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GULLY oder die Pfütze des Zufalls

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch sind erfunden, und jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig.

Alle Rechte bei Johannes Wierz 2011 Das Vervielfältigen des Textes oder von Teilen des Textes jeglicher Art ohne Zustimmung des Autors ist nicht erlaubt.

  1. BUCH

1.

Ein endlos scheinendes Meer, an einem beliebigen Punkt, schwarzgrau das Wasser, Wellen steigen, übertreffen in ihrer Größe Hochhäuser. Die Natur hat ihr Spielzeug gefunden. Die Natur spielt mit sich selber. An den Rändern der Schaumkronen scheint die Farbe des Wassers ins türkis zu gehen. Ein schöner Kontrast zu den weißen Schaumkrönchen obenauf. Zum Land hin bekommt das Wasser einen blasseren Ton. Blau setzt sich durch, bis das Wasser leise den Sandstrand hoch läuft. Ein Ohnmächtiger im Outfit eines Schiffbrüchigen könnte jetzt im feinen Sand liegen. Die nackten Beine, die aus der ausgefransten Hose lugen, werden vom Wasser umspült. Ein Stück Treibholz neben dem Kopf macht sich immer gut. Bevor die Flut kommt, wird der ohnmächtige Schiffbrüchige von einem armen Fischermädchen gefunden. Naturgemäß hat er sein Gedächtnis verloren und wird von dem Mädchen gesund gepflegt. Am Schluss aber weiß er wieder wer er ist und heiratet die arme Fischertochter. Solche Geschichten enden immer da, wo die Probleme erst beginnen. In der Realität ist alles anders. Ein Besoffener verlässt die Kneipe, stürzt unglücklich, fällt in eine Pfütze mit Regenbogenrand, denkt vielleicht noch, schmeckt aber komisch, und ertrinkt. Die Kinder weinen. Eine Frau atmet auf. Ein halbes Zimmer mehr und der Gestank wäre endlich aus der Bude. Wenn man trinkt, sollte man einen großen Bogen um Pfützen machen. Vor richtigen Säuferkneipen gibt es keine Pfützen. Da kann es noch so geregnet haben. In den Straßen können sich die ersten Grachten gebildet haben. Die Rampe vor dem Eingang ist knochentrocken. Nicht umsonst heißt die schmierige Hütte: Schwemme. Glatteis im Winter, vor der Schwemme nicht, da ist ganzjährig alles trocken. »Scheiße«, so beginne ich den Dialog mit der Welt, denn ich bin in eine Pfütze getreten. Meine hellen Wildlederschuhe saugen alles auf. Die Küchenrolle, der Tampon, sie haben keine Chance. Meine hellen Wildlederschuhe sind Siegertypen. Entweder war Moses Alkoholiker oder er trug helle Wildlederschuhe. Vielleicht braucht man auch beides, um ein Meer zu teilen. Ich stehe jedenfalls mit voll gesogenen Schuhen vor einer Tür, in deren Kopfhöhe ein kleines Türchen angebracht ist. Wer mit vierzig Jahren noch keine Mark auf die Seite gebracht hat, vom Euro oder Dollar ganz zu schweigen, ist ein Idiot oder Schriftsteller.

