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Generationenbegegnung Dunkelheit war in ihm. Er fühlte sich leer und verbraucht. Traurig blickte er zurück. Zurück auf das was längst gewesen und heute, da sein Leben zu weit fortgeschritten, nicht mehr zu ändern ist. Wieso bemerkt er es erst jetzt, fragt er sich. Hatte er nicht schon längst die Möglichkeit gehabt, zu ändern, was geändert gehört hatte? Wäre es denn wirklich so schwer gewesen auszubrechen aus all dem? Heute ist er dreiundachtzig Jahre alt. Sein drittes Bier steht vor ihm. Wenn man etwas Alkohol zu sich nimmt, kann es leicht passieren dass man sentimental wird und anfängt über das Leben zu philosophieren. Man tut dies nicht laut, indem man mit jemandem darüber spricht. Nein, diesen inneren Kampf mit sentimentalen und gefühlsüberladenen Gedanken muss Mann mit sich selber Kämpfen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist er noch gut in Form. Doch wenn man genau in seine Augen sieht, die schon vieles gesehen haben, so erkennt man, dass in dem alten Mann die Sehnsucht steckt, anders gelebt zu haben, als wie er dies getan hat. Und so sitzt er da, an diesem lauen Sommerabend im Gastgarten seines Stammlokals in der Innenstadt, in der er aufgewachsen war. Ein paar Tische weiter sitzt ein weitaus jüngerer Mann. Der Alte schätzt, dass er um die zwanzig herum sein müsste. Während seines Gedankenspiels war er ihm gar nicht aufgefallen. Doch jetzt bemerkt er ihn. Er sieht in sich genau an. Der Junge ist auch sehr nachdenklich. Wie bei dem Alten, so ist es auch bei ihm mittlerweile das dritte Bier, dass er sich zu Gemüte führt. Der Alte ist dem Jungen gegenüber gar nicht so verschieden. Der einzige Unterschied zwischen den beiden ist, dass der Alte darüber nachdenkt, was er hätte anders machen müssen. Der Junge hingegen fragt sich angestrengt, was er tun kann, damit er nicht eines Tages so sein wird, wie alle anderen Menschen sind. Der Alte hat recht gut geschätzt. Der Junge ist zweiundzwanzig Jahre alt. Heute war es für ihn wieder einmal Zeit in die Innenstadt zu gehen und vom Alltag abzuschalten. Das Problem, das er dabei jedesmal hat, wie er festgestellt hat ist, dass er sehr nachdenklich wird. Er denkt über so vieles nach und würde eigentlich gerne mit jemandem darüber reden. Doch er weiß, dass es da niemanden gibt, der ihn verstehen würde. Er hätte gerne jemanden zum reden gehabt. Doch ab und zu ist es einfach klüger mit sich selbst zu reden. Der Junge kann es einfach nicht begreifen, warum es so schwer ist ein Leben zu führen, das nicht von der Gesellschaft programmiert wird. Mann muss sie sich nur einmal genauer ansehen. Die ganzen Bankeninhaber, Anwälte, Politiker, Professoren, und Firmenbosse riesiger Konzerne. Alle streben sie Tag täglich nach dem großen Geld ohne dabei Rücksicht auf die anderen Menschen zu nehmen. Sie fahren in ihren Luxuskarosserien durch die Straßen und haben jegliche Art vom Menschsein verloren. Seitenstraßen nehmen sie lieber nicht. Oder wenn sie einen Chauffeur haben, so hat dieser die Anweisung nur in den schönen Straßen zu fahren, um ja nicht das Leid der Obdachlosen zu sehen. Denn dies könnte ja zu Mitleid führen und der Erkenntnis, dass man früher auch einmal nur Herr seines Körpers und nicht mehr war. Er bekommt mehr Traurigkeit als Wut, wenn er über diese Leute nachdenkt. Sie wollten doch auch einmal besondere Menschen sein, denen etwas an dem Planeten Erde und seinen Menschen liegt. Doch jetzt sind sie so geworden. Der Junge muss sich die Träne zurück halten. Auf der Anderen Seite denkt er an die andere Klasse der Gesellschaft. Die Straßenkehrer, Bäcker, Metzger, Hilfsarbeiter, Maurer, Büroangestellten und der gleichen. Sie verdienen gerade mal genug um über die Runden zu kommen. Aber sie sind immer getrieben von der Sehnsucht den Zahltag eines Anwalts oder Bankdirektors zu bekommen. Und so werden Sie eifersüchtig und schimpfen über die „großen“ des Landes. Und so kommt der Junge zu dem Schluss, dass es nur diese zwei Möglichkeiten gibt. Entweder muss man sich sein Leben lang abplagen und wird doch nie zufrieden sein. Oder man besitzt so viel Geld und ist bei den Höheren des Landes so angesehen und involviert, dass man gar nicht merkt, wie sehr man sich selbst belügt und ein Leben lebt, dass einem in Wirklichkeit nichts gibt. Dann denkt er an die Menschen in seinem Alter. Immer nur unterwegs um sich zu betrinken. Die jungen Männer rennen den jungen Frauen hinterher, die sich möglichst so kleiden um viel Eindruck bei den jungen Männern zu schinden. Wenn man es einmal realistisch betrachtet, so belügen sie sich doch gegenseitig. Sie spielen miteinander und verletzen unterbewusst oder bewusst die Gefühle des anderen. Das Ziel des jungen Mannes ist es so viele Frauen wie möglich zu bekommen. Und das Ziel der jungen Frau ist es, so viele Männer wie möglich auf sich aufmerksam zu machen, um diesen dann wiederum klar zu machen, dass sie keine Chance haben. Der Junge versteht es einfach nicht, wie es seine Generation schafft sich selbst so zu zerstören. Wie soll er da jemals der Mensch werden, der er werden möchte? Wie soll es ihm gelingen einmal mit einer Frau verheiratet zu sein, mit der er über das reden kann, was ihn beschäftigt und einer Arbeit nachzugehen, bei der man nicht unzufrieden ist und über die reichen des Landes schimpft, beziehungsweise einer Arbeit, bei der man nicht der Reiche ist und nur dem Geld hinterher rennt und das Lächeln ein unechtes ist? Die zweite Träne an diesem Abend, die er nicht bereit ist zu vergießen. Noch nicht. Der Alte trinkt den ersten Schluck des vierten Bieres. Er ist pensionierter Politiker einer Partei, die heute nur mehr in seiner Erinnerung besteht. Er war Spitzenpolitiker in dieser Partei. Bei der fünfzigsten Lüge hat er aufgehört zu zählen. Es machte ihm richtig Spaß so an der Macht zu sitzen. Das Geld, das er dabei verdiente war auch nicht zu verachten. Mit sechzig Jahren beschloss er dann auszusteigen und endlich in Pension zu gehen. Für eine Familie, die er sich damals als er noch so alt war wie der Junge sehnlichst gewünscht hatte, war kein Platz gewesen. Zu viele Termine ermöglichten es nie die Frau des Lebens zu finden und für die Erhaltung des Familiennamens zu sorgen. Jetzt mit seinen dreiundachtzig Jahren, genau an diesem lauen Sommerabend, als er sich den Jungen ansieht, merkt er, dass er sich sein Leben lang selbst belogen hat. Er wollte doch eigentlich nie so leben, wie er gelebt hatte. Und was hatte er jetzt davon. Er hat niemanden, mit dem er reden kann, hat keine Kinder, denen er Werte mit auf den Weg hätte geben können, die vielleicht diese Welt zu einer besseren gemacht hätten. Ach wie hatte er doch im Alter des Jungen den Traum nicht so zu werden wie alle anderen. Er erinnert sich zurück. Er hatte es wirklich versucht. War mit vierundzwanzig Jahren nach seinem Politikwissenschaftsstudium losgezogen und machte eine Weltreise. Seine Eltern waren damals dagegen. Doch er wollte es so sehr, dass er neben dem Studium hart Arbeitete um sich seinen Traum zu verwirklichen. Als er dann genug beisammen hatte konnte ihn niemand davon abhalten. Das Studium hatte es damals noch nicht geschafft ihn zu vergiften. Erst nach seiner Weltreise, als er anfing richtig aktiv zu werden in der Partei, wurde er Stück für Stück von den Parteigenossen zu dem Menschen gemacht, der er dann über all die Jahre war, und von dem er sich heute selbst ekelt. Nie mehr hatte er daran gedacht, welche Ziele er sich damals gesetzt hatte. Eben die Ziele, die der Junge jetzt noch hat. Er sieht dem Jungen direkt ins Gesicht. Und erst jetzt schafft es der Alte, was er all die Jahre nicht geschafft hatte. Er lässt los und vergießt endlich die Träne, die er so lange unterdrückt hatte. Es ist nicht nur seine Träne, denkt er sich. Es ist auch die des Jungen, der es Gott sei Dank noch nicht nötig hat eine zu vergießen. Wie sehr der Alte doch hoffte und dem Jungen wünschte, dass er es besser macht als er. Der Junge, ganz verloren in seinem Innern, das jetzt von derselben Dunkelheit bestimmt wird, wie das des alten, zündet sich eine Zigarette an. Bei einem genüsslichen Zug kann man halt doch trotz der Gesundheitsschädigung gut loslassen. Man zieht mit dem Dunst die Schwere des Lebens und der Emotionen ein und atmet sie mit einem befreienden Gefühl wieder aus. Jetzt fällt dem Jungen der Alte auf, der ihm ein paar Tische weiter gegenüber sitzt. Er sieht ihm in die Augen und spürt sogleich, dass sie etwas verbindet. Und irgendwie hat er die ganze Zeit über schon gespürt, dass er da war. Der Junge merkt dem Alten an, dass dieser sich über dasselbe Gedanken macht, wie er. Doch der Alte hatte jetzt nicht mehr die Möglichkeit etwas zu ändern. Wie traurig es doch für den Alten sein muss, denkt sich der Junge, erst jetzt zu entdecken, dass man das Leben falsch gelebt hat. Die dritte Träne, die er dem Alten wegen vergossen hätte, die er aber nicht heraus lässt verwandelt sich langsam in Hoffnung. Er begreift, dass er am Beginn des Lebens steht. Er muss es nicht so machen wie der Alte und in sechzig Jahren erst entdecken, dass er es falsch gemacht hat. Der Junge beschließt mit sich selbst auszubrechen aus dem System, bevor er überhaupt darin verwickelt ist. Er wird sich eine liebevolle Frau suchen, die ihn versteht und die dieselben Dinge bewegen. Er möchte Menschsein von ganzem Herzen und das Leben genießen. Schriftsteller. Das ist seine Berufung. Mit seinen Texten möchte er die Gefühle anderer wecken und ihnen seine Sicht der Dinge vermitteln. Vielleicht wird die Welt durch eines seiner Bücher zu einer besseren Welt. Freude beginnt in dem Jungen zu wachsen. Ja, er wird es schaffen. Er trinkt den letzten Schluck und drückt die Zigarette aus. Als er aufstehen möchte um dem Alten Trost zu spenden und von ihm zu lernen, merkt er, dass der Alte schon weg war. Beitrag von: Manuel Schwaiger, manuel.schwaiger@geomix.at
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