Autoren Heute
Next: Am 26. November
Up: Zweites Buch
Previous: Am 22. November
Sie fühlt, was ich dulde. Heute ist mir ihr Blick tief durchs Herz gedrungen.
Ich fand sie allein; ich sagte nichts, und sie sah mich an. Und ich sah nicht
mehr in ihr die liebliche Schönheit, nicht mehr das Leuchten des trefflichen
Geistes, das war alles vor meinen Augen verschwunden. Ein weit herrlicherer
Blick wirkte auf mich, voll Ausdruck des innigsten Anteils, des süßesten
Mitleidens. Warum durft' ich mich nicht ihr zu Füßen werfen? Warum durft' ich
nicht an ihrem Halse mit tausend Küssen antworten? Sie nahm ihre Zuflucht zum
Klavier und hauchte mit süßer, leiser Stimme harmonische Laute zu ihrem Spiele.
Nie habe ich ihre Lippen so reizend gesehn; es war, als wenn sie sich lechzend
öffneten, jene süßen Töne in sich zu schlürfen, die aus dem Instrument
hervorquollen, und nur der heimliche Widerschall aus dem reinen Munde
zurückklänge - ja wenn ich dir das so sagen könnte! - ich widerstand nicht
länger, neigte mich und schwur: nie will ich es wagen, einen Kuß euch
aufzudrücken, Lippen, auf denen die Geister des Himmels schweben. - Und doch -
ich will - ha! Siehst du, das steht wie eine Scheidewand vor meiner Seele -
diese Seligkeit - und dann untergegangen, diese Sünde abzubüßen - Sünde?
Next: Am 26. November
Up: Zweites Buch
Previous: Am 22. November