos

Ich habe die Halbwertzeit berechnet. Aus dem Treffen in Worpswede wird nichts werden können. Der Verfall wird bis dahin abgeschlossen sein. Ich hatte es ja immer befürchtet, dass es eines Tages einträfe. Nun hat es mich erwischt, und auch die anderen um mich herum. Selbst die alte Pilokat von nebenan, an der habe ich es auch beobachtet. Ihre Körperoberfläche, die gesamte Peripherie erscheint verschwommen. Sie löst sich auf samt Kleidung; bei mir ist es der linke Fuß, nur noch ein flimmerndes Scheingewebe. Meine Brille habe ich überprüft, an ihr liegt es nicht. Die alten Denker stellten sich schon damals die Frage, was die Welt wohl im Innersten zusammenhält. Es gab nie eine befriedigende Antwort.

Ich blicke mit Entsetzen aus dem Fenster, die Substanz der Bäume in der Konrad-Adenauer-Allee ist schon größtenteils verschwunden. Die Kraft, oder ist es keine Kraft, die den Dingen ihre Formen erhalten hatte, scheint plötzlich aus irgendeinem Grunde zu versagen. Die Zellverbände der Lebewesen fallen einfach auseinander und fliegen verstreut im Sonnenwind. Nur Elfriede Pilokat, meine resolute Nachbarin betrachte ich in ihrem Garten, wie sie vor Freude wie ein junger Derwisch tanzt, ihre Blicke magisch in einen Handspiegel gerichtet, weil sich ihr hässlicher Buckel, an dem sie wie an einem Zentnersack Kartoffeln all die Jahre schwer getragen hatte, nun auflöst und einfach so verschwindet. Doch jetzt fallen ihr die Augen raus. Und meine Beine haben gänzlich ihre Form verloren, liegen vor mir am Boden wie Zuckersand, den keine Backform halten will.

Am Worpswede-Termin, oder nach meinen Berechnungen genau am 28. August 06 gibt es diese Welt nicht mehr. Aber Nostradamus hatte sich bereits geirrt; warum sollte ich mich da nicht verrechnet haben und die Welt macht was sie will...


Uhr-ige Weihnachten

Mutters hölzerne Tischuhr, die ihren Platz auf dem Wohnzimmerschrank gehabt hatte, war kurz vor Weihnachten stehen geblieben und zwar just in dem Augenblick, als ein Löffelverbieger, eine Art Uri-Geller-Verschnitt, im Fernsehen experimentierte.

Nun war unsere Verwandtschaft heftig am Diskutieren, ob es sich um einen Zufall gehandelt hatte oder ob es tatsächlich diesem mysteriösen Medium zuzuschreiben sei. Das Uhrwerk zu reparieren lohnte sich jedenfalls nicht mehr.

Heiligabend waren Opa, Tante Adele und ich dann bei Vater und Mutter eingeladen. Ich brauchte noch ein Weihnachtsgeschenk für Mutter. Es lag auf der Hand, mich für eine Uhr zu entscheiden. Aber was würden Opa und Tante Adele tun? Ich besann mich darauf, als Einziger der Runde Schachspieler zu sein, und die denken ja bekanntlich weiter. Die anderen würden vielleicht überlegen, eine Uhr zu wählen, dann aber sicher darauf verzichten, um der Peinlichkeit aus dem Wege zu gehen, ein zweiter oder gar dritter könnte gleiches tun. Also würde ich gerade deswegen eine Uhr schenken. Ein Schachspieler denkt eben weiter.

Exklusiv im Privatfernsehen wurde eine Porzellantischuhr angeboten, mit puttenähnlichen Figuren und feinem Goldrand verziert. Das gute Stück war originalgetreu einer berühmten Uhr aus dem siebzehnten Jahrhundert nachgebildet und in einer limitierten Auflage erhältlich. Ich war begeistert. Das musste genau das Richtige für Mutter sein. Ältere Leute mögen so etwas.

Heiligabend, wir sangen ein paar Weihnachtslieder, dann öffneten wir die Geschenkpakete. Vor Mutter standen drei Pakete gleicher Abmessungen, eins von Opa, eins von Tante Adele und eins von mir. Mutter packte eine Uhr nach der anderen aus, jede mit denselben wundervollen puttenähnlichen Verzierungen.

