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Aktenleiche von Constantin Gonzo Eine kalte, glatte Oberfläche schmiegte sich an die linke Hälfte seines Gesichtes als er die Augen schwerfällig öffnete, Licht drang auf seine Netzhaut, tanzende Farbflecke mischten sich in das noch unvollständige Bild seiner nächsten Umgebung. Er drehte den Kopf und sein Gehirn folgte im nachhinein, massenträge wie es war versetzte es ihn in Schwindel, er spürte augenblicklich jede Promille irgendeines Restalkohols. Seine Schlafstätte war die mittlere Kabine des Schulklos, angewidert erhob er sein Haupt vom vergilbten Klodeckel und hörte lauter Stimmen außerhalb seiner Pension. Unsicher darüber wie diese Situation ihn ereilt hatte, schwamm ihm nur ein vager Begriff durch seinen dröhnenden Schädel, Abiturstreich, Abiturstreich zog noch ein paar Kreise um sein Erinnerungsvermögen bis ein oder zwei Bilder von glücklich grölenden Menschen aus dem seichten Meer der nahen Vergangenheit gefischt waren in dem bis vor kurzem noch ein Sturm getobt hatte. Er erhob sich ohne zurückzublicken und griff nach der Türklinke, doch Ungläubigkeit stürmte in seinen Blick als er ins Leere griff, die Türklinke schien nicht mehr als ein Trugbild zu sein, er griff noch einmal, fest entschlossen die Klotür zu öffnen, wieder nichts, seine Hand glitt durch Luft, vollkommen verstört lehnte er sich an die Abteilabtrennung, nur um augenblicklich auf den kalten Kacheln der gegenüberliegenden Kabine zu landen. Ein leichter Schmerz durchzuckte seine Schulter, ob real oder nur ein Reflex bei Aufprällen Schmerz zu empfinden, konnte er nicht sagen. Als er einen Sextaner bemerkte ,der direkt vor ihm versuchte mit den Füßen auf den Kloring zu steigen um sein Geschäft abzuhalten, rettete er sich mit einer schnellen Umwälzung vor der Vorstellung und sah sich nun, noch immer in der Panik des Unwissenden, drei Schülern gegenüber, die an den Waschbecken verzweifelt versuchten aus den Drehspendern gelbe Brocken dieser nie genau bestimmten Krümelseife zu ergattern. Niemand schien sich für ihn zu interessieren. Er näherte sich dem Nächstnähesten und schrie ihm, keinen Meter entfernt, ein urlautes Hallo entgegen. Keine Reaktion, der Schüler drehte sich und ging gerade durch ich ihn hindurch, als ob er nichts, nur Luft wäre. Ihn überkam ein schauriger Gedanke. Erst verließ in jeder Mut auch nur einen Schritt weiter in die angedachte Richtung zu überlegen, doch letztendlich entschloß er sich die Wahrheit am Exempel zu überprüfen und schritt abermals durch die Tür seines unangenehmen Übernachtungsortes. Er sah sich selbst in derselben Position in der er aufgewacht war, nur war es ein lebloser Eindruck den er auf sich machte. Er war tot und das war ihm nun gar keine Überraschung, sondern nur eine trockene Feststellung wert über deren emotionaler Schlichtheit er sich selbst wunderte. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass zwischenzeitlich schon alles egal geworden war, ob es nun am Totsein oder Rotwein lag, war ihm ebenfalls schlicht egal, aber eines bereitete ihm größtes Unbehagen und Wut stieg in ihm auf. Ein blitzendes Jagdmesser ragte zwischen seinen Schulterblättern auf, erst jetzt bemerkte er, dass er auf getrocknetem Blut stand, das sich verästelt über den Boden verteilt hatte. Die Klinge durchstach nicht nur seine Leiche, einen beschmierten Zettel hatte es auch erwischt. Machs gut und danke für den Platz. Er las noch einmal. Machs gut und danke für den Platz. Fern von jeder guten Erklärung aber mit Wut im Bauch, die ein Ziel forderte, trat er aus dem Klo in den sich erstreckenden