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Wie mich die Gestalt verfolgt! Wachend und träumend füllt sie meine ganze
Seele! Hier, wenn ich die Augen schließe, hier in meiner Stirne, wo die innere
Sehkraft sich vereinigt, stehen ihre schwarzen Augen. Hier! Ich kann dir es
nicht ausdrücken. Mache ich meine Augen zu, so sind sie da; wie ein Meer, wie
ein Abgrund ruhen sie vor mir, in mir, füllen die Sinne meiner Stirn.
Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott! Ermangeln ihm nicht eben da die
Kräfte, wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt
oder im Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da
zu dem stumpfen, kalten Bewußtsein wieder zurückgebracht, da er sich in der
Fülle des Unendlichen zu verlieren sehnte?
Der Herausgeber an den Leser
Wie sehr wünscht' ich, daß uns von den letzten merkwürdigen Tagen unsers
Freundes so viel eigenhändige Zeugnisse übrig geblieben wären, daß ich nicht
nötig hätte, die Folge seiner hinterlaßnen Briefe durch Erzählung zu
unterbrechen.
Ich habe mir angelegen sein lassen, genaue Nachrichten aus dem Munde derer zu
sammeln, die von seiner Geschichte wohl unterrichtet sein konnten; sie ist
einfach, und es kommen alle Erzählungen davon bis auf wenige Kleinigkeiten
miteinander überein; nur über die Sinnesarten der handelnden Personen sind die
Meinungen verschieden und die Urteile geteilt.
Was bleibt uns übrig, als dasjenige, was wir mit wiederholter Mühe erfahren
können, gewissenhaft zu erzählen, die von dem Abscheidenden hinterlaßnen Briefe
einzuschalten und das kleinste aufgefundene Blättchen nicht gering zu achten;
zumal da es so schwer ist, die eigensten, wahren Triebfedern auch nur einer
einzelnen Handlung zu entdecken, wenn sie unter Menschen vorgeht, die nicht
gemeiner Art sind.
Unmut und Unlust hatten in Werthers Seele immer tiefer Wurzel geschlagen, sich
fester untereinander verschlungen und sein ganzes Wesen nach und nach
eingenommen. Die Harmonie seines Geistes war völlig zerstört, eine innerliche
Hitze und Heftigkeit, die alle Kräfte seiner Natur durcheinanderarbeitete,
brachte die widrigsten Wirkungen hervor und ließ ihm zuletzt nur eine Ermattung
übrig, aus der er noch ängstlicher empor strebte, als er mit allen Übeln bisher
gekämpft hatte. Die Beängstigung seines Herzens zehrte die übrigen Kräfte
seines Geistes, seine Lebhaftigkeit, seinen Scharfsinn auf, er ward ein
trauriger Gesellschafter, immer unglücklicher, und immer ungerechter, je
unglücklicher er ward. Wenigstens sagen dies Alberts Freunde; sie behaupten,
daß Werther einen reinen, ruhigen Mann, der nun eines lang gewünschten Glückes
teilhaftig geworden, und sein Betragen, sich dieses Glück auch auf die Zukunft
zu erhalten, nicht habe beurteilen können, er, der gleichsam mit jedem Tage
sein ganzes Vermögen verzehrte, um an dem Abend zu leiden und zu darben.
Albert, sagen sie, hatte sich in so kurzer Zeit nicht verändert, er war noch
immer derselbige, den Werther so vom Anfang her kannte, so sehr schätzte und
ehrte. Er liebte Lotten über alles, er war stolz auf sie und wünschte sie auch
von jedermann als das herrlichste Geschöpf anerkannt zu wissen. War es ihm
daher zu verdenken, wenn er auch jeden Schein des Verdachtes abzuwenden
wünschte, wenn er in dem Augenblicke mit niemand diesen köstlichen Besitz auch
auf die unschuldigste Weise zu teilen Lust hatte? Sie gestehen ein, daß Albert
oft das Zimmer seiner Frau verlassen, wenn Werther bei ihr war, aber nicht aus
Haß noch Abneigung gegen seinen Freund, sondern nur weil er gefühlt habe, daß
dieser von seiner Gegenwart gedrückt sei.