Zuerst schauten wir uns untereinander ziemlich betreten an. Aber als Vater anfing schallend zu lachen, trugen wir es mit Humor. Und ich gelangte zu der Erkenntnis, dass auch Nicht-Schachspieler weiter denken können.

Wir trösteten Mutter, falls ein Uhrwerk nicht mehr exakt funktionieren sollte, hätte sie ja Ersatz. Die Uhr von mir wurde eingelagert, die von Adele bekam ihren Platz auf dem Flur und die von Opa auf dem Wohnzimmerschrank, wo die alte Tischuhr gestanden hatte.

Nach einem halben Jahr gestand Mutter mir, dass sie Porzellanuhren mit Putten kitschig fände, außerdem passten sie nicht zu ihren Möbeln. Sie verbannte sie an unscheinbare Orte in Bügelzimmer und Speisekammer. Nur wenn Opa oder Tante Adele ihren Besuch ankündigten, wanderten die Uhren geschwind auf ihre auserwählten Plätze. Ich fragte Mutter, ob ich die ungeliebten Uhren nicht auf dem Flohmarkt veräußern solle. Das lehnte sie entschieden ab, denn man dürfe keine Geschenke verhökern. Außerdem wären Opa und Tante Adele untröstlich gewesen.

Ungefähr drei Jahre gingen ins Land und die Uhrwerke der Porzellanuhren funktionierten nach wie vor mit beängstigender Präzision. Mutter befürchtete, sie würden ewig halten. Auf mein Drängen hin brachte Mutter die unverwüstlichen Zeitmesser endlich zum Trödler in die Geibelstraße. Der Verwandtschaft schwindelten wir vor, Mutter hätte die Uhren mit einem Spezialpflegemittel gereinigt und auf den Terrassentisch zum Trocknen gestellt. Dummerweise hätte ich an eines der Tischbeine meinen bulligen Rottweiler Bonzo angebunden, der bei der spontanen Verfolgung des Briefträgers den kleinen Tisch mitgerissen habe. So seien die Uhren jäh auf den Fliesen zerschellt.

Opa und Tante Adele meinten, so ein Missgeschick könne auch nur mir passieren mit meiner mangelnden Umsicht. Aber ich ertrug geduldig ihren Spott, hatte ich doch Mutter eine große Bürde genommen.

Heiligabend stand abermals vor der Tür. Diesmal kamen nur Opa und ich auf Besuch bei Vater und Mutter. Tante Adele musste mit ihrer Familie feiern. Ich wollte den leeren Platz auf dem Wohnzimmerschrank ausfüllen. Mutter zeigte mir eine Holzuhr in einem Katalog, die ihr gefiel und in deren Stil ich ihr eine schenken sollte. Opa war an jenem Heiligabend bereits morgens eingetroffen und begleitete mich in die Stadt, um ebenfalls noch ein Geschenk zu besorgen. Wir trennten uns bald im gegenseitigen Einvernehmen. Keiner sollte sehen, was der andere für Geschenke erwarb. Wir legten Wert auf Überraschungen.

Vater ließ abends den Tannenbaum im Lichterglanz erstrahlen. Wir sangen dazu, wie jedes Mal. Dann öffneten wir die Präsente. Mein Geschenk, eine schöne hölzerne Tischuhr, packte meine Mutter als Erstes aus. Sie bekam sofort den zentralen Platz auf dem Wohnzimmerschrank. Opas drei Geschenke mit mir vage vertrauten Abmessungen, packte Mutter als Nächstes aus. Im Nu standen drei gleiche Uhren aus Porzellan mit Putten vor ihr auf dem Gabentisch, die einmal in limitierter Auflage im Privatfernsehen offeriert worden waren. Opa triumphierte stolz. Er hätte möglicherweise die drei letzten Exemplare, die es auf dem ganzen Globus noch käuflich zu erwerben gegeben hätte, erstanden, und der Trödler in der Geibelstraße hätte ihm nicht gerade einen billigen Preis gemacht. Aber für Mutter sei ihm kein Opfer zu groß, und ich solle mich tunlichst von diesen Wertanlagen fernhalten.

Mutter machte indes ein Gesicht, als ob sie sich nicht schlüssig war, ob sie vor Verzweiflung lachen oder weinen sollte. Seitdem stand immer eine jener Porzellanuhren in der Glasvitrine im Esszimmer und ich hatte zuweilen das Gefühl, als grinsten die Putten mich hämisch an.


