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Ich danke deiner Liebe, Wilhelm, daß du das Wort so aufgefangen hast. Ja, du
hast recht: mir wäre besser, ich ginge. Der Vorschlag, den du zu einer Rückkehr
zu euch tust, gefällt mir nicht ganz; wenigstens möchte ich noch gern einen
Umweg machen, besonders da wir anhaltenden Frost und gute Wege zu hoffen haben.
Auch ist mir es sehr lieb, daß du kommen willst, mich abzuholen; verziehe nur
noch vierzehn Tage, und erwarte noch einen Brief von mir mit dem Weiteren. Es
ist nötig, daß nichts gepflückt werde, ehe es reif ist. Und vierzehn Tage auf
oder ab tun viel. Meiner Mutter sollst du sagen: daß sie für ihren Sohn beten
soll, und daß ich sie um Vergebung bitte wegen alles Verdrusses, den ich ihr
gemacht habe. Das war nun mein Schicksal, die zu betrüben, denen ich Freude
schuldig war. Leb' wohl, mein Teuerster! Allen Segen des Himmels über dich!
Leb' wohl!"
Was in dieser Zeit in Lottens Seele vorging, wie ihre Gesinnungen gegen ihren
Mann, gegen ihren unglücklichen Freund gewesen, getrauen wir uns kaum mit
Worten auszudrücken, ob wir uns gleich davon, nach der Kenntnis ihres
Charakters, wohl einen stillen Begriff machen können, und eine schöne weibliche
Seele sich in die ihrige denken und mit ihr empfinden kann.
So viel ist gewiß, sie war fest bei sich entschlossen, alles zu tun, um
Werthern zu entfernen, und wenn sie zauderte, so war es eine herzliche,
freundschaftliche Schonung, weil sie wußte, wie viel es ihm kosten, ja daß es
ihm beinahe unmöglich sein würde. Doch ward sie in dieser Zeit mehr gedrängt,
Ernst zu machen; es schwieg ihr Mann ganz über dies Verhältnis, wie sie auch
immer darüber geschwiegen hatte, und um so mehr war ihr angelegen, ihm durch
die Tat zu beweisen, wie ihre Gesinnungen der seinigen wert seien.
An demselben Tage, als Werther den zuletzt eingeschalteten Brief an seinen
Freund geschrieben, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam er abends zu Lotten
und fand sie allein. Sie beschäftigte sich, einige Spielwerke in Ordnung zu
bringen, die sie ihren kleinen Geschwistern zum Christgeschenke zurecht gemacht
hatte. Er redete von dem Vergnügen, das die Kleinen haben würden, und von den
Zeiten, da einen die unerwartete Öffnung der Tür und die Erscheinung eines
aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln in paradiesische
Entzückung setzte. -"Sie sollen,"sagte Lotte, indem sie ihre Verlegenheit unter
ein liebes Lächeln verbarg,"Sie sollen auch beschert kriegen, wenn Sie recht
geschickt sind; ein Wachsstöckchen und noch was". -"Und was heißen Sie
geschickt sein?"rief er aus;"wie soll ich sein? Wie kann ich sein? Beste
Lotte!"-"Donnerstag abend", sagte sie,"ist Weihnachtsabend, da kommen die
Kinder, mein Vater auch, da kriegt jedes das Seinige, da kommen Sie auch - aber
nicht eher". - Werther stutzte. -"Ich bitte Sie,"fuhr sie fort,"es ist nun
einmal so, ich bitte um meiner Ruhe willen, es kann nicht, es kann nicht so
bleiben". - Er wendete seine Augen von ihr und ging in der Stube auf und ab und
murmelte das"es kann nicht so bleiben!"zwischen den Zähnen. - Lotte, die den
schrecklichen Zustand fühlte, worein ihn diese Worte versetzt hatten, suchte
durch allerlei Fragen seine Gedanken abzulenken, aber vergebens. -"Nein,
Lotte,"rief er aus,"ich werde Sie nicht wiedersehen!"-"Warum das?"versetzte
sie,"Werther, Sie können, Sie müssen uns wiedersehen, nur mäßigen Sie sich. O
warum mußten Sie mit dieser Heftigkeit, dieser unbezwinglich haftenden
Leidenschaft für alles, was Sie einmal anfassen, geboren werden! Ich bitte
Sie,"fuhr sie fort, indem sie ihn bei der Hand nahm,"mäßigen Sie sich! Ihr
Geist, Ihre Wissenschaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für
mannigfaltige Ergetzungen dar! Sein Sie ein Mann, wenden Sie diese traurige
Anhänglichkeit von einem Geschöpf, das nichts tun kann als Sie bedauern". - Er
knirrte mit den Zähnen und sah sie düster an. - Sie hielt seine Hand. "Nur
einen Augenblick ruhigen Sinn, Werther!"sagte sie". Fühlen Sie nicht, daß Sie
sich betriegen, sich mit Willen zugrunde richten! Warum denn mich, Werther?
Just mich, das Eigentum eines andern? Just das? Ich fürchte, ich fürchte, es
ist nur die Unmöglichkeit, mich zu besitzen, die Ihnen diesen Wunsch so reizend
macht". - Er zog seine Hand aus der ihrigen, indem er sie mit einem starren,
unwilligen Blick ansah. "Weise!"rief er,"sehr weise! Hat vielleicht Albert
diese Anmerkung gemacht? Politisch! Sehr politisch!"-"Es kann sie jeder
machen", versetzte sie drauf, "und sollte denn in der weiten Welt kein Mädchen
sein, das die Wünsche Ihres Herzens erfüllte? Gewinnen Sie's über sich, suchen
Sie darnach, und ich schwöre Ihnen, Sie werden sie finden; denn schon lange
ängstigt mich, für Sie und uns, die Einschränkung, in die Sie sich diese Zeit
her selbst gebannt haben. Gewinnen Sie über sich, eine Reise wird Sie, muß Sie
zerstreuen! Suchen Sie, finden Sie einen werten Gegenstand Ihrer Liebe, und
kehren Sie zurück, und lassen Sie uns zusammen die Seligkeit einer wahren
Freundschaft genießen". "das könnte man", sagte er mit einem kalten Lachen,
"drucken lassen und allen Hofmeistern empfehlen. Liebe Lotte! Lassen Sie mir
noch ein klein wenig Ruh, es wird alles werden!"-"nur das, Werther, daß Sie
nicht eher kommen als Weihnachtsabend!"- er wollte antworten, und Albert trat
in die Stube. Man bot sich einen frostigen Guten Abend und ging verlegen im
Zimmer neben einander auf und nieder. Werther fing einen unbedeutenden Diskurs
an, der bald aus war, Albert desgleichen, der sodann seine Frau nach gewissen
Aufträgen fragte und, als er hörte, sie seien noch nicht ausgerichtet, ihr
einige Worte sagte, die Werthern kalt, ja gar hart vorkamen. Er wollte gehen,
er konnte nicht und zauderte bis acht, da sich denn sein Unmut und Unwillen
immer vermehrte, bis der Tisch gedeckt wurde, und er Hut und Stock nahm. Albert
lud ihn zu bleiben, er aber, der nur ein unbedeutendes Kompliment zu hören
glaubte, dankte kalt dagegen und ging weg.