Lottens Vater war von einem Übel befallen worden, das ihn in der Stube hielt,
er schickte ihr seinen Wagen, und sie fuhr hinaus. Es war ein schöner
Wintertag, der erste Schnee war stark gefallen und deckte die ganze Gegend.
Werther ging ihr den andern Morgen nach, um, wenn Albert sie nicht abzuholen
käme, sie hereinzubegleiten.
Das klare Wetter konnte wenig auf sein trübes Gemüt wirken, ein dumpfer Druck
auf seiner Seele, die traurigen Bilder hatten sich bei ihm festgesetzt, und
sein Gemüt kannte keine Bewegung als von einem schmerzlichen Gedanken zum
andern.
Wie er mit sich in ewigem Unfrieden lebte, schien ihm auch der Zustand andrer
nur bedenklicher und verworrner, er glaubte, das schöne Verhältnis zwischen
Albert und seiner Gattin gestört zu haben, er machte sich Vorwürfe darüber, in
die sich ein heimlicher Unwille gegen den Gatten mischte.
Seine Gedanken fielen auch unterwegs auf diesen Gegenstand. "Ja, ja,"sagte er
zu sich selbst, mit heimlichem Zähneknirschen,"das ist der vertraute,
freundliche, zärtliche, an allem teilnehmende Umgang, die ruhige, dauernde
Treue! Sattigkeit ist's und Gleichgültigkeit! Zieht ihn nicht jedes elende
Geschäft mehr an als die teure, köstliche Frau? Weiß er sein Glück zu schätzen?
Weiß er sie zu achten, wie sie es verdient? Er hat sie, nun gut, er hat sie -
ich weiß das, wie ich was anders auch weiß, ich glaube an den Gedanken gewöhnt
zu sein, er wird mich noch rasend machen, er wird mich noch umbringen - und hat
denn die Freundschaft zu mir Stich gehalten? Sieht er nicht in meiner
Anhänglichkeit an Lotten schon einen Eingriff in seine Rechte, in meiner
Aufmerksamkeit für sie einen Stillen Vorwurf? Ich weiß es wohl, ich fühl' es,
er sieht mich ungern, er wünscht meine Entfernung, meine Gegenwart ist ihm
beschwerlich".
Oft hielt er seinen raschen Schritt an, oft stand er stille und schien umkehren
zu wollen; allein er richtete seinen Gang immer wieder vorwärts und war mit
diesen Gedanken und Selbstgesprächen endlich gleichsam wider Willen bei dem
Jagdhause angekommen.
Er trat in die Tür, fragte nach dem Alten und nach Lotten, er fand das Haus in
einiger Bewegung. Der älteste Knabe sagte ihm, es sei drüben in Wahlheim ein
Unglück geschehn, es sei ein Bauer erschlagen worden! - Es machte das weiter
keinen Eindruck auf ihn. - Er trat in die Stube und fand Lotten beschäftigt,
dem Alten zuzureden, der ungeachtet seiner Krankheit hinüber wollte, um an Ort
und Stelle die Tat zu untersuchen. Der Täter war noch unbekannt, man hatte den
Erschlagenen des Morgens vor der Haustür gefunden, man hatte Mutmaßungen: der
Entleibte war Knecht einer Witwe, die vorher einen andern im Dienste gehabt,
der mit Unfrieden aus dem Hause gekommen war.
Da Werther dieses hörte, fuhr er mit Heftigkeit auf. -"Ist's möglich!"rief er
aus,"ich muß hinüber, ich kann nicht einen Augenblick ruhn". - Er eilte nach
Wahlheim zu, jede Erinnerung ward ihm lebendig, und er zweifelte nicht einen
Augenblick, daß jener Mensch die Tat begangen, den er so manchmal gesprochen,
der ihm so wert geworden war.
