Autoren Heute
Next: Den 8. Februar
Up: Zweites Buch
Previous: Den 8. Januar 1772
Ich muß Ihnen schreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringen
Bauernherberge, in die ich mich vor einem schweren Wetter geflüchtet habe.
Solange ich in dem traurigen Nest D..., unter dem fremden, meinem Herzen ganz
fremden Volke herumziehe, habe ich keinen Augenblick gehabt, keinen, an dem
mein Herz mich geheißen hätte, Ihnen zu schreiben; und jetzt in dieser Hütte,
in dieser Einsamkeit, in dieser Einschränkung, da Schnee und Schloßen wider
mein Fensterchen wüten, hier waren Sie mein erster Gedanke. Wie ich hereintrat,
überfiel mich Ihre Gestalt, Ihr Andenken, o Lotte! So heilig, so warm! Guter
Gott! Der erste glückliche Augenblick wieder.
Wenn Sie mich sähen, meine Beste, in dem Schwall von Zerstreuung! Wie
ausgetrocknet meine Sinne werden! Nicht einen Augenblick der Fülle des Herzens,
nicht eine selige Stunde! Nichts! Nichts! Ich stehe wie vor einem
Raritärenkasten und sehe die Männchen und Gäulchen vor mir herumrücken, und
frage mich oft, ob es nicht optischer Betrug ist. Ich spiele mit, vielmehr, ich
werde gespielt wie eine Marionette und fasse manchmal meinen Nachbar an der
hölzernen Hand und schaudere zurück. Des Abends nehme ich mir vor, den
Sonnenaufgang zu genießen, und komme nicht aus dem Bette; am Tge hoffe ich,
mich des Mondscheins zu erfreuen, und bleibe in meiner Stube. Ich weiß nicht
recht, warum ich aufstehe, warum ich schlafen gehe.
Der Sauerteig, der mein Leben in Bewegung setzte, fehlt; der Reiz, der mich in
tiefen Nächten munter erhielt, ist hin, der mich des Morgens aus dem Schlafe
weckte, ist weg.
Ein einzig weibliches Geschöpf habe ich hier gefunden, eine Fräulein von B...,
sie gleicht Ihnen, liebe Lotte, wenn man Ihnen gleichen kann". "Ei!"werden Sie
sagen,"der Mensch legt sich auf niedliche Komplimente!"ganz unwahr ist es
nicht. Seit einiger Zeit bin ich sehr artig, weil ich doch nicht anders sein
kann, habe viel Witz, und die Frauenzimmer sagen, es wüßte niemand so fein zu
loben als ich (und zu lügen, setzen Sie hinzu, denn ohne das geht es nicht ab,
verstehen Sie?). Ich wollte von Fräulein B... reden. Sie hat viel Seele, die
voll aus ihren blauen Augen hervorblickt. Ihr Stand ist ihr zur Last, der
keinen der Wünsche ihres Herzens befriedigt. Sie sehnt sich aus dem Getümmel,
und wir verphantasieren manche Stunde in ländlichen Szenen von ungemischter
Glückseligkeit; ach! und von Ihnen! Wie oft muß sie Ihnen huldigen, muß nicht,
tut es freiwillig, hört so gern von Ihnen, liebt Sie. -
O säß' ich zu Ihren Füßen in dem lieben, vertraulichen Zimmerchen, und unsere
kleinen Lieben wälzten sich mit einander um mich herum, und wenn sie Ihnen zu
laut würden, wollte ich sie mit einem schauerlichen Märchen um mich zur Ruhe
versammeln.
Die Sonne geht herrlich unter über der schneeglänzenden Gegend, der Sturm ist
hinüber gezogen, und ich - muß mich wieder in meinen Käfig sperren. - Adieu!
Ist Albert bei Ihnen? Und wie -? Gott verzeihe mir diese Frage!
Next: Den 8. Februar
Up: Zweites Buch
Previous: Den 8. Januar 1772