Er kam nach Hause, nahm seinem Burschen, der ihm leuchten wollte, das Licht aus
der Hand und ging allein in sein Zimmer, weinte laut, redete aufgebracht mit
sich selbst, ging heftig die Stube auf und ab und warf sich endlich in seinen
Kleidern aufs Bette, wo ihn der Bediente fand, der es gegen eilfe wagte
hineinzugehn, um zu fragen, ob er dem Herrn die Stiefeln ausziehen sollte, das
er denn zuließ und dem Bedienten verbot, den andern Morgen ins Zimmer zu
kommen, bis er ihm rufen würde.
Montags früh, den einundzwanzigsten Dezember, schrieb er folgenden Brief an
Lotten, den man nach seinem Tode versiegelt auf seinem Schreibtische gefunden
und ihr überbracht hat, und den ich absatzweise hier einrücken will, so wie aus
den Umständen erhellet, daß er ihn geschrieben habe.
"Es ist beschlossen, Lotte, ich will sterben, und das schreibe ich dir ohne
romantische Überspannung, gelassen, an dem Morgen des Tages, an dem ich dich
zum letzten Male sehen werde. Wenn du dieses liesest, meine Beste, deckt schon
das kühle Grab die erstarrten Reste des Unruhigen, Unglücklichen, der für die
letzten Augenblicke seines Lebens keine größere Süßigkeit weiß, als sich mit
dir zu unterhalten. Ich habe eine schreckliche Nacht gehabt und, ach, eine
wohltätige Nacht. Sie ist es, die meinen Entschluß befestiget, bestimmt hat:
ich will sterben! Wie ich mich gestern von dir riß, in der fürchterlichen
Empörung meiner Sinne, wie sich alles das nach meinem Herzen drängte und mein
hoffnungsloses, freudeloses Dasein neben dir in gräßlicher Kälte mich anpackte
- ich erreichte kaum mein Zimmer, ich warf mich außer mir auf meine Knie, und o
Gott! Du gewährtest mir das letzte Labsal der bittersten Tränen! Tausend
Anschläge, tausend Aussichten wüteten durch meine Seele, und zuletzt stand er
da, fest, ganz, der letzte, einzige Gedanke: ich will sterben! - ich legte mich
nieder, und morgens, in der Ruhe des Erwachens, steht er noch fest, noch ganz
stark in meinem Herzen: ich will sterben! - es ist nicht Verzweiflung, es ist
Gewißheit, daß ich ausgetragen habe, und daß ich mich opfere für dich. Ja,
Lotte! Warum sollte ich es verschweigen? Eins von uns dreien muß hinweg, und
das will ich sein! O meine Beste! In diesem zerrissenen Herzen ist es wütend
herumgeschlichen, oft - deinen Mann zu ermorden! - dich! - mich! - so sei es
denn! - wenn du hinaufsteigst auf den Berg, an einem schönen Sommerabende, dann
erinnere dich meiner, wie ich so oft das Tal heraufkam, und dann blicke nach
dem Kirchhofe hinüber nach meinem Grabe, wie der Wind das hohe Gras im Scheine
der sinkenden Sonne hin und her wiegt. - ich war ruhig, da ich anfing, nun, nun
weine ich wie ein Kind, da alles das so lebhaft um mich wird.-"
Gegen zehn Uhr rief Werther seinem Bedienten, und unter dem Anziehen sagte er
ihm, wie er in einigen Tagen verreisen würde, er solle daher die Kleider
auskehren und alles zum Einpacken zurecht machen; auch gab er ihm Befehl,
überall Kontos zu fordern, einige ausgeliehene Bücher abzuholen und einigen
Armen, denen er wöchentlich etwas zu geben gewohnt war, ihr Zugeteiltes auf
zwei Monate voraus zu bezahlen.
Er ließ sich das Essen auf die Stube bringen, und nach Tische ritt er hinaus
zum Amtmanne, den er nicht zu Hause antraf. Er ging tiefsinnig im Garten auf
und ab und schien noch zuletzt alle Schwermut der Erinnerung auf sich häufen zu
wollen.
Die Kleinen ließen ihn nicht lange in Ruhe, sie verfolgten ihn, sprangen an ihm
hinauf, erzählen ihm, daß, wenn morgen, und wieder morgen, und noch ein Tag
wäre, sie die Christgeschenke bei Lotten holten, und erzählten ihm Wunder, die
sich ihre kleine Einbildungskraft versprach. -"morgen!"rief er aus,"und wieder
morgen! Und noch ein Tag!"- und küßte sie alle herzlich und wollte sie
verlassen, als ihm der Kleine noch etwas in das Ohr sagen wollte. Der verriet
ihm, die großen Brüder hätten schöne Neujahrswünsche geschrieben, so groß! Und
einen für den Papa, für Albert und Lotten einen und auch einen für Herrn
Werther; die wollten sie am Neujahrstage früh überreichen. das übermannte ihn,
er schenkte jedem etwas, setzte sich zu Pferde, ließ den Alten grüßen und ritt
mit Tränen in den Augen davon.
Gegen fünf kam er nach Hause, befahl der Magd, nach dem Feuer zu sehen und es
bis in die Nacht zu unterhalten. Den Bedienten hieß er Bücher und Wäsche unten
in den Koffer packen und die Kleider einnähen. Darauf schrieb er wahrscheinlich
folgenden Absatz seines letzten Briefes an Lotten.
"Du erwartest mich nicht! Du glaubst, ich würde gehorchen und erst
Weihnachtsabend dich wieder sehn. O Lotte! Heut oder nie mehr. Weihnachtsabend
hältst du dieses Papier in deiner Hand, zitterst und benetzest es mit deinen
lieben Tränen. Ich will, ich muß! O wie wohl ist es mir, daß ich entschlossen
bin".
Lotte war indes in einen sonderbaren Zustand geraten. Nach der letzten
Unterredung mit Werthern hatte sie empfunden, wie schwer es ihr fallen werde,
sich von ihm zu trennen, was er leiden würde, wenn er sich von ihr entfernen
sollte.