Da er durch die Linden mußte, um nach der Schenke zu kommen, wo sie den Körper
hingelegt hatten, entsetzt' er sich vor dem sonst so geliebten Platze. Jene
Schwelle, worauf die Nachbarskinder so oft gespielt hatten, war mit Blut
besudelt. Liebe und Treue, die schönsten menschlichen Empfindungen, hatten sich
in Gewalt und Mord verwandelt. Die starken Bäume standen ohne Laub und bereift,
die schönen Hecken, die sich über die niedrige Kirchhofmauer wölbten, waren
entblättert, und die Grabsteine sahen mit Schnee bedeckt durch die Lücken
hervor.
Als er sich der Schenke näherte, vor welcher das ganze Dorf versammelt war,
entstand auf einmal ein Geschrei. Man erblickte von fern einen Trupp
bewaffneter Männer, und ein jeder rief, daß man den Täter herbeiführe. Werther
sah hin und blieb nicht lange zweifelhaft. Ja, es war der Knecht, der jene
Witwe so sehr liebte, den er vor einiger Zeit mit dem stillen Grimme, mit der
heimlichen Verzweiflung umhergehend angetroffen hatte.
"Was hast du begangen, Unglücklicher!"rief Werther aus, indem er auf den
Gefangenen losging. - Dieser sah ihn still an, schwieg und versetzte endlich
ganz gelassen:"keiner wird sie haben, sie wird keinen haben". - man brachte den
Gefangnen in die Schenke, und Werther eilte fort.
Durch die entsetzliche, gewaltige Berührung war alles, was in seinem Wesen lag,
durcheinandergeschüttelt worden. Aus seiner Trauer, seinem Mißmut, seiner
gleichgültigen Hingegebenheit wurde er auf einen Augenblick herausgerissen;
unüberwindlich bemächtigte sich die Teilnehmung seiner, und es ergriff ihn eine
unsägliche Begierde, den Menschen zu retten. Er fühlte ihn so unglücklich, er
fand ihn als Verbrecher selbst so schuldlos, er setzte sich so tief in seine
Lage, daß er gewiß glaubte, auch andere davon zu überzeugen. Schon wünschte er
für ihn sprechen zu können, schon drängte sich der lebhafteste Vortrag nach
seinen Lippen, er eilte nach dem Jagdhause und konnte sich unterwegs nicht
enthalten, alles das, was er dem Amtmann vorstellen wollte, schon halblaut
auszusprechen.
Als er in die Stube trat, fand er Alberten gegenwärtig, dies verstimmte ihn
einen Augenblick; doch faßte er sich bald wieder und trug dem Amtmann feurig
seine Gesinnungen vor. Dieser schüttelte einigemal den Kopf, und obgleich
Werther mit der größten Lebhaftigkeit, Leidenschaft und Wahrheit alles
vorbrachte, was ein Mensch zur Entschuldigung eines Menschen sagen kann, so war
doch, wie sich's leicht denken läßt, der Amtmann dadurch nicht gerührt. Er ließ
vielmehr unsern Freund nicht ausreden, widersprach ihm eifrig und tadelte ihn,
daß er einen Meuchelmörder in Schutz nehme; er zeigte ihm, daß auf diese Weise
jedes Gesetz aufgehoben, alle Sicherheit des Staats zugrund gerichtet werde;
auch setzte er hinzu, daß er in einer solchen Sache nichts tun könne, ohne sich
die größte Verantwortung aufzuladen, es müsse alles in der Ordnung, in dem
vorgeschriebenen Gang gehen.
Werther ergab sich noch nicht, sondern bat nur, der Amtmann möchte durch die
Finger sehn, wenn man dem Menschen zur Flucht behülflich wäre! Auch damit wies
ihn der Amtmann ab. Albert, der sich endlich ins Gespräch mischte, trat auch
auf des Alten Seite. Werther wurde überstimmt, und mit einem entsetzlichen
Leiden machte er sich auf den Weg, nachdem ihm der Amtmann einigemal gesagt
hatte:"nein, er ist nicht zu retten!"