Vaters letzte Fahrt

Wir bewohnten ein alleinstehendes Bauernhaus, sechs Kilometer von Frelsdorf entfernt. Für meinen Vater, Heinz Boensch, war es damals im September ein besonderer Tag. Mein kleiner Bruder Fritz und ich hatten hurtig unsere Schulranzen geschnallt. Vater zwängte sich indessen in seine schmucke Busfahreruniform. Schweiß glänzte auf seiner Glatze. Sicherlich war Vater etwas aufgeregt, denn außer der Schüler, die er immer mit dem Bus zur Mittelpunktschule nach Beverstedt fuhr, warteten einige Herren vom Gemeinderat auf seine Ankunft. Vater ging in Ruhestand und hatte gleichzeitig sein 25-jähriges Dienstjubiläum. Man wollte ihm auf seiner letzten Fahrt die Ehre erweisen.

Fritz hatte sich bereits von Mutter verabschiedet und war nach draußen auf den Hof gerannt. Ich folgte ihm bald. „Wetten, dass Vater diesmal nicht pünktlich im Dorf ankommt“, sagte Fritz mit einem schelmischen Lächeln in seinem Lausbubengesicht. „Vater ist stets pünktlich gewesen. Er fährt sicher und hat noch nie einen Unfall gebaut. Warum sollte sich ausgerechnet heute etwas daran ändern?“ „Was gilt die Wette?!“ forderte Fritz mich heraus. „Um so etwas wette ich nicht“, entgegnete ich mürrisch. „Wenn du so sicher bist, dass Vater es schafft ... Warum bist du dann nicht einverstanden?“ „Nun gut“, sagte ich, „wetten wir um zehn Mark.“

„Was macht ihn nur so sicher?“ dachte ich. Ich ging um den großen, grünfarbenen Schulbus herum. Im Auspuffrohr steckte eine Kartoffel. Hatte ich es doch geahnt. Ich nahm den Erdapfel und zeigte ihn Fritz. „Glaubst du, damit kannst du Vater aufhalten? Außerdem ist das nicht gerade die feine Art, Wetten zu gewinnen.“ Fritz schaute wütend drein. „Wir sind ja noch lange nicht da. Es kann noch viel passieren“, bellte er. Und er sollte recht behalten.

Vater setzte sich ans Lenkrad, die steife Schirmmütze auf dem runden Schädel. Man schätzte ihn wegen seiner Zuverlässigkeit. Das erfüllte ihn mit Stolz. Wie immer lächelte er gutmütig und kutschierte los, die Kreisstraße entlang. Wir kamen an einer Baustelle vorbei. Jedes Mal um diese Zeit wurde dort bereits fleißig gearbeitet. An diesem Montag, einem normalen Werktag, seltsamerweise nicht. Auch in dem benachbarten Sägewerk rührte sich nichts. Wir zerbrachen uns aber nicht weiter die Köpfe darüber.

„Jungs“, sagte Vater etwas später, „ihr kennt doch das Grundstück am Waldrand, mit der dichtbewachsenen Hecke darum. Ein Gemüsegarten mit Tümpel verbirgt sich dahinter. Ich habe es vorgestern gekauft.“ Wir baten Vater, er solle kurz mit uns dort vorbeifahren, denn wir wollten einen Blick hineinwerfen. „Gut“, sagte Vater, „wir biegen die schmale Straße rechts rein. Die schließt ja wieder an die Kreisstraße an. Und Zeit haben wir auch noch.“

Nach einer Weile stutzte Vater: „Seht mal, da vorn auf dem Asphalt. Da bewegt sich doch was.“ Ich erkannte zunächst viele dunkle Punkte, die größer wurden, je näher wir kamen. „Aha“, raunte Vater, „Erdkröten sind es, auf der Wanderschaft in ihr Winterquartier.“ „Die wollen bestimmt zu unserem Teich“, räumte ich ein, „es sind unsere Kröten.“

Vater drehte sich um und hielt nach einem Wendeplatz Ausschau. Für den großen Bus gab’s keinen. Und im Rückwärtsgang den weiten Weg zurück - unmöglich. Dann schon lieber die verflixten Viecher von der Fahrbahn sammeln. So stiegen wir aus. Hastig ergriff Vater eine Kröte nach der anderen und setzte sie geschwind auf den grünen Seitenstreifen, während Fritz sie wieder heimlich zurück auf die Straße beförderte. Ich drohte ihm mit der Faust. Sofort stellte er seinen Sabotageakt ein. Endlich waren die Kröten beiseite geschafft. Wir hatten viel Zeit verloren und mussten schleunigst unsere Fahrt fortsetzen, ohne das Grundstück zu besichtigen. Bald darauf legte uns das Schicksal erneut eine Bananenschale vor den Bus. In den Moorwiesen hatte sich nämlich eine Nebelbank gebildet. Vorsichtig schleuste Vater seinen geliebten Omnibus hindurch.