Es war wie im Vorübergehn in Alberts Gegenwart gesagt worden, daß Werther vor
Weihnachtsabend nicht wieder kommen werde, und Albert war zu einem Beamten in
der Nachbarschaft geritten, mit dem er Geschäfte abzutun hatte, und wo er über
Nacht ausbleiben mußte.
Sie saß nun allein, keins von ihren Geschwistern war um sie, sie überließ sich
ihren Gedanken, die stille über ihren Verhältnissen herumschweiften. Sie sah
sich nun mit dem Mann auf ewig verbunden, dessen Liebe und Treue sie kannte,
dem sie von Herzen zugetan war, dessen Ruhe, dessen Zuverlässigkeit recht vom
Himmel dazu bestimmt zu sein schien, daß eine wackere Frau das Glück ihres
Lebens darauf gründen sollte; sie fühlte, was er ihr und ihren Kindern auf
immer sein würde. Auf der andern Seite war ihr Werther so teuer geworden,
gleich von dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an hatte sich die
Übereinstimmung ihrer Gemüter so schön gezeigt, der lange dauernde Umgang mit
ihm, so manche durchlebte Situationen hatten einen unauslöschlichen Eindruck
auf ihr Herz gemacht. Alles, was sie Interessantes fühlte und dachte, war sie
gewohnt mit ihm zu teilen, und seine Entfernung drohete in ihr ganzes Wesen
eine Lücke zu reißen, die nicht wieder ausgefüllt werden konnte. O, hätte sie
ihn in dem Augenblick zum Bruder umwandeln können, wie glücklich wäre sie
gewesen! Hätte sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten dürfen, hätte sie
hoffen können, auch sein Verhältnis gegen Albert ganz wieder herzustellen!
Sie hatte ihre Freundinnen der Reihe nach durchgedacht und fand bei einer
jeglichen etwas auszusetzen, fand keine, der sie ihn gegönnt hätte.
Über allen diesen Betrachtungen fühlte sie erst tief, ohne sich es deutlich zu
machen, daß ihr herzliches, heimliches Verlangen sei, ihn für sich zu behalten,
und sagte sich daneben, daß sie ihn nicht behalten könne, behalten dürfe; ihr
reines, schönes, sonst so leichtes und leicht sich helfendes Gemüt empfand den
Druck einer Schwermut, dem die Aussicht zum Glück verschlossen ist. Ihr Herz
war gepreßt, und eine trübe Wolke lag über ihrem Auge.
So war es halb sieben geworden, als sie Werthern die Treppe heraufkommen hörte
und seinen Tritt, seine Stimme, die nach ihr fragte, bald erkannte. Wie schlug
ihr Herz, und wir dürfen fast sagen zum erstenmal, bei seiner Ankunft. Sie
hätte sich gern vor ihm verleugnen lassen, und als er hereintrat, rief sie ihm
mit einer Art von leidenschaftlicher Verwirrung entgegen:"Sie haben nicht Wort
gehalten". -"Ich habe nichts versprochen"war seine Antwort. -"So hätten Sie
wenigstens meiner Bitte stattgeben sollen", versetzte sie,"ich bat Sie um unser
beider Ruhe".
Sie wußte nicht recht, was sie sagte, ebensowenig was sie tat, als sie nach
einigen Freundinnen schickte, um nicht mit Werthern allein zu sein. Er legte
einige Bücher hin, die er gebracht hatte, fragte nach andern, und sie wünschte,
bald daß ihre Freundinnen kommen, bald daß sie wegbleiben möchten. Das Mädchen
kam zurück und brachte die Nachricht, daß sich beide entschuldigen ließen.
Sie wollte das Mädchen mit ihrer Arbeit in das Nebenzimmer sitzen lassen; dann
besann sie sich wieder anders. Werther ging in der Stube auf und ab, sie trat
ans Klavier und fing eine Menuett an, sie wollte nicht fließen. Sie nahm sich
zusammen und setzte sich gelassen zu Werthern, der seinen gewöhnlchen Platz auf
dem Kanapee eingenommen hatte.
"Haben Sie nichts zu lesen?"sagte sie. - Er hatte nichts. -"Da drin in meiner
Schublade", fing sie an,"liegt Ihre Übersetzung einiger Gesänge Ossians; ich
habe sie noch nicht gelesen, denn ich hoffte immer, sie von Ihnen zu hören;
aber zeither hat sich's nicht finden, nicht machen wollen". - Er lächelte,
holte die Lieder, ein Schauer überfiel ihn, als er sie in die Hände nahm, und
die Augen standen ihm voll Tränen, als er hineinsah. Er setzte sich nieder und
las.
"Stern der dämmernden Nacht, schön funkelst du in Westen, habst dein strahlend
Haupt aus deiner Wolke, wandelst stattlich deinen Hügel hin. Wornach blickst du
auf die Heide? Die stürmenden Winde haben sich gelegt; von ferne kommt des
Gießbachs Murmeln; rauschende Wellen spielen am Felsen ferne; das Gesumme der
Abendfliegen schwärmet übers Feld. Wornach siehst du, schönes Licht? Aber du
lächelst und gehst, freudig umgeben dich die Wellen und baden dein liebliches
Haar. Lebe wohl, ruhiger Strahl. Erscheine, du herrliches Licht von Ossians
Seele!
Und es erscheint in seiner Kraft. Ich sehe meine geschiedenen Freunde, sie
sammeln sich auf Lora, wie in den Tagen, die vorüber sind. - Fingal kommt wie
eine feuchte Nebelsäule; um ihn sind seine Helden, und, siehe! Die Barden des
Gesanges: grauer Ullin! Stattlicher Ryno! Alpin, lieblicher Sänger! Und du,
sanft klagende Minona! - Wie verändert seid ihr, meine Freunde, seit den
festlichen Tagen auf Selma, da wir buhlten um die Ehre des Gesanges, wie
Frühlingslüfte den Hügel hin wechselnd beugen das schwach lispelnde Gras.
Da trat Minona hervor in ihrer Schönheit, mit niedergeschlagenem Blick und
tränenvollem Auge, schwer floß ihr Haar im unsteten Winde, der von dem Hügel
herstieß. - düster ward's in der Seele der Helden, als sie die liebliche Stimme
erhob; denn oft hatten sie das Grab Salgars gesehen, oft die finstere Wohnung
der weißen Colma. Colma, verlassen auf dem Hügel, mit der harmonischen Stimme;
Salgar versprach zu kommen; aber ringsum zog sich die Nacht. Höret Colmas
Stimme, da sie auf dem Hügel allein saß.