Schultrakt hinaus. Ein breiter Strom an Menschen in allen Größenordnungen zog unaufhörlich durch ihn und an ihm vorbei, aufgeregtes Gerede, lautes Lachen, schrille Schreie, schrullige Schreie, von irgendwoher auch spitze Schreie, all die Bestandteile der wohlbekannten Geräuschkulisse, die er die letzen neun Jahre, teils als Verursacher, später als Träger von Kopfschmerzen, mit so unzähligen Anderen geteilt hatte. Er brauchte Informationen, die Gründe lieferten für das, was passiert war, und so schlug er links den Weg zur ersten Treppe des Schulturmes ein, hastete hinauf, bog noch einmal links in den Lehrertrakt ab, der die unsichtbare Mauer zwischen Wissensgebern und Untergebenen, Lehrern und Schülern, auf einem roten Plastikschild mit der Gravur „Schülerwartezone“ in anfassbare Wirklichkeit verwandelte. Das Schild war immer noch ein Weinen und Lachen wert. Bevor er aber das Zimmer des Rektors betrat, machte er sich das Vergnügen kurz die Lehrertoiletten zu besuchen; Weiten, die noch nie ein Schüler je zuvor betreten hatte. Angetan von der dezenten Bachkantate im Hintergrund, den verspielten Springbrunnen und den goldenen Wasserhähnen, die geschmackvoll geschwungen in die Wand eingearbeitet waren, vergass er für einen Moment sein bedauernswertes Schicksal und genoss die wahrlich beruhigende Abgeschiedenheit dieses Ortes der Ruhe in den tosenden Fluten der Schulgänge. Nach kurzer Besinnung stand er im Sekretariat und atmete die Büroluft wie eine wohltuende Erinnerung ein, wie oft hatte er hier EVA zu einer Verabredung abgeholt, wie oft auf die letzte Sekunde Unterlagen abgegeben, und da war auch sie, die Sekretärin, er sah die Vorfreude in ihrem Gesicht als sie ihre Hand dem Mikrofon für die Sprachanlage näherte, Schüler Olsch bitte sofort zum Rektor, das leidige Schneeballschlachtproblem war auch nach neun Jahren intensiver Aufklärung nicht gelöst. Es war gut für ihn sich ein paar Gewissheiten sicher zu sein, selbst wenn er schon tot war, die Dinge würden ihren bestimmten Gang weitergehen. Wiederum hinderte ihn die Wand nicht und ihm bot sich sogleich der Anblick eines hektisch auf- und ablaufenden, kleinen, graumelierten Mannes, augenscheinlich der Rektor seiner ehemaligen Schule, er ließ sich das Adjektiv auf der Zunge zergehen, da er selbst eindeutig als ehemalig zu bezeichnen war, traf dies wohl um so mehr auf seine Wirkungsstätte zu, ehemalig, einmal gewesen, einmalig. Der Rektor telefonierte angestrengt. Sie wollen bis Ende nächste Woche noch einmal hundert Stück, aber die sind unmöglich zu beschaffen, Ich weiß, daß sie mich in der Hand haben, nun beruhigen sie sich, ich werde sehen was sich machen lässt. Der Rektor beendete mit Schweiß auf der Stirn das sichtlich unangenehme Gespräch und sank in seinen Ledersessel. Es gibt doch schon ein Opfer ,und sie wollen trotzdem mehr, uns geht bald wieder die saubere Ware aus, und dann, soll es noch einen treffen. Es gab keinen Zweifel, dass er mit dem Opfer gemeint war, der Rektor war also zu einer Beteiligung an dem Verbrechen gezwungen worden. Es ging, so schien es, um den Kopf des Rektors oder es ging am Ende um die ganze Schule. Irgend etwas Großes wurde hinter dem Berg gehalten und es betraf alle und nicht nur seine Leiche. Die nächsten Schritte lagen klar vor ihm und so stürmte er den Lehrertrakt wieder hinauf, rechts die Treppen hinunter, stieß mit einer schnellen linken Drehung durch die Tür und gelangte in die Eingangshalle, ein Blick über die Schulter verriet ihm die herannahende große Pause, gleich darauf fiel ihm die Büste des Namensgebers auf, die ihm schon so oft aufgefallen