Schließlich kamen wir mit einer halben Stunde Verspätung am Frelsdorfer Brink an. Es waren weder Kinder noch Gemeinderatsmitglieder dort. Fritz flüsterte mir triumphierend zu: „Her mit den Piepen. Ich bin der Sieger!“ Vater saß geknickt am Steuer und vergrub sein Gesicht in den Händen. „Sie sind schon alle fortgegangen, fort sind sie“, jammerte er immerzu. So hatten wir Vater noch nie gesehen.

Ringsum war es still. Aber nach einer Weile ertönten schrille Kinderstimmen. „Na so was!?“, wunderte sich Vater, „da kommen sie ja, selbst der Bürgermeister ist dabei.“ Und der stieg auch als erster ein. „Guten Tag, Heinz Boensch. Selbst am letzten Arbeitstag sind Sie so pünktlich wie am ersten. Meinen Glückwunsch.“

Vater starrte ihn erstaunt an. Er konnte es nicht fassen. Und Fritz meinte vorlaut: „Es ist aber schon 8.15 Uhr, Herr Bürgermeister.“ Der runzelte vorwurfsvoll seine Stirn. „Aber Fritzchen, hast du denn vergessen, deine Uhr um eine Stunde zurückzustellen? Vorletzte Nacht ging die Sommerzeit zu Ende.“ Fritz grämte sich, während ich ihm meine offene Hand hinhielt, in der alsbald zehn Mark lagen.


Diät für Theo

Ich war damals zwölf, in einem Alter also, in dem man bereits über die Dinge des Lebens nachdenkt, um sie zu verbessern oder zu verändern, wo es einem notwendig erscheint. Doch Tante Elfriedes Schweine zeigten sich äußerst eigensinnig meinen Reformplänen gegenüber, und die Sache wurde sogar lebensgefährlich.

Es geschah in den Sommerferien. Ich kehrte der Stadt frohgelaunt den Rücken und besuchte Tante Elfriede, die mitten in der Lüneburger Heide einen bescheidenen Bauernhof bewirtschaftete. Gegen Abend ging ich zu ihr in den Schweinestall. Ein stickig-kotiger Mief beleidigte meine Nase. Tante Elfriede schleppte die schweren Eimer mit dem Futter an die weißgekalkten Boxen heran und keuchte. Ihr kurzer runder Körper schob sich nur schneckenmäßig voran. Doch die kleinen Knopfaugen in ihrem ballonförmigen Gesicht bewegten sich munter hin und her.

Die Schweine drängelten sich ungeduldig an den Trögen und bäumten sich vom Fütterungsgatter gestützt auf. Entsetzliche Laute stießen sie aus wie blockierende Bremsen und betäubten für einen Moment meine Trommelfelle. Endlich hörte ich sie dann schmatzen. Erstaunt äußerte ich: „Mein Gott, sind die Viecher verfressen!“ Tantchen deutete mit dem Finger auf eines der Tiere und sagte stolz: „Dieses hier wird spätestens in sechs Wochen prall genug sein, um es zu schlachten. Besuch’ mich in den Herbstferien wieder. Dann wird es bereits als Dauerwurst und bester Schinken im Rauchfang meines Kamins hängen.“

In der Stadt war ich den Borstenviechern so fern und hatte mir niemals Gedanken über ihr klägliches Ende gemacht. Aber nun empfand ich so etwas wie Mitleid und antwortete schroff: „Der Schlachter, dieser Schurke, gehört in den Kamin!“ Tante Elfriede lachte, wobei ihre winzigen Augen in dem reichlichen Wangenspeck versanken. Sie schüttelte den Kopf und watschelte in die Küche. Und ich fühlte mich berufen, endlich etwas für den Tierschutz zu tun.