Colma
Es ist Nacht! - Ich bin allein, verloren auf dem stürmischen Hügel. Der Wind
saust im Gebirge. Der Strom heult den Felsen hinab. Keine Hütte schützt mich
vor Regen, mich Verlaßne auf dem stürmischen Hügel. Tritt, o Mond, aus deinen
Wolken, erscheinet, Sterne der Nacht! Leite mich irgend ein Strahl zu dem Orte,
wo meine Liebe ruht von den Beschwerden der Jagd, sein Bogen neben ihm
abgespannt, seine Hunde schnobend um ihn! Aber hier muß ich sitzen allein auf
dem Felsen des verwachsenen Stroms. Der Strom und der Sturm saust, ich höre
nicht die Stimme meines Geliebten.
Warum zaudert mein Salgar? Hat er sein Wort vergessen? - da ist der Fels und
der Baum und hier der rauschende Strom! Mit einbrechender Nacht versprachst du
hier zu sein; ach! Wohin hat sich mein Salgar verirrt? Mit dir wollt' ich
fliehen, verlassen Vater und Bruder, die stolzen! Lange sind unsere
Geschlechter Feinde, aber wir sind keine Feinde, o Salgar!
Schweig eine Weile, o Wind! Still eine kleine Weile, o Strom, daß meine Stimme
klinge durchs Tal, daß mein Wanderer mich höre. Salgar! Ich bin's, die ruft!
Hier ist der Baum und der Fels! Salgar! Mein Lieber! Hier bin ich; warum
zauderst du zu kommen?
Sieh, der Mond erscheint, die Flut glänzt im Tale, die Felsen stehen grau den
Hügel hinauf; aber ich seh' ihn nicht auf der Höhe, seine Hunde vor ihm her
verkündigen nicht seine Ankunft. Hier muß ich sitzen allein.
Aber wer sind, die dort unten liegen auf der Heide? - Mein Geliebter? Mein
Bruder? - Redet, o meine Freunde! Sie antworten nicht. Wie geängstet ist meine
Seele! - Ach sie sind tot! Ihre Schwester rot vom Gefechte! O mein Bruder, mein
Bruder, warum hast du meinen Salgar erschlagen? O mein Salgar, warum hast du
meinen Bruder erschlagen? Ihr wart mir beide so lieb! O du warst schön an dem
Hügel unter Tausenden! Es war schrecklich in der Schlacht. Antwortet mir! Hört
meine Stimme, meine Geliebten! Aber ach, sie sind stumm, stumm auf ewig! Kalt
wie die Erde ist ihr Busen!
O von dem Felsen des Hügels, von dem Gipfel des stürmenden Berges, redet,
Geister der Toten! Redet! Mir soll es nicht grausen! - wohin seid ihr zur Ruhe
gegangen? In welcher Gruft des Gebirges soll ich euch finden? - keine schwache
Stimme vernehme ich im Winde, keine wehende Antwort im Sturme des Hügels. Ich
sitze in meinem Jammer, ich harre auf den Morgen in meinen Tränen. Wühlet das
Grab, ihr Freunde der Toten, aber schließt es nicht, bis ich komme. Mein Leben
schwindet wie ein Traum; wie sollt' ich zurückbleiben! Hier will ich Felsens -
wenn's Nacht wird auf dem Hügel, und Wind kommt über die Heide, soll mein Geist
im Winde stehn und trauern den Tod meiner Freunde. Der Jäger hört mich aus
seiner Laube, fürchtet meine Stimme und liebt sie; denn süß soll meine Stimme
sein um meine Freunde, sie waren mir beide so lieb!
Das war dein Gesang, o Minona, Tormans sanft errötende Tochter. Unsere Tränen
flossen um Colma, und unsere Seele ward düster.
Ullin trat auf mit der Harfe und gab uns Alpins Gesang - Alpins Stimme war
freundlich, Rynos Seele ein Feuerstrahl. Aber schon ruhten sie im engen Hause,
und ihre Stimme war verhallet in Selma. Einst kehrte Ullin zurück von der Jagd,
ehe die Helden noch fielen. Er hörte ihren Wettegesang auf dem Hügel. Ihr Lied
war sanft, aber traurig. Sie klagten Morars Fall, des ersten der Helden. Seine
Seele war wie Fingals Seele, sein Schwert wie das Schwert Oskars - aber er
fiel, und sein Vater jammerte, und seiner Schwester Augen waren voll Tränen,
Minonas Augen waren voll Tränen, der Schwester des herrlichen Morars. Sie trat
zurück vor Ullins Gesang, wie der Mond in Westen, der den Sturmregen
voraussieht und sein schönes Haupt in eine Wolke verbirgt. - Ich schlug die
Harfe mit Ullin zum Gesange des Jammers.
Ryno
Vorbei sind Wind und Regen, der Mittag ist so heiter, die Wolken teilen sich.
Fliehend bescheint den Hügel die unbeständige Sonne. Rötlich fließt der Strom
des Bergs im Tale hin. Süß ist dein Murmeln, Strom; doch süßer die Stimme, die
ich höre. Es ist Alpins Stimme, er bejammert den Toten. Sein Haupt ist vor
Alter gebeugt und rot sein tränendes Auge. Alpin, trefflicher Sänger, warum
allein auf dem schweigenden Hügel? Warum jammerst du wie ein Windstoß im Walde,
wie eine Welle am fernen Gestade?
Alpin
Meine Tränen, Ryno, sind für den Toten, meine Stimme für die Bewohner des
Grabs. Schlank bist du auf dem Hügel, schön unter den Söhnen der Heide. Aber du
wirst fallen wie Morar, und auf deinem Grabe wird der Trauernde sitzen. Die
Hügel werden dich vergessen, dein Bogen in der Halle liegen ungespannt.
Du warst schnell, o Morar, wie ein Reh auf dem Hügel, schrecklich wie die
Nachtfeuer am Himmel. Dein Grimm war ein Sturm, dein Schwert in der Schlacht
wie Wetterleuchten über der Heide. Deine Stimme glich dem Waldstrome nach dem
Regen, dem Donner auf fernen Hügeln. Manche fielen von deinem Arm, die Flamme
deines Grimmes verzehrte sie. Aber wenn du wiederkehrtest vom Kriege, wie
friedlich war deine Stirne! Dein Angesicht war gleich der Sonne nach dem
Gewitter, gleich dem Monde in der schweigenden Nacht, ruhig deine Brust wie der
See, wenn sich des Windes Brausen gelegt hat.