war, die immer stoisch auf ein fernes Ziel zu blicken schien. Wir sind noch weit von deiner Vorstellung entfernt. Er wendete sich ab und verließ die Schule durch die linkeste der Eingangstüren. Die lange Linie der Abitursteine kam ihm entgegen und sie wirkten wie für einen Friedhof aufgestellt, jede Generation hatte hier ihren Stolz über den Abschluß und ihre Trauer über die verlorene Kindheit in die lange Endlichkeit des Plattenweges eingesetzt. Er hatte jeden Morgen auf dem Weg in den Schuleingang diesen kalten Hauch der Vergänglichkeit in seinem Nacken gespürt und jetzt war er selbst gegangen, nicht nur seinen Schulabgang, sondern auch seinen Letzten. Er wendete sich ab. Das Glasdach über dem Eingang des Wagenhauses spiegelte die Sonne in alle Richtungen und er musste blinzeln als er in die Quelle von starkem Kaffe und warmen Schokocroissants eintrat, wie hätte er ohne solchen Proviant die ersten Stunden eines jeden Schultages überstanden, nachtrauernd wurde ihm klar, dass er nun als Toter weder müde noch hungrig sein würde. Er schritt an der Theke und der langen Schlange aus wartenden Schülern vorbei zur gegenüberliegenden Tür, die zum Hinterhof führte, dieses letzte Refugium, das den unermüdlichen Rauchern geblieben war, hier sammelte sich der schmökende Abschaum um ihrer Sucht nachzugehen. Seit dem Erscheinen des neuen Rektors wehte der Rauch von einer anderen Richtung. Wollte er etwas über die Machenschaften herausfinden, hatte er nur zu lauschen, denn die Geschichten wurden hier noch schneller erzählt als sie brauchten um zu passieren. Schon wieder eine Überprüfung, hast du die Fragen, es ist dabei aber eine anstrengende Unruhe in den Lehrern, als ob, er hat geschrien und getobt, als ob es um Leben oder Tod ginge, sie stellen sogar Gelder für die Besten, ich kann dieses Wort nicht mehr hören, Überprüfung, Überprüfung, lass uns in Raum Eins, keine Verspätung bei ihm. Wie ein Wolf, der die entscheidende Fährte aufnimmt und schon von frischem Fleisch träumt, die Wut war noch da, folgte er den beiden Oberstufenschülerinnen auf ihrem Weg um das Wagenhaus herum, die Schräge hinunter und über den alten Raucherhof, der wie ausgestorben und nutzlos einen traurigen Eindruck machte. Die gegenüberliegende Fensterfront des Lehrerzimmers verriet betriebsamste Beschäftigung, niemand trank gemütlich dünnen Kaffe, alle sortierten hektisch Stapel um Stapel irgendwelcher Papiere, sonderbar, all dies gehörte mit zu den Vorgängen, die zu seinem Tod führten, all dies drehte sich in seinem Kopf zu ein und dem selben Fall zusammen. Durch die Hintertür, rechts an der Treppe vorbei, rechts in die erste Tür, am Ende in den besagten Raum Eins. Der Lehrer trat ein, er kannte ihn gut, so wie ihn alle kannten, über die Jahre war die Figur des Lehrers dicklich geworden und er hatte offensichtlich stark abgebaut, was die Lautstärke der dreckigen Lache, die Vorliebe für Konfrontalunterricht und die Passion zur deutschen Gründlichkeit anging, stand der Lehrer aber seinen früheren Jahren in nichts nach. Sie haben exakt zwanzig Minuten Zeit, und damit meine ich auch zwanzig Minuten, ich sehe ganz genau wenn jemand einen zu langen Hals kriegt, derjenige kann gleich gehen, nein, ich gucke sie dabei gar nicht an, die Bewertung ist genau festgehalten, da gibt es keine Abweichung, haben sie das verstanden, oder soll ich es wiederholen, und nun, all the luck you wish for yourself. Als er diese Szene verfolgte, keimte die Hoffnung in ihm, dass mehrere jenseitige Welten existierten, denn die Ewigkeit konnte mit besagtem Lehrer schmerzhaft lang sein. Der Klassenraum sah aus wie jeder andere Klassenraum an dieser Schule, es war sozusagen das einzig erwähnenswerte an den Klassenräumen, dass sie alle irgendwie gleich aussahen. Tische, die noch wirklich und ausschließlich Tische waren, gebaut nicht um zu gefallen, gebaut um darauf Klausuren zu schreiben, die Stühle mit der geriffelten, grauen Sitzfläche, die durch den blauen oder grünen Punkt an der Lehnenseite zwischen großen oder kleinen Schülern unterschieden, an den Wänden Pinntafeln mit Projektergebnissen in DIN3-Format. Er hatte eine beträchtliche Zeit seines nun beendeten jungen Lebens hier verbracht und Wehmut stieg ihm ungewollt säuerlich auf. Plötzlich fiel sein Blick auf die ausgeteilten Arbeiten, Überprüfung der kognitiven Leistung und Leitkultur, seine Augen weiteten sich, auch er hatte kurz vor dem Abschluß eine solche Arbeit geschrieben oder viel mehr angekreuzt, hatte man doch nur unter gegebenen Antworten wählen können. Bekennen Sie sich zum Grundgesetz? Ja, nur müsste die Macht im Staat effektiver konzentriert sein, um Deutschland wieder nach vorne zu bringen, oder, Ja, nur müssten für eine größere Standortattraktivität die Grundrechte, insbesondere die ersten 19 Artikel beschnitten werden, oder , Nein, nicht in der jetzigen Art und Weise der Behandlung, denn es hält sich sowieso keiner daran und breite Bevölkerungsschichten wissen noch nicht einmal davon, also Verbreitung der Schrift und Revolution! Sind sie auch der Meinung dass die Freiheit der Bürger erst durch erhöhte Sicherheitsmaßnahmen seitens des Staates ermöglicht werden? Ja, denn die Moslems waren mir schon immer suspekt, oder, Nein, denn ich will zugunsten der persönlichen Freiheit das Leben von potenziellen deutschen Terrorismusopfern gefährden. Wie würden sie sich selbst beschreiben? Engagiert und konsumfreudig, oder, pessimistisch und versicherungsfreudig, oder, lasst mich in Ruhe mit eurer neuen elektrischen Zahnbürste, die auch die Zahnzwischenräume erreicht und dabei innovativ nach Minze-kirsche riecht. Welcher der drei folgenden Sätze können sie beipflichten, bitte kreuzen sie an, Ich bin stolz auf Deutschland als Nation und im allgemeinen, oder, Ich bin stolz auf die deutsche Wirtschaft, oder, Ich kann mich mit meiner Heimat nicht identifizieren und gehöre damit der Gruppe der Subversiven an, die dieses Land am Aufschwung hindert Diese Arbeiten waren also die Stücke, die der Rektor sauber zu liefern, die Papiere, die die Lehrer geordnet zu sortieren und die Schüler korrekt auszufüllen hatten. Ihn hatte der Test besser unterhalten als drei Schmidtsche Kalauer über Möllemann, nur machte hier eine unbekannte Macht ernst, in seinem Falle todernst, was demnach Unterhaltung ausschloss. Der Rektor hatte wieder saubere Ware zu liefern, wie er aus dem Telefonat entnommen hatte. Er wollte wissen wie weit diese Geschichte schon in die Schule eingedrungen war, er wollte dahin zurück wo alles angefangen hatte, seine Schritte hallten nicht wieder als er erneut in den Gang trat. Er stürmte links herum den Schultrakt herunter, an der ersten Einbuchtung und Treppe, die links von ihm erschien, vorbei und in die nächste hinein. Es erstreckte sich vor ihm der mit dunklen Holz ausstaffierte Sextanercontainer, der wie ein Fremdkörper an der restlichen Schule hing. Mit größter Neugier schritt er darauf zu und verschwand gleich in der erstbesten, rechten Tür. Eine Atmosphäre der Kindlichkeit umfing ihn bei dem Anblick der selbstgemalten Sonnenblumenbilder und den Verhaltensregeltafeln mit so wunderbar humanistisch klingende Sätze wie „Lass deinen Gegenüber ausreden“ und „Seid füreinander da“. Überall strahlende, kleine Blumenkinder, die wohl gerade Biologie hatten, denn an der Tafel stand „Die Natur-dein Freund“, es wurde ein kleiner brauner Käfer herumgereicht, der Begeisterungsrufe auslöste. Das kribbelt. Erleichtert sank er zu Boden, davor hatten sie also Halt gemacht, ein beruhigendes Gefühl stieg in ihm auf. Die letzte Bastion der Kindlichkeit wurde von einer schützenden Hand gehalten. Gestärkt aber immer noch mit bohrenden Fragen im Hinterkopf verliess er den Container und legte das letzte Stück links ab den Gang zurück, durch den Sporthalleneingang, links die Treppe zu den Umkleiden hoch und durch die erste Tür hindurch. Zum zweitenmal genoss er seinen untoten Zustand, da der sicherlich vorhandene beißende Geruch ihm rein gar nichts anhaben konnte. Licht kam nur durch die eingelassenen, milchigen Scheiben, doch erkannte er eine zehnte Klasse, die sich gerade umzog. Er ging mit ihnen in die Halle, Marschmusik empfing ihn, wie ein nasser Lappen der einem ins Gesicht geschlagen wird, benommen von dem durchdringenden Takt, bemerkte er zuerst gar nicht welche Szene sich ihm unterhalb des erhöhten Umkleideganges unten im ersten Drittel bot. Dort marschierten lange Reihen von Schülern im Gleichschritt zur Musik und wurden vermessen, Kopf zu Sohle, Spannweite, Bauchumfang, von der Stirn zum Hinterkopf und zurück, Schuhgröße, für jede Station gab es einen Schriftführer, für jede Station gab es einen Maßnehmenden. Ein großes Uhrwerk, aus Menschen geformt und von Menschen aufgezogen. Sie, wer auch immer die grauen Eminenzen waren, wollten also nicht nur die geistige Vermessung, sie wollten die totale. Der anfängliche Verdacht wurde zu erdrückender Gewissheit als er zum Ausblick auf das nächste Drittel wechselte. Wieder Schriftführer, wieder Maßnehmende, diesmal liefen eine Gruppe Schüler unentwegt im Kreis, Stoppzeiten wurden laut ausgerufen. Letztlich wollte er gar nicht mehr wissen, was sich hinter Tor Nummer drei verbarg, er ging den Weg trotzdem, denn er erinnerte sich seines Zieles, und erkannte sogleich eine Chance auf Erklärung, denn hier wurden die Ergebnisse auf Boten verteilt, die in der Tür zur hinteren Begrenzung der Sporthalle verschwanden. Er sprang auf den Hallenboden, heute brauchte er, begründet in bekannten Tatsachen, keine Matte mehr unter sich, damals in den unzähligen Sportstunden seiner früheren Jugend war die Zweckentfremdung dieser immer blauen Matten die liebste Beschäftigung gegenüber jeglicher anderer Form der Körperertüchtigung gewesen. Man konnte auf den Glattbeschichteten dahingleiten wie auf Eis, man konnte sich mit den kleineren Runden auf dem Kunstturnbalken prügeln, man konnte von der Tribüne auf die größeren Weichen einkrachen, man konnte, dass war vor allem für das letzte halbe Sportjahr von Wichtigkeit, auf allen Formen rumliegen und sich das künstliche Licht der Deckenbeleuchtung auf den Bauch scheinen lassen. Er folgte den Boten hinter die Tribüne, der Bereich der grausamen Treppen, dessen Stufen er alle rauf und runter bestens kannte. Im Sportunterricht hatte ihn über die entscheidene Runde Zehn nur noch der Gedanke an ein vermindertes Herzinfarktrisiko im hohen Alter gerettet, wenn er einmal nicht mehr in der Lage sein würde Treppen zu steigen; da war es doch besser schon einmal vorzubauen. Er hechtete den Boten hinterher. Aus der Sporthalle, am Sportplatz vorbei, wo mochten sie die Papiere hinbringen, über den Pausenhof, durch den Hintereingang der Schule, sein nicht vorhandener Puls raste, im Eingangsbereich den Treppenvorsatz links hoch, selbst für einen Toten waren die Jungs recht fix, geradewegs in den Computerraum 41. Er hörte einen rasselnden Atem und ein langgezogenes Stöhnen als er sein totes Ohr an die Tür hielt, wie von einem in die Ecke gedrängten Tier, einem verwundeten Tapir oder Okapi oder ähnlichem, bis ihm wiederum bewusst wurde, dass nicht nur sein Ohr, sondern auch der ganze Rest von ihm gänzlich tot war und er durch die Tür schritt. Spannungsgeladen, auf Antworten hoffend, wurde er sich der gräßlichen Szene gewahr, die sich direkt vor ihm abspielte. Das gequälte Stöhnen und Aufbäumen erhielt schlagartig ein Gesicht. Sein ehemaliger Schulkamerad, der schon immer eine Hand für jedweges technisches Problem gehabt hatte, jetzt, wie zum Hohn, halb lebendig, halb tot, halb Mensch, halb Maschinenwesen, verbunden mit den Rechnern der Schule, arbeitete sich in zackigen, ferngelenkten Bewegung durch die Papierstapel, durch all die angehäufte Informationen, die nur einer gefährlichen Macht zur Stützung und Ausbau ihres Würgegriffes um den Hals der Kinder dienten. Ohnmacht, er konnte ihm nicht helfen. Das Maschinenwesen blickte unentwegt auf einen pulsierenden Bildschirm, den er nicht einsehen konnte. Er konnte so wenig in diesem Moment, dass es ihm die Kehle zuschnürte. Machs gut und danke für den Platz. Auf dem Bildschirm war die Antwort, da war er sich sicher, Machs gut und danke für den Platz, er umrundete den Raum bis zur Hälfte, bis zu dem unentschlossen flackernden Licht des Bildschirms, er las, Momentane Platzierung: 13, Ziel für finanzielle Grundsicherung: 10, Leitkulturlevel: 15, Ziel für behördliche Zulassung: 12, Konformitätsrate: 90%, Ziel für Aufrechterhaltung des Schulstatus: 97%, Neue Eingabe, Bitte, Neue Eingabe, das Ministerium für Schule und Heimatschutz bittet um neue...Seine Wut hatte ihr Ziel gefunden, kein Mensch hatte ihn auf dem Gewissen, seine Mörder waren Schreibtischtäter und er war ihre Aktenleiche, geopfert für die Gnadenlosigkeit der Statistik, zu seiner Schulzeit hatten sich die grauen Herren bedeckt gehalten, ihren Durst nach Kontrolle im Stillen gestillt, nun waren sie mit aller Macht in der Offensive und krochen aus ihren dunklen Verstecken ans Tageslicht. Die Sonne schien ihnen ins Gesicht und der Flächennutzungsplan für Schülergehirne, die Bebauungsbestimmungen für das Weltbild wurden im munteren Kreis grauer alter Männer und Frauen beschlossen. Er hatte für den Platz, damit für das Geld, Platz machen müssen. Die Welt drehte sich weiterhin, ohne ihn, Kinder wurden geboren, ohne ihn, durften Kind sein und an einem bestimmten Alter wurde es ihnen verboten, ohne ihn, Erwachsene gingen grau aus der Schule und wurden Rentner, ohne ihn, machten mit bei dem großen Spiel, denn der Preis ist heiß, ohne ihn, neue Kinder kamen und die Welt und seine ehemalige Schule blieben wie sie waren, ohne ihn. Er hatte sich abzufinden, mit den kleinen Freuden die das Untotsein mit sich brachte, oft kletterte er den Schulturm bis zur obersten Spitze empor, beobachtete die Physik und Biologie, am liebsten die Knallgasproben in der Chemie, und liess sich dann mit einem Sprung in die Tiefe über den Schulhof und die Köpfe der Schülermassen tragen. Am häufigsten jedoch saß er auf dem vergessenen Schulhof, der versteckt hinter dem Sextanertrakt friedlich und unberührt von den Strömungen der Zeit lag und schaute durch die großen Klassenfenstern den Kindern beim Tanzen und Lachen und Entdecken, beim Kindsein zu, denn das ist, war und wird immer gleich wahr bleiben und nie verloren gehen, durch keine Macht.
Beitrag von: Dennis-Constantin Warnecke, directorscut@web.de
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