In der einen Box entdeckte ich ein Schwein in Einzelhaft. Fröhlich grunzte es vor sich hin. Durch eine Klappe an der Wand konnte man es in eine kleine quadratische Koppel nach draußen lassen. Es handelte sich um ein ausnehmend stattliches Tier, das seinen prallen Bauch auf kräftigen, gedrungenen Beinen in die Höhe stemmte. Ich betrachtete es nachdenklich und sprach: „Tantchen wird dich sicher bald ans Messer liefern, denn du bist ganz schön prall.“ Es schnarchte inzwischen und scherte sich nicht um meine Worte.

Ich bat Tantchen: „Ab morgen möchte ich die Schweine füttern.“ „Gut“, erwiderte sie, „warum sollst du dich nicht nützlich machen.“ So unterschlug ich dem dicken Borstenvieh einfach sein Futter und den Schlemmertrunk, um es einzuschrumpfen und abzumagern. Ich musste es an Schmalkost gewöhnen. Dazu besorgte ich mir einen Sack Möhren, nahm eine Handvoll davon und eilte zu der Koppel, auf der das wuchtige Tier in der warmen Abendsonne döste.

Dass ich es mit einem Eber zu tun hatte, bemerkte ich nicht. Er hieß Theo und galt als äußerst gefährlich. Geradezu ein zutrauliches Bild voller Behaglichkeit bot er. So sperrte ich das Holzgatter auf, betrat die mit Stacheldraht eingezäunte Koppel und schloss sie von innen wieder. Frohgemut näherte ich mich dem Eber bis auf etwa drei Meter. Plötzlich riss er seine Augen auf und glotzte mich grimmig an. Die Nasenflügel schwollen bedenklich an. Ich spürte sofort, dass er es nicht auf die Möhren abgesehen hatte. Sie glitten aus meiner Hand. Pfeilgeschwind trieb es mich zu dem Verschlag. Leider blieb mir keine Zeit mehr, den Sperrriegel hochzuschieben. Theo war mir schon zu dicht auf den Fersen. Kühn hechtete ich zur Seite. Eine Staubwolke wirbelte auf. Theo krachte mit dem Schädel gegen das Holz und ging zu Boden, rappelte sich aber schnell wieder auf.

Inzwischen raste ich in die entgegengesetzte Ecke der Arena. Ich suchte den Boden nach irgendeinem Gegenstand ab, der mir zur Verteidigung hätte dienen können. Zu spät. Der Eber schoss schon wieder wie eine Ramme auf mich los. Abermals sprang ich zur Seite. Dabei zwickte er mich kurz in die Wade, die zwar unverletzt blieb, aber schmerzte. Hastig humpelte ich davon und stolperte. Unglücklicherweise verhakte ich mich dabei mit meiner Hose in dem Stacheldraht. Krampfhaft versuchte ich, mich zu befreien. Aber dieser verdammte Koloss baute sich erneut zu einem Angriff auf. Er schnaufte und stampfte vor Wut in den Sand. In seinen Augen zuckten lauter Blitze, die mich wie Gewehrkugeln trafen. Jetzt konnte ich ihm nicht mehr entkommen.

Doch jäh wandte er sich von mir ab. Aus dem Stall ertönte das hellklingende Klappern der Futtereimer. Die Klappe an der Hauswand hob sich, und er galoppierte durch die Öffnung. Sofort knallte die Luke wieder hinter ihm zu. Ich löste mich schließlich aus dem Stacheldraht und lief in den Stall. Tante Elfriede schimpfte, weil ich die Schweine nicht versorgt hatte. Ich schaute noch eine Weile dem schlemmenden Theo zu. - Ob er mir die Sache mit den Möhren noch verziehen hat?


Befristete Zuneigung

Als der Verwaltungsangestellte Hermann Krawutke die LPG-Arbeiterin Editha Pilokat ehelichte, war sie schon Ende Dreißig, eine „Übriggebliebene“, maskulin gebaut, schwarzhaarig, mit deutlichem Bartflaum in einem rotwangigem, fleischigem Gesicht. Der scheue Hermann hatte zwar von einer grazilen Schönheit geträumt, aber er war bereits über vierzig, dürr, kleinwüchsig und krumm, mit einer hässlichen Hakennase. Da konnte man keine Ansprüche erheben.

Er hatte vergeblich versucht, Editha für das zu begeistern, wofür nun mal sein Herz schlug, für die Poesie und die bildende Kunst. Er verzagte, denn diesen Dingen gegenüber erwies sie sich als undurchdringliches Bollwerk, und so zog er sich mehr und mehr von ihr in sich zurück, während sie enttäuscht ihren Tagträumen von einem handfesten Kerl, den sie sich eigentlich gewünscht hatte, nachhing.