Eng ist nun deine Wohnung, finster deine Stätte! Mit drei Schritten mess' ich
dein Grab, o du, der du ehe so groß warst! Vier Steine mit moosigen Häupten
sind dein einziges Gedächtnis; ein entblätterter Baum, langes Gras, das im
Winde wispelt, deutet dem Auge des Jägers das Grab des mächtigen Morars. Keine
Mutter hast du, dich zu beweinen, kein Mädchen mit Tränen der Liebe. Tot ist,
die dich gebar, gefallen die Tochter von Morglan.
Wer auf seinem Stabe ist das? Wer ist es, dessen Haupt weiß ist vor Alter,
dessen Augen rot sind von Tränen? Es ist dein Vater, o Morar, der Vater keines
Sohnes außer dir. Er hörte von deinem Ruf in der Schlacht, er hörte von
zerstobenen Feinden; er hörte Morars Ruhm! Ach! Nichts von seiner Wunde? Weine,
Vater Morars, weine! Aber dein Sohn hört dich nicht. Tief ist der Schlaf der
Toten, niedrig ihr Kissen von Staube. Nimmer achtet er auf die Stimme, nie
erwacht er auf deinen Ruf. O wann wird es Morgen im Grabe, zu bieten dem
Schlummerer: erwache!
Lebe wohl, edelster der Menschen, du Eroberer im Felde! Aber nimmer wird dich
das Feld sehen, nimmer der düstere Wald leuchten vom Glanze deines Stahls. Du
hinterließest keinen Sohn, aber der Gesang soll deinen Namen erhalten, künftige
Zeiten sollen von dir hören, hören von dem gefallenen Morar.
Laut war die Trauer der Helden, am lautesten Armins berstender Seufzer. Ihn
erinnerte es an den Tod seines Sohnes, er fiel in den Tagen der Jugend. Carmor
saß nah bei dem Helden, der Fürst des hallenden Galmal. ' warum schluchzet der
Seufzer Armins?' sprach er, ' was ist hier zu weinen? Klingt nicht ein Lied und
ein Gesang, die Seele zu schmelzen und zu ergetzen? Sie sind wie sanfter Nebel,
der steigend vom See aufs Tal sprüht, und die blühenden Blumen füllet das Naß;
aber die Sonne kommt wieder in ihrer Kraft, und der Nebel ist gegangen. Warum
bist du so jammervoll, Armin, Herrscher des seeumflossenen Gorma?'
'Jammervoll! Wohl das bin ich, und nicht gering die Ursache meines Wehs. -
Carmor, du verlorst keinen Sohn, verlorst keine blühende Tochter; Colgar, der
Tapfere, lebt, und Annira, die schönste der Mädchen. Die Zweige deines Hauses
blühen, o Carmor; aber Armin ist der Letzte seines Stammes. Finster ist dein
Bett, o Daura! Dumpf ist dein Schlaf in dem Grabe - wann erwachst du mit deinen
Gesängen, mit deiner melodischen Stimme? Auf, ihr Winde des Herbstes! Auf,
stürmt über die finstere Heide! Waldströme, braust! Heult, Ströme, im Gipfel
der Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken, o Mond, zeige wechselnd dein
bleiches Gesicht! Erinnre mich der schrecklichen Nacht, da meine Kinder
umkamen, da Arindal, der Mächtige, fiel, Daura, die Liebe, verging.
Daura, meine Tochter, du warst schön, schön wie der Mond auf den Hügeln von
Fura, weiß wie der gefallene Schnee, süß wie die atmende Luft! Arindal, dein
Bogen war stark, dein Speer schnell auf dem Felde, dein Blick wie Nebel auf der
Welle, dein Schild eine Feuerwolke im Sturme!
Armar, berühmt im Kriege, kam und warb um Dauras Liebe; sie widerstand nicht
lange. Schön waren die Hoffnungen ihrer Freunde.
Erath, der Sohn Odgals, grollte, denn sein Bruder lag erschlagen von Armar. Er
kam, in einen Schiffer verkleidet. Schön war sein Nachen auf der Welle, weiß
seine Locken vor Alter, ruhig sein ernstes Gesicht. ' schönste Mädchen, ' sagte
er, ' liebliche Tochter von Armin, dort am Felsen, nicht fern in der See, wo
die rote Frucht vom Baume herblinkt, dort wartet Armar auf Daura: ich komme,
seine Liebe zu führen über die rollende See.
' sie folgt' ihm und rief nach Armar; nichts antwortete als die Stimme des
Felsens. ' Armar! Mein Lieber! Mein Lieber! Warum ängstest du mich so? Höre,
Sohn Arnarths! Höre! Daura ist's, die dich ruft!
' Erath, der Verräter, floh lachend zum Lande. Sie erhob ihre Stimme, rief nach
ihrem Vater und Bruder: ' Arindal! Armin! Ist keiner, seine Daura zu retten? '
Ihre Stimme kam über die See. Arindal, mein Sohn, stieg vom Hügel herab, rauh
in der Beute der Jagd, seine Pfeile rasselten an seiner Seite, seinen Bogen
trug er in der Hand, fünf schwarzgraue Doggen waren um ihn. Er sah den kühnen
Erath am Ufer, faßt' und band ihn an die Eiche, fest umflocht er seine Hüften,
der Gefesselte füllte mit Ächzen die Winde.
Arindal betritt die Wellen in seinem Boote, Daura herüber zu bringen. Armar kam
in seinem Grimme, drückt' ab den grau befiederten Pfeil, er klang, er sank in
dein Herz, o Arindal, mein Sohn! Statt Eraths, des Verräters, kamst du um, das
Boot erreichte den Felsen, er sank dran nieder und starb. Zu deinen Füßen floß
deines Bruders Blut, welch war dein Jammer, o Daura! Die Wellen zerschmettern
das Boot. Armar stürzt sch in die See, seine Daura zu retten oder zu sterben.
Schnell stürmte ein Stoß vom Hügel in die Wellen, er sank und hob sich nicht
wieder.
Allein auf den seebespülten Felsen hört' ich die Klagen meiner Tochter. Viel
und laut war ihr Schreien, doch konnt' sie ihr Vater nicht retten. Die ganze
Nacht stand ich am Ufer, ich sah sie im schwachen Strahle des Mondes, die ganze
Nacht hört' ich ihr Schreien, laut war der Wind, und der Regen schlug scharf
nach der Seite des Berges. Ihre Stimme ward schwach, ehe der Morgen erschien,
sie starb weg wie die Abendluft zwischen dem Grase der Felsen. Beladen mit
Jammer starb sie und ließ Armin allein! Dahin ist meine Stärke im Kriege,
gefallen mein Stolz unter den Mädchen.
Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellen hochhebt, sitz' ich
am schallenden Ufer, schaue nach dem schrecklichen Felsen. Oft im sinkenden
Monde seh' ich die Geister meiner Kinder, halb dämmernd wandeln sie zusammen in
traurigen Eintracht.'"
Ein Strom von Tränen, der aus Lottens Augen brach und ihrem gepreßten Herzen
Luft machte, hemmte Werthers Gesang. Er warf das Papier hin, faßte ihre Hand
und weinte die bittersten Tränen. Lotte ruhte auf der andern und verbarg ihre
Augen ins Schnupftuch. Die Bewegung beider war fürchterlich. Sie fühlten ihr
eigenes Elend in dem Schicksale der Edlen, fühlten es zusammen, und ihre Tränen
vereinigten sich. Die Lippen und Augen Werthers glühten an Lottens Arme; ein
Schauer überfiel sie; sie wollte sich entfernen, und Schmerz und Anteil lagen
betäubend wie Blei auf ihr. Sie atmete, sich zu erholen, und bat ihn
schluchzend fortzufahren, bat mit der ganzen Stimme des Himmels! Werther
zitterte, sein Herz wollte bersten, er hob das Blatt auf und las halb
gebrochen:
"Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst und sprichst: ich betaue mit
Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der
meine Blätter herabstört! Morgen wird der Wanderer kommen, kommen der mich sah
in meiner Schönheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich
nicht finden. -"
Die ganze Gewalt dieser Worte fiel über den Unglücklichen. Er warf sich vor
Lotten nieder in der vollen Verzweifelung, faßte ihre Hände, drückte sie in
seine Augen, wider seine Stirn, und ihr schien eine Ahnung seines schrecklichen
Vorhabens durch die Seele zu fliegen. Ihre Sinne verwirrten sich, sie drückte
seine Hände, drückte sie wider ihre Brust, neigte sich mit einer wehmütigen
Bewegung zu ihm, und ihre glühenden Wangen berührten sich. Die Welt verging
ihnen. Er schlang seine Arme um sie her, preßte sie an seine Brust und deckte
ihre zitternden, stammelnden Lippen mit wütenden Küssen. -"Werther!"rief sie
mit erstickter Stimme, sich abwendend,"Werther!", und drückte mit schwacher
Hand seine Brust von der ihrigen;"Werther!"rief sie mit dem gefaßten Tone des
edelsten Gefühles. - Er widerstand nicht, ließ sie sich aus seinen Armen und
warf sich unsinnig vor sie hin. - Sie riß sich auf, und in ängstlicher
Verwirrung, bebend zwischen Liebe und Zorn, sagte sie:"das ist das letzte Mal!
Werther! Sie sehn mich nicht wieder". Und mit dem vollsten Blick der Liebe auf
den Elenden eilte sie ins Nebenzimmer und schloß hinter sich zu. - Werther
streckte ihr die Arme nach, getraute sich nicht, sie zu halten. Er lag an der
Erde, den Kopf auf dem Kanapee, und in dieser Stellung blieb er über eine halbe
Stunde, bis ihn ein Geräusch zu sich selbst rief. Es war das Mädchen, das den
Tisch decken wollte. Er ging im Zimmer auf und ab, und da er sich wieder allein
sah, ging er zur Türe des Kabinetts und rief mit leiser Stimme:"Lotte! Lotte!
Nur noch ein Wort! Ein Lebewohl!"- sie schwieg. - er harrte und bat und harrte;
dann riß er sich weg und rief:"lebe wohl, Lotte! Auf ewig lebe wohl!"
Er kam ans Stadttor. Die Wächter, die ihn schon gewohnt waren, ließen ihn
stillschweigend hinaus. Es stiebte zwischen Regen und Schnee, und erst gegen
eilfe klopfte er wieder. Sein Diener bemerkte, als Werther nach Hause kam, daß
seinem Herrn der Hut fehlte. Er getraute sich nicht, etwas zu sagen,
entkleidete ihn, alles war naß. Man hat nachher den Hut auf einem Felsen, der
an dem Abhange des Hügels ins Tal sieht, gefunden, und es ist unbegreiflich,
wie er ihn in einer finstern, feuchten Nacht, ohne zu stürzen, erstiegen hat.
Er legte sich zu Bette und schlief lange. Der Bediente fand ihn schreibend, als
er ihm den andern Morgen auf sein Rufen den Kaffee brachte. Er schrieb
folgendes am Briefe an Lotten:
"Zum letztenmale denn, zum letztenmale schlage ich diese Augen auf. Sie sollen,
ach, die Sonne nicht mehr sehn, ein trüber, neblichter Tag hält sie bedeckt. So
traure denn, Natur! Dein Sohn, dein Freund, dein Geliebter naht sich seinem
Ende. Lotte, das ist ein Gefühl ohnegleichen, und doch kommt es dem dämmernden
Traum am nächsten, zu sich zu sagen: das ist der letzte Morgen. Der letzte!
Lotte, ich habe keinen Sinn für das Wort: der letzte! Stehe ich nicht da in
meiner ganzen Kraft, und morgen liege ich ausgestreckt und schlaff am Boden.
Sterben! Was heißt das? Siehe, wir träumen, wenn wir vom Tode reden. Ich habe
manchen sterben sehen; aber so eingeschränkt ist die Menschheit, daß sie für
ihres Daseins Anfang und Ende keinen Sinn hat. Jetzt noch mein, dein! Dein, o
Geliebte! Und einen Augenblick - getrennt, geschieden - vielleicht auf ewig? -
nein, Lotte, nein - wie kann ich vergehen? Wie kannst du vergehen? Wir sind ja!
- vergehen! - was heißt das? Das ist wieder ein Wort, ein leerer Schall, ohne
Gefühl für mein Herz. - - tot, Lotte! Eingescharrt der kalten Erde, so eng! So
finster! - ich hatte eine Freundin, die mein alles war meiner hülflosen Jugend;
sie starb, und ich folgte ihrer Leiche und stand an dem Grabe, wie sie den Sarg
hinunterließen und die Seile schnurrend unter ihm weg und wieder herauf
schnellten, dann die erste Schaufel hinunterschollerte, und die ängstliche Lade
einen dumpfen Ton wiedergab, und dumpfer und immer dumpfer, und endlich bedeckt
war! - ich stürzte neben das Grab hin - ergriffen, erschüttert, geängstet,
zerrissen mein Innerstes, aber ich wußte nicht, wie mir geschah - wie mir
geschehen wird - Sterben! Grab! Ich verstehe die Worte nicht!
O vergib mir! Vergib mir! Gestern! Es hätte der letzte Augenblick meines Lebens
sein sollen. O du Engel! Zum ersten Male, zum ersten Male ganz ohne Zweifel
durch mein innig Innerstes durchglühte mich das Wonnegefühl: sie liebt mich!
Sie liebt mich! Es brennt noch auf meinen Lippen das heilige Feuer, das von den
deinigen strömte, neue, warme Wonne ist in meinem Herzen. Vergib mir! Vergib
mir!
Ach, ich wußte, daß du mich liebtest, wußte es an den ersten seelenvollen
Blicken, an dem ersten Händedruck, und doch, wenn ich wieder weg war, wenn ich
Alberten an deiner Seite sah, verzagte ich wieder in fieberhaften Zweifeln.
Erinnerst du dich der Blumen, die du mir schicktest, als du in jener fatalen
Gesellschaft mir kein Wort sagen, keine Hand reichen konntest? O, ich habe die
halbe Nacht davor gekniet, und sie versiegelten mir deine Liebe. Aber ach!
Diese Eindrücke gingen vorüber, wie das Gefühl der Gnade seines Gottes
allmählich wieder aus der Seele des Gläubigen weicht, die ihm mit ganzer
Himmelsfülle in heiligen, sichtbaren Zeichen gereicht ward.
Alles das ist vergänglich, aber keine Ewigkeit soll das glühende Leben
auslöschen, das ich gestern auf deinen Lippen genoß, das ich in mir fühle! Sie
liebt mich! Dieser Arm hat sie umfaßt, diese Lippen haben auf ihren Lippen
gezittert, dieser Mund hat an dem ihrigen gestammelt. Sie ist mein! Du bist
mein! Ja, Lotte, auf ewig.
Und was ist das, daß Albert dein Mann ist? Mann! Das wäre denn für diese Welt -
und für diese Welt Sünde, daß ich dich liebe, daß ich dich aus seinen Armen in
die meinigen reißen möchte? Sünde? Gut, und ich strafe mich dafür; ich habe sie
in ihrer ganzen Himmelswonne geschmeckt, diese Sünde, habe Lebensbalsam und
Kraft in mein Herz gesaugt. Du bist von diesem Augenblicke mein! Mein, o Lotte!
Ich gehe voran! Gehe zu meinem Vater, zu deinem Vater. Dem will ich's klagen,
und er wird mich trösten, bis du kommst, und ich fliege dir entgegen und fasse
dich und bleibe bei dir vor dem Angesichte des Unendlichen in ewigen
Umarmungen.
Ich träume nicht, ich wähne nicht! Nahe am Grabe wird mir es heller. Wir werden
sein! Wir werden uns wieder sehen! Deine Mutter sehen! Ich werde sie sehen,
werde sie finden, ach, und vor ihr mein ganzes Herz ausschütten! Deine Mutter,
dein Ebenbild".
Gegen eilfe fragte Werther seinen Bedienten, ob wohl Albert zurückgekommen sei?
Der Bediente sagte: ja, er habe dessen Pferd dahinführen sehen. Darauf gibt ihm
der Herr ein offenes Zettelchen des Inhalts: "wollten Sie mir wohl zu einer
vorhabenden Reise Ihre Pistolen leihen? Leben Sie recht wohl!"
Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geschlafen; was sie gefürchtet
hatte, war entschieden, auf eine Weise entschieden, die sie weder ahnen noch
fürchten konnte. Ihr sonst so rein und leicht fließendes Blut war in einer
fieberhaften Empörung, tausenderlei Mepfindungen zerrütteten das schöne Herz.
War es das Feuer von Werthers Umarmungen, das sie in ihrem Busen fühlte? War es
Unwille über seine Verwegenheit? War es eine unmutige Vergleichung ihres
gegenwärtigen Zustandes mit jenen Tagen ganz unbefangener, freier Unschuld und
sorglosen Zutrauens an sich selbst? Wie sollte sie ihrem Manne entgegengehen,
wie ihm eine Szene bekennen, die sie so gut gestehen durfte, und die sie sich
doch zu gestehen nicht getraute? Sie hatten so lange gegen einander
geschwiegen, und sollte sie die erste sein, die das Stillschweigen bräche und
eben zur unrechten Zeit ihrem Gatten eine so unerwartete Entdeckung machte?
Schon fürchtete sie, die bloße Nachricht von Werthers Besuch werde ihm einen
unangenehmen Eindruck machen, und nun gar diese unerwartete Katastrophe! Konnte
sie wohl hoffen, daß ihr Mann sie ganz im rechten Lichte sehen, ganz ohne
Vorurteil aufnehmen würde? Und konnte sie wünschen, daß er in ihrer Seele lesen
möchte? Und doch wieder, konnte sie sich verstellen gegen den Mann, vor dem sie
immer wie ein kristallhelles Glas offen und frei gestanden und dem sie keine
ihrer Empfindungen jemals verheimlicht noch verheimlichen können? Eins und das
andre machte ihr Sorgen und setzte sie in Verlegenheit; und immer kehrten ihre
Gedanken wieder zu Werthern, der für sie verloren war, den sie nicht lassen
konnte, den sie - leider! - sich selbst überlassen mußte, und dem, wenn er sie
verloren hatte, nichts mehr übrig blieb.
Wie schwer lag jetzt, was sie sich in dem Augenblick nicht deutlich machen
konnte, die Stockung auf ihr, die sich unter ihnen festgesetzt hatte! So
verständige, so gute Menschen fingen wegen gewisser heimlicher
Verschiedenheiten unter einander zu schweigen an, jedes dachte seinem Recht und
dem Unrechte des andern nach, und die Verhältnisse verwickelten und verhetzten
sich dergestalt, daß es unmöglich ward, den Knoten eben in dem kritischen
Momente, von dem alles abhing, zu lösen. Hätte eine glückliche Vertraulichkeit
sie früher wieder einander näher gebracht, wäre Liebe und Nachsicht
wechselsweise unter ihnen lebendig worden und hätte ihre Herzen aufgeschlossen,
vielleicht wäre unser Freund noch zu retten gewesen.
Noch ein sonderbarer Umstand kam dazu. Werther hatte, wie wir aus seinen
Briefen wissen, nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß er sich diese Welt zu
verlassen sehnte. Albert hatte ihn oft bestritten, auch war zwischen Lotten und
ihrem Mann manchmal die Rede davon gewesen. Dieser, wie er einen entschiedenen
Widerwillen gegen die Tat empfand, hatte auch gar oft mit einer Art von
Empfindlichkeit, die sonst ganz außer seinem Charakter lag, zu erkennen
gegeben, daß er an dem Ernst eines solchen Vorsatzes sehr zu zweifeln Ursach'
finde, er hatte sich sogar darüber einigen Scherz erlaubt und seinen Unglauben
Lotten mitgeteilt. Dies beruhigte sie zwar von einer Seite, wenn ihre Gedanken
ihr das traurige Bild vorführten, von der andern aber fühlte sie sich auch
dadurch gehindert, ihrem Manne die Besorgnisse mitzuteilen, die sie in dem
Augenblicke quälten.
Albert kam zurück, und Lotte ging ihm mit einer verlegenen Hastigkeit entgegen,
er war nicht heiter, sein Geschäft war nicht vollbracht, er hatte an dem
benachbarten Amtmanne einen unbiegsamen, kleinsinnigen Menschen gefunden. Der
üble Weg auch hatte ihn verdrießlich gemacht.
Er fragte, ob nichts vorgefallen sei, und sie antwortete mit Übereilung:
Werther sei gestern abends dagewesen. Er fragte, ob Briefe gekommen, und er
erhielt zur Antwort, daß ein Brief und Pakete auf seiner Stube lägen. Er ging
hinüber, und Lotte blieb allein. Die Gegenwart des Mannes, den sie liebte und
ehrte, hatte einen neuen Eindruck in ihr Herz gemacht. Das Andenken seines
Edelmuts, seiner Liebe und Güte hatte ihr Gemüt mehr beruhigt, sie fühlte einen
heimlichen Zug, ihm zu folgen, sie nahm ihre Arbeit und ging auf sein Zimmer,
wie sie mehr zu tun pflegte. Sie fand ihn beschäftigt, die Pakete zu erbrechen
und zu lesen. Einige schienen nicht das Angenehmste zu enthalten. Sie tat
einige Fragen an ihn, die er kurz beantwortete, und sich an den Pult stellte,
zu schreiben.
Sie waren auf diese Weise eine Stunde nebeneinander gewesen, und es ward immer
dunkler in Lottens Gemüt. Sie fühlte, wie schwer es ihr werden würde, ihrem
Mann, auch wenn er bei dem besten Humor wäre, das zu entdecken, was ihr auf dem
Herzen lag; sie verfiel in eine Wehmut, die ihr um desto ängstlicher ward, als
sie solche zu verbergen und ihre Tränen zu verschlucken suchte.
Die Erscheinung von Werthers Knaben setzte sie in die größte Verlegenheit; er
überreichte Alberten das Zettelchen, der sich gelassen nach seiner Frau wendete
und sagte:"gib ihm die Pistolen". -"ich lasse ihm glückliche Reise wünschen.
"sagte er zum Jungen. - das fiel auf sie wie ein Donnerschlag, sie schwankte
aufzustehen, sie wußte nicht, wie ihr geschah. Langsam ging sie nach der Wand,
zitternd nahm sie das Gewehr herunter, putzte den Staub ab und zauderte, und
hätte noch lange gezögert, wenn nicht Albert durch einen fragenden Blick sie
gedrängt hätte. Sie gab das unglückliche Werkzeug dem Knaben, ohne ein Wort
vorbringen zu können, und als der zum Hause hinaus war, machte sie ihre Arbeit
zusammen, ging in ihr Zimmer, in dem Zustande der unaussprechlichsten
Ungewißheit. Ihr Herz weissagte ihr alle Schrecknisse. Bald war sie im
Begriffe, sich zu den Füßen ihres Mannes zu werfen, ihm alles zu entdecken, die
Geschichte des gestrigen Abends, ihre Schuld und ihre Ahnungen. Dann sah sie
wieder keinen Ausgang des Unternehmens, am wenigsten konnte sie hoffen, ihren
Mann zu einem Gange nach Werthern zu bereden. Der Tisch ward gedeckt, und eine
gute Freundin, die nur etwas zu fragen kam, gleich gehen wollte - und blieb,
machte die Unterhaltung bei Tische erträglich; man zwang sich, man redete, man
erzählte, man vergaß sich.
Der Knabe kam mit den Pistolen zu Werthern, der sie ihm mit Entzücken abnahm,
als er hörte, Lotte habe sie ihm gegeben. Er ließ sich Brot und Wein bringen,
hieß den Knaben zu Tische gehen und setzte sich nieder, zu schreiben.
"Sie sind durch deine Hände gegangen, du hast den Staub davon geputzt, ich
küsse sie tausendmal, du hast sie berührt! Und du, Geist des Himmels,
begünstigst meinen Entschluß, und du, Lotte, reichst mir das Werkzeug, du, von
deren Händen ich den Tod zu empfangen wünschte, und ach! Nun empfange. O ich
habe meinen Jungen ausgefragt. Du zittertest, als du sie ihm reichtest, du
sagtest kein Lebewohl! - wehe! Wehe! Kein Lebewohl! - solltest du dein Herz für
mich verschlossen haben, um des Augenblicks willen, der mich ewig an dich
befestigte? Lotte, kein Jahrtausend vermag den Eindruck auszulöschen! Und ich
fühle es, du kannst den nicht hassen, der so für dich glüht".
Nach Tische hieß er den Knaben alles vollends einpacken, zerriß viele Papiere,
ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung. Er kam wieder nach Hause,
ging wieder aus vors Tor, ungeachtet des Regens, in den gräflichen Garten,
schweifte weiter in der Gegend umher und kam mit anbrechender Nacht zurück und
schrieb.
"Wilhelm, ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmel gesehen. Leb
wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröste sie, Wilhelm! Gott segne euch!
Meine Sachen sind alle in Ordnung. Lebt wohl! Wir sehen uns wieder und
freudiger".
"Ich habe dir übel gelohnt, Albert, und du vergibst mir. Ich habe den Frieden
deines Hauses gestört, ich habe Mißtrauen zwischen euch gebracht. Lebe wohl!
Ich will es enden. O daß ihr glücklich wäret durch meinen Tod! Albert! Albert!
Mache den Engel glücklich! Und so wohne Gottes Segen über dir!"
Er kannte den Abend noch viel in seinen Papieren, zerriß vieles und warf es in
den Ofen, versiegelte einige Päcke mit den Adressen an Wilhelm. Sie enthielten
kleine Aufsätze, abgerissene Gedanken, deren ich verschiedene gesehen habe; und
nachdem er um zehn Uhr Feuer hatte nachlegen und sich eine Flasche Wein geben
lassen, schickte er den Bedienten, dessen Kammer wie auch die Schlafzimmer der
Hausleute weit hinten hinaus waren, zu Bette, der sich dann in seinen Kleidern
niederlegte, um frühe bei der Hand zu sein; denn sein Herr hatte gesagt, die
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