Mit dreißig Jahren dachte ich schon, ich wäre beides. Seit drei Jahren lebte ich in diesem Loch und hatte das Gefühl von der Außenwelt nicht mehr wahrgenommen zu werden. Mit neunzehn Jahren hätte ich alles darum gegeben, hier wohnen zu dürfen. Mit neunzehn Jahren bezeichnete man mich als hoffnungsvolles Talent, selbst das Prädikat Jahrhunderttalent wurde mir bescheinigt. Ab dem dreißigsten Lebensjahr kam es mir vor, als würde der Abreißkalender auf meinem Klo von selbst dünner werden. Und zwar nicht Tag für Tag, sondern Sekunde um Sekunde. Das morgendliche Geschäft, nach Genuss der ersten Zigarette, noch nicht ganz erledigt, ich wollte mich gerade erheben, da sah ich, dass schon wieder ein Monat vergangen war. Wie ein Preisausschreibenjunkie brachte ich damals meine dicken Manuskripte zur Post, unterstützte so ein Staatsunternehmen und sorgte später durch meine ungeheuren Portokosten für einen gesunden Start in eine Aktiengesellschaft. Hätte ich damals statt Briefmarken in Aktien investiert, wer weiß, wo ich heute mein geschwollenes Haupt betten würde. Ich war so weit heruntergekommen mit dreiunddreißig Jahren, dass ich keinerlei Drogen mehr bedurfte, um meine Birne weich zu bekommen. Ein Monat laues schwammiges Weißbrot aus den Containern der einschlägigen Großhandelsketten und man kommt auf einen ganz besonderen Trip. Vielleicht lag es auch an den Schimmelpilzen, aber diese Erforschung in Bezug auf das Weichmachen von Hirnen überlasse ich gern arbeitslosen Naturwissenschaftlern, die ja zuhauf ratlos durch die Gegend laufen sollen. Mit vierunddreißig Jahren verkauft längst ein arbeitsloser, ein aus der Universität nie hinausgekommener, akademischer Verlierer das Geoabo an der Tür und verdrängt so den Exknasti mit seiner Praline. Mit dreiunddreißig Jahren war die Prosa nur Hunger, nur Durst, war alle Enthaltung so viel geworden, dass ich der felsenfesten Überzeugung war, dass im Grunde die Verlage ausschließlich von den unaufgeforderten eingesandten Manuskriptbergen lebten. Ich bildete mir ein, dass Tausende von Menschen jeden Tag zur Post gingen, um ihre literarischen Ergüsse zu verschicken. Bestes Papier hervorragend geeignet zum Recyceln. In jedem, der unzähligen Copyshops, in denen ich seinerzeit auftauchte, mehr als hundert Seiten gleich fünf Mal kopierte, sah ich ein verkanntes Schriftstellergenie. Unterernährt wie ich, mit weicher Birne, hervorgerufen zum Teil auch durch die Tonerabsonderung der Kopierer und der Klebstoffzusammensetzung der Briefmarken. Bei jedem Postüberfall, bei dem ausschließlich Briefmarken und große Umschläge geklaut worden waren, schreckte ich auf. Wieder hatte einer dieser unzähligen anonymen Schriftsteller, die sich wie Bakterien über das ganze Land vermehrten, keinen anderen Ausweg mehr gewusst. Es war doch nur eine Frage der Zeit, dass ich soweit war. Unterernährt wie ich mit dreiunddreißig Jahren war, fand ich selbst in der Gastronomie oder in Krankenhäusern als dritter Spüler keine Anstellung mehr. Unvermittelbar war das Ergebnis, was mein schwammiges, in Fieberschweiß schwimmendes Gehirn dazu veranlasste, mein Loch nicht mehr zu verlassen. Einzige Ausnahme, die täglichen Streifzüge zu den Containern der einschlägigen Großhandelsketten. Schnell stellte es sich für mich heraus, dass es nächtens überhaupt keinen Sinn machte, nach etwas Essbarem zu suchen. Die Konkurrenz war einfach zu groß. Neben Katzen, streunenden Hunden, dem Wachpersonal, das immer brutaler wurde, kamen auch noch Typen hinzu, denen es ähnlich ging wie mir, aber im Gegenteil zu mir, vor Gewalt nicht zurückschreckten.

«Musst du ausgerechnet jetzt schreiben?«, fragt meine Frau Heidi, in ihrer seltsamen so eigenen Sprache, die ich so liebe. Eigentlich gibt es nichts, was ich an ihr nicht liebe. Ja, ich bin ein glücklicher Mensch. Ein zu beneidender ekelhaft glücklicher Mensch. Aber hier an diesem Ort werde ich von niemand beneidet. Im Gegenteil, man lächelt mir anerkennend zu und schaut unverblümt auf den geilsten Busen der Welt. Heidis Brüste kennen keine BHs. Sie sind groß und prall. Selbst die dünnste Membran hätte keine Chance von ihnen festgehalten zu werden. Vor zehn Jahren gehörte Heidi noch zur Olympiaauswahl der Synchronschwimmerinnen. Ihre Figur, die braune Haut mit dem blonden Flaum rauben mir immer noch den Atem. Mein Blick fällt nach rechts und ich schaue wie hypnotisiert auf ihre Brustwarzen, die sich mehr als deutlich unter ihrem hautengen Glitzerkleid eines italo-amerikanischen Designers hervorheben. »Die Leute schauen schon«, zischt sie, »gerade heute musst du doch nicht den Schriftsteller heraushängen lassen.« Wenn nicht heute, wann dann, fährt es mir durch den Kopf. Heute ist doch mein Tag. Gleich werden sie meinen Namen aufrufen und ein Bild von mir zeigen. Der Kamerakran wird sich mir auf bedrohliche Weise nähern, damit mich die ganze Welt sehen kann, sozusagen als Beweisstück, dass es mich wirklich gibt. «Niemand schreibt mehr mit der Hand«, flüstert Santor, der links von mir sitzt. Santor ist Ungar, wie er behauptet, aber ich glaube ihm kein Wort. Santor ist eine Mischung aus allem. Eine Kreuzung zwischen Straßenköter und Strandhund. In Santor stecken die Gene der ganzen Welt. Vielleicht ist es ja doch möglich, dass mehrere Männer eine Frau befruchten können. Mit Santor könnte ich das auf jedem Genetikerkongress beweisen. Santor ist das Ergebnis eines übergroßen Spermacocktails, den sich seine Mutter reingepfiffen haben muss. Jeder Mensch hat seine Legende. Also bleibt es dabei. Santor ist Ungar und mein Manager. Alle juristischen und finanziellen Dinge erledigt er. So hat sich seit meiner Geburt im Grunde nichts verändert. Ich besitze nach wie vor keine müde Mark, geschweige denn Euros oder Dollars.

Mit dreiunddreißig Jahren war ich von Schimmel und Mikroben umgeben. in meinem Badezimmer hatten sich dieselben Kulturen angesiedelt wie fünfzig Meter tiefer in der Kanalisation. Mein Bett, das ohnehin immer feucht war, roch wie ein Partykeller aus den siebziger Jahren, der mehrmals von Hochwasser oder zumindest von geplatzten, falsch angestochenen Bierfässern heimgesucht worden war. Außer Büchern, Manuskripten, Ordner mit Ablehnungsschreiben und defekