Autoren Heute
Next: Den 8. Januar 1772
Up: Zweites Buch
Previous: Am 26. November
Der Gesandte macht mir viel Verdruß, ich habe es vorausgesehn. Er ist der
pünktlichste Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt und umständlich
wie eine Base; ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist, und dem es
daher niemand zu Danke machen kann. Ich arbeite gern leicht weg, und wie es
steht, so steht es; da ist er imstande, mir einen Aufsatz zurückzugeben und zu
sagen:"er ist gut, aber sehen Sie ihn durch, man findet immer ein besseres
Wort, eine reinere Partikel". - Da möchte ich des Teufels werden. Kein Und,
kein Bindewörtchen darf außenbleiben, und von allen Inversionen, die mir
manchmal entfahren, ist er ein Todfeind; wenn man seinen Period nicht nach der
hergebrachten Melodie heraborgelt, so versteht er gar nichts drin. Das ist ein
Leiden, mit so einem Menschen zu tun zu haben.
Das Vertrauen des Grafen von C... ist noch das einzige, was mich schadlos hält.
Er sagte mir letzthin ganz aufrichtig, wie unzufrieden er mit der Langsamkeit
und Bedenklichkeit meines Gesandten sei". Die Leute erschweren es sich und
andern. Doch", sagte er,"man muß sich darein resignieren wie ein Reisender, der
über einen Berg muß; freilich, wäre der Berg nicht da, so wär der Weg viel
bequemer und kürzer; er ist nun aber da, und man soll hinüber!"
Mein Alter spürt auch wohl den Vorzug, den mit der Graf vor ihm gibt, und das
ärgert ihn, und er ergreift jede Gelegenheit, Übels gegen mich vom Grafen zu
reden, ich halte, wie natürlich, Widerpart, und dadurch wird die Sache nur
schlimmer. Gestern gar brachte er mich auf, denn ich war mit gemeint: zu so
Weltgeschäften sei der Graf ganz gut, er habe viele Leichtigkeit zu arbeiten
und führe eine gute Feder, doch an gründlicher Gelehrsamkeit mangle es ihm wie
allen Belletristen. Dazu machte er eine Miene, als ob er sagen wollte:"fühlst
du den Stich?"aber es tat bei mir nicht die Wirkung; ich verachtete den
Menschen, der so denken und sich so betragen konnte. Ich hielt ihm stand und
focht mit ziemlicher Heftigkeit. Ich sagte, der Graf sei ein Mann, vor dem man
Achtung haben müsse, wegen seines Charakters sowohl als wegen seiner
Kenntnisse". Ich habe", sagt' ich,"niemand gekannt, dem es so geglückt wäre,
seinen Geist zu erweitern, ihn über unzählige Gegenstände zu verbreiten und
doch diese Tätigkeit fürs gemeine Leben zu behalten". - das waren dem Gehirne
spanische Dörfer, und ich empfahl mich, um nicht über ein weiteres
Deraisonnement noch mehr Galle zu schlucken.
Und daran seid ihr alle schuld, die ihr mich in das Joch geschwatzt und mir so
viel von Aktivität vorgesungen habt. Aktivität! Wenn nicht der mehr tut, der
Kartoffeln legt und in die Stadt reitet, sein Korn zu verkaufen, als ich, so
will ich zehn Jahre noch mich auf der Galeere abarbeiten, auf der ich nun
angeschmiedet bin.
Und das glänzende Elend, die Langeweile unter dem garstigen Volke, das sich
hier neben einander sieht! Die Rangsucht unter ihnen, wie sie nur wachen und
aufpassen, einander ein Schrittchen abzugewinnen; die elendesten,
erbärmlichsten Leidenschaften, ganz ohne Röckchen. Da ist ein Weib, zum
Exempel, die jedermann von ihrem Adel und ihrem Lande unterhält, so daß jeder
Fremde denken muß: das ist eine Närrin, die sich auf das bißchen Adel und auf
den Ruf ihres Landes Wunderstreiche einbildet. - Aber es ist noch viel ärger:
eben das Weib ist hier aus der Nachbarschaft eine Amtschreiberstochter. - Sieh,
ich kann das Menschengeschlecht nicht begreifen, das so wenig Sinn hat, um sich
so platt zu prostituieren.
Zwar ich merke täglich mehr, mein Lieber, wie töricht man ist, andere nach sich
zu berechnen. Und weil ich so viel mit mir selbst zu tun habe und dieses Herz
so stürmisch ist - ach ich lasse gern die andern ihres Pfades gehen, wenn sie
mich auch nur könnten gehen lassen.
Was mich am meisten neckt, sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse. Zwar
weiß ich so gut als einer, wie nötig der Unterschied der Stände ist, wie viel
Vorteile er mir selbst verschafft: nur soll er mir nicht eben gerade im Wege
stehen, wo ich noch ein wenig Freude, einen Schimmer von Glück auf dieser Erde
genießen könnte. Ich lernte neulich auf dem Spaziergange ein Fräulein von B.
kennen, ein liebenswürdiges Geschöpf, das sehr viele Natur mitten in dem
steifen Leben erhalten hat. Wir gefielen uns in unserem Gespräche, und da wir
schieden, bat ich sie um Erlaubnis, sie bei sich sehen zu dürfen. Sie
gestattete mir das mit so vieler Freimütigkeit, daß ich den schicklichen
Augenblick kaum erwarten konnte, zu ihr zu gehen. Sie ist nicht von hier und
wohnt bei einer Tante im Hause. Die Physiognomie der Alten gefiel mir nicht.
Ich bezeigte ihr viel Aufmerksamkeit, mein Gespräch war meist an sie gewandt,
und in minder als einer halben Stunde hatte ich so ziemlich weg, was mir das
Fräulein nachher selbst gestand: daß die liebe Tante in ihrem Alter Mangel von
allem, kein anständiges Vermögen, keinen Geist und keine Stütze hat als die
Reihe ihrer Vorfahren, keinen Schirm als den Stand, in den sie sich
verpalisadiert, und kein Ergetzen, als von ihrem Stockwerk herab über die
bürgerlichen Häupter wegzusehen. In ihrer Jugend soll sie schön gewesen sein
und ihr Leben weggegaukelt, erst mit ihrem Eigensinne manchen armen Jungen
gequält, und in den reifern Jahren sich unter den Gehorsam eines alten
Offiziers geduckt haben, der gegen diesen Preis und einen leidlichen Unterhalt
das eherne Jahrhundert mit ihr zubrachte und starb. Nun sieht sie im eisernen
sich allein und würde nicht angesehn, wär' ihre Nichte nicht so liebenswürdig.
Next: Den 8. Januar 1772
Up: Zweites Buch
Previous: Am 26. November