Wie sehr ihm diese Worte aufgefallen sein müssen, sehn wir aus einem
Zettelchen, das sich unter seinen Papieren fand und das gewiß an dem nämlichen
Tage geschrieben worden:
"Du bist nicht zu retten, Unglücklicher! Ich sehe wohl, daß wir nicht zu retten
sind".
Was Albert zuletzt über die Sache des Gefangenen in Gegenwart des Amtmanns
gesprochen, war Werthern höchst zuwider gewesen: er glaubte einige
Empfindlichkeit gegen sich darin bemerkt zu haben, und wenn gleich bei mehrerem
Nachdenken seinem Scharfsinne nicht entging, daß beide Männer recht haben
möchten, so war es ihm doch, als ob er seinem innersten Dasein entsagen müßte,
wenn er es gestehen, wenn er es zugeben sollte.
Ein Blättchen, das sich darauf bezieht, das vielleicht sein ganzes Verhältnis
zu Albert ausdrückt, finden wir unter seinen Papieren: "was hilft es, daß ich
mir's sage und wieder sage, er ist brav und gut, aber es zerreißt mir mein
inneres Eingeweide; ich kann nicht gerecht sein".
Weil es ein gelinder Abend war und das Wetter anfing, sich zum Tauen zu neigen,
ging Lotte mit Alberten zu Fuße zurück. Unterwegs sah sie sich hier und da um,
eben als wenn sie Werthers Begleitung vermißte. Albert fing von ihm an zu
reden, er tadelte ihn, indem er ihm Gerechtigkeit widerfahren ließ. Er berührte
seine unglückliche Leidenschaft und wünschte, daß es möglich sein möchte, ihn
zu entfernen. -"ich wünsch' es auch um unsertwillen,"sagt' er,"und ich bitte
dich,"fuhr er fort,"siehe zu, seinem Betragen gegen dich eine andere Richtung
zu geben, seine öftern Besuche zu vermindern. Die Leute werden aufmerksam, und
ich weiß, daß man hier und da drüber gesprochen hat". - Lotte schwieg, und
Albert schien ihr Schweigen empfunden zu haben, wenigstens seit der Zeit
erwähnte er Werthers nicht mehr gegen sie, und wenn sie seiner erwähnte, ließ
er das Gespräch fallen oder lenkte es woanders hin.
Der vergebliche Versuch, den Werther zur Rettung des Unglücklichen gemacht
hatte, war das letzte Auflodern der Flamme eines verlöschenden Lichtes; er
versank nur desto tiefer in Schmerz und Untätigkeit; besonders kam er fast
außer sich, als er hörte, daß man ihn vielleicht gar zum Zeugen gegen den
Menschen, der sich nun aufs Leugnen legte, auffordern könnte.
Alles was ihm Unangenehmes jeweils in seinem wirksamen Leben begegnet war, der
Verdruß bei der Gesandtschaft, alles was ihm sonst mißlungen war, was ihn je
gekränkt hatte, ging in seiner Seele auf und nieder. Er fand sich durch alles
dieses wie zur Untätigkeit berechtigt, er fand sich abgeschnitten von aller
Aussicht, unfähig, irgendeine Handhabe zu ergreifen, mit denen man die
Geschäfte des gemeinen Lebens anfaßt; und so rückte er endlich, ganz seiner
wunderbaren Empfindung, Denkart und einer endlosen Leidenschaft hingegeben, in
dem ewigen Einerlei eines traurigen Umgangs mit dem liebenswürdigen und
geliebten Geschöpfe, dessen Ruhe er störte, in seine Kräfte stürmend, sie ohne
Zweck und Aussicht abarbeitend, immer einem traurigen Ende näher.
Von seiner Verworrenheit, Leidenschaft, von seinem rastlosen Treiben und
Streben, von seiner Lebensmüde sind einige hinterlaßne Briefe die stärksten
Zeugnisse, die wir hier einrücken wollen.
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