Autoren Heute
Next: Am 16. März
Up: Zweites Buch
Previous: Am 20. Februar
Ich habe einen Verdruß gehabt, der mich von hier wegtreiben wird. Ich knirsche
mit den Zähnen! Teufel! Er ist nicht zu ersetzen, und ihr seid doch allein
schuld daran, die ihr mich sporntet und triebt und quältet, mich in einen
Posten zu begeben, der nicht nach meinem Sinne war. Nun habe ich's! Nun habt
ihr's! Und daß du nicht wieder sagst, meine überspannten Ideen verdürben alles,
so hast du hier, lieber Herr, eine Erzählung, plan und nett, wie ein
Chronikenschreiber das aufzeichnen würde.
Der Graf von C... liebt mich, distinguiert mich, das ist bekannt, das habe ich
dir schon hundertmal gesagt. Nun war ich gestern bei ihm zu Tafel, eben an dem
Tage, da abends die noble Gesellschaft von Herren und Frauen bei ihm
zusammenkommt, an die ich nie gedacht habe, auch mir nie aufgefallen ist, daß
wir Subalternen nicht hineingehören. Gut. Ich speise bei dem Grafen, und nach
Tische gehn wir in dem großen Saal auf und ab, ich rede mit ihm, mit dem
Obristen B..., der dazu kommt, und so rückt die Stunde der Gesellschaft heran.
Ich denke, Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S...
mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter mit der flachen
Brust und niedlichem Schnürleibe, machen en passant ihre hergebrachten,
hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir die Nation von Herzen zuwider
ist, wollte ich mich eben empfehlen und wartete nur, bis der Graf vom garstigen
Gewäsche frei wäre, als meine Fräulein B. hereintrat. Da mir das Herz immer ein
bißchen aufgeht, wenn ich sie sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren
Stuhl und bemerkte erst nach einiger Zeit, daß sie mit weniger Offenheit als
sonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redete. Das fiel mir auf. Ist sie auch
wie all das Volk, dacht' ich, und war angestochen und wollte gehen, und doch
blieb ich, weil ich sie gerne entschuldigt hätte und es nicht glaubte und noch
ein gut Wort von ihr hoffte und - was du willst. Unterdessen füllte sich die
Gesellschaft. Der Baron F. mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten
Franz des Ersten her, der Hofrat R..., hier aber in qualitate Herr von R...
genannt, mit seiner tauben Frau etc., den übel fournierten J... nicht zu
vergessen, der die Lücken seiner altfränkischen Garderobe mit neumodischen
Lappen ausflickt, das kommt zu Hauf, und ich rede mit einigen meiner
Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind. Ich dachte - und gab nur auf meine
B... acht. Ich merkte nicht, daß die Weiber am Ende des Saales sich in die
Ohren flüsterten, daß es auf die Männer zirkulierte, daß Frau von S. mit dem
Grafen redete (das alles hat mir Fräulein B. nachher erzählt), bis endlich der
Graf auf mich losging und mich in ein Fenster nahm. -"Sie wissen", sagt'
er,"unsere wunderbaren Verhältnisse; die Gesellschaft ist unzufrieden, merkte
ich, Sie hier zu sehn. Ich wollte nicht um alles"-"Ihro Exzellenz", fiel ich
ein,"ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hätte eher dran denken sollen, und
ich weiß, Sie vergeben mir diese Inkonsequenz; ich wollte schon vorhin mich
empfehlen. Ein böser Genius hat mich zurückgehalten". Setzte ich lächelnd
hinzu, indem ich mich neigte. - Der Graf drückte meine Hände mit einer
Empfindung, die alles sagte. Ich strich mich sacht aus der vornehmen
Gesellschaft, ging, setzte mich in ein Kabriolett und fuhr nach M., dort vom
Hügel die Sonne untergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen
Gesang zu lesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinehirten bewirtet wird. Das
war alles gut.
Des Abends komm' ich zurück zu Tische, es waren noch wenige in der Gaststube;
die würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuch zurückgeschlagen. Da kommt
der ehrliche Adelin hinein, legt seinen Hut nieder, indem er mich ansieht,
tritt zu mir und sagt leise:"du hast Verdruß gehabt?"-"ich?"sagt' ich. -"Der
Graf hat dich aus der Gesellschaft gewiesen". -"Hol' sie der Teufel!"sagt'
ich,"mir war's lieb, daß ich in die freie Luft kam". -"Gut,"sagt' er,"daß du's
auf die leichte Achsel nimmst. Nur verdrießt mich's, es ist schon überall
herum". - da fing mich das Ding erst an zu wurmen. Alle, die zu Tisch kamen und
mich ansahen, dachte ich, die sehen dich darum an! Das gab böses Blut.
Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich bedauert, da ich höre, daß
meine Neider nun triumphieren und sagen: da sähe man's, wo es mit den
Übermütigen hinausginge, die sich ihres bißchen Kopfs überhöben und glaubten,
sich darum über alle Verhältnisse hinaussetzen zu dürfen, und was des
Hundegeschwätzes mehr ist - da möchte man sich ein Messer ins Herz bohren; denn
man rede von Selbständigkeit was man will, den will ich sehen, der dulden kann,
daß Schurken über ihn reden, wenn sie einen Vorteil über ihn haben; wenn ihr
Geschwätze leer ist, ach da kann man sie leicht lassen.
Next: Am 16. März
Up: Zweites Buch
Previous: Am 20. Februar