Dann kam es zur überraschenden Grenzöffnung der DDR, dem Mauerfall. Am selben Abend noch fuhren sie in ihrem Trabi nach Berlin. Hermann und Editha erreichten problemlos das Westterritorium. Erst hier, im für sie exotischem Leuchtreklame-Flair, verloren sie alle Zweifel. Ihr Volk war wirklich frei. Und stürmisch fielen sie sich in die Arme. Eine viertel Stunde hielten sie sich fest umschlungen. Es war Monate her, als sie sich zuletzt umarmt hatten, und jetzt waren sie sich nahe wie nie zuvor.

Später erinnerten sie sich häufig daran. Jedes Mal fielen sie dabei in ein ratloses Schweigen, denn sie trauerten um dies sofort wieder abhanden gekommene Gefühl ihrer damaligen Seelenverwandtschaft, um dies innige Miteinander-Einssein, um diese kurzlebige Blitzliebe im Angesicht des Brandenburger Tores. Und sie wussten, die Grenzöffnung wird sich nicht wiederholen. Aber vielleicht käme ja ein Krieg . . .


Elvira

Ich stürmte in Jerrys Schlemmerbude, bestellte mir haufenweise Steaks, die von urwaldverschlingenden Rindern stammten; denn stirbt der Urwald, so stirbt der Mensch, also auch die Frauen. Meine dritte Lebensgefährtin in kurzer Folge hatte mich gerade verlassen.

Nach dem fünften T-Bonesteak und nachdem ich meine Fassung wieder gefunden hatte, zweifelte ich allerdings doch an meiner grausamen Zielsetzung, so ekelhaft gluckste es in meinem unwillkürlich hyperaktivschluckenden Einlass zum Speiserohr.

Dann kam Elvira hereingewatschelt, ein kurzes gedrungenes Zweizentnerweib, das auf den ersten Blick nur aus üppigen Schenkeln zu bestehen schien. Nach minutenlanger Anstrengung hatte dies Prachtweib am entgegengesetzten Tischende endlich ihre Wonnehaxen unter der Tischplatte verstaut. Ihr Schädel, ein großer runder, rotleuchtender Ballon mit spärlichem, ausgefranstem Blondschopflappen war mit Schweißperlen übersät. Wäre eine Nase dazu bestimmt, einem Gesicht eine Kontur zu geben, so war ihre kleine fleischige Knolle unnütz. Eine Mischung aus 4711 und deftigem Körpergeruch umströmte Elvira. Ihre wabbeligen Patschhände, die wie sensorische Greifer aus dem Unterarmspeck heraus lugten, krallten sich in einen Hamburger. Nach kurzem Wortwechsel zwischen uns stand fest, hier waren zwei Leidende, vom Schicksal Gebeutelte zusammengetroffen. Sie war in psychologischer Behandlung wegen einer Depression, mit Männern hatte sie kein Glück gehabt. Ihr Gesichtsausdruck war stets ernst, selten fand sich ein lediglich gequältes Lächeln darin, zum herzhaften Lachen unfähig. Ich erzählte ihr von dem Pech mit meinen Lebensgefährtinnen und wir trafen uns immer häufiger. Mein Mietvertrag lief aus, auf ihren Vorschlag hin zog ich zu ihr.

Eine platonische Beziehung gewährte sie mir. So konnte ich mich endlich ohne sexuellen Druck verdingen, dem ich mich täglich bei meinen verflossenen Weibern ausgesetzt wähnte. Und vielleicht hatte diese Frau ja eine verborgene schöngeistige Disposition, von der sie selber nichts ahnte.

An einem Sonnentag im Frühling fuhr ich mit ihr ins Gebirge, mit der Seilbahn hinauf auf einen Gipfel. Ich frohlockte über die Ästhetik der weiten Naturlandschaft, mir war, als wenn ein Flair des Schöpfers jeden Grashalm, jeden Strauch beseelte. Ehrfurcht übermannte mich, doch Elvira trottete zu einem riesigen Stein, ließ sich seufzend nieder, blickte unentwegt grüblerisch vor sich hin und stöhnte: „Wir müssen unbedingt noch Hähnchenschenkel einkaufen, damit sie bis morgen Mittag auftauen können.“ Ich nahm Elvira nie wieder mit in die Natur, der Schmerz, die Enttäuschung über den misslungenen Versuch, gemeinsam unsere Seelen zum Klingen zu bringen, konnte ich nicht verwinden. Ich sagte ihr, dass alle Psychiater pseudomedizinische Pfeifenköpfe wären und sie endlich allmählich Abschied von diesen toxischen Antidepressiva nehmen solle.

Aus Verdruss drang ich immer tiefer in mich, begrub das Modell, was wir von der Wirklichkeit haben, denn es ist nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig. Ich wollte die ganze Wahrheit unserer Stadt erfassen, jedes Augenzucken ihrer Bewohner, jedes Kacken einer Taube als Puzzleteil zu einem Ganzen zusammentragen, denn alle vorliegenden Charakteristiken über unsere Rattenfängerstadt Hameln dienten lediglich einer Stadtkennung und weitläufigen Orientierung.

Der Ariadnefaden zurück zu meinem Selbst war in Gefahr abzureißen. Doch ich spürte eine neue Macht in mir, die Ebenen der Realität nach Belieben für mich zu verschieben und verstieg mich immer mehr in gefährliche Tiefen phantastischer Visionen, was ähnlich euphorisierende Wirkung hatte, wie sie vor allem ältere Leute beim Hören von moderner Volksmusik erlebten.

Zehn Jahre, Arbeitstag um Arbeitstag wartete ich regelmäßig am Feierabend an der Hintertreppe eines Bürohauses auf Elvira, die hier putzte. Jedes Mal stieg sie schwerfällig schnaufend zu mir herab, dann trottete ich hinter ihr her zum Auto. Doch diesmal rissen mich flotte hakenharte Schritte aus meiner Lethargie, ich sah zur Treppe hoch, mein Blick streifte zwei kniehohe, rote Lederstiefel und blieb an wundervoll ebenmäßig erotisierenden Schenkeln haften. Diese Schenkel gehörten einer ehemaligen Jugendfreundin von mir, die mich spontan zum Essen einlud, worauf ich sofort einwilligte und so vorm Wahnsinn noch gerade bewahrt, mich befreit nüchtern und entspannt wieder auf fast vergessenem aber aufregend-konkretem Boden bewegte. Die Kulisse der bizarren intellektuellen Erfahrung rückte ins geistige Hinterland.

Irgendwann merkte Elvira etwas. Sie hatte mich immer umsorgt, war mir eine gute Köchin gewesen, hatte sorgfältig meine Hemden gebügelt und mich auch sonst ohne Murren mütterlich gepflegt. Sie schaute mir nach unendlicher Zeit wieder fest in die Augen, fast hatte ich vergessen, dass sie blau waren. Ich schlug meine Augenlider etwas verlegen nieder, auch weil ich ein schlechtes Gewissen hatte wegen meiner Liebe zu Janine. Doch Elvira sagte ohne Vorwurf im Blick. „Wenn du nicht bei mir bleiben willst, ich verstehe es, bin ich dir doch nie eine richtige Frau gewesen.“ Doch ihre Trauer konnte diese selbst in dieser Lage Größe zeigende Frau nicht ganz verbergen.

Doch ich wollte sie mein Leben lang um mich behalten, aber nicht aus Dankbarkeit. Es war die selbstlose Atmosphäre und kuriose Lebensqualität mit ihr, die Verlässlichkeit, ihre Aufrichtigkeit und Bescheidenheit, obwohl Elvira mir im Kern fremd geblieben war. Ich war stolz, mit so einem Menschen befreundet zu sein.

An jenem Tag kam ich spät in unsere Wohnung von Janine zurück. Ich hörte, wie Elvira sich im Bett räusperte. Nachdem ich noch etwas Ferngesehen hatte, legte ich mich auch schlafen, neben ihr im französischen Bett, wie immer. Diese Nacht kam Elvira mir besonders ruhig vor, sie drehte sich nicht in meine Richtung. Vielleicht war sie doch verstockt, wegen meiner Liebe zu Janine.

Morgens bereitete ich die Kaffeetafel. Ich rief Elvira ein paar mal. Nichts rührte sich. Ich trat an ihr Bett. Sie lag auf dem Rücken. Ich hatte noch nicht mal gemerkt, dass sie die Nacht gestorben war - so leise, wie sie gelebt hatte.


 (C) Enno Ahrens, Amenbi12@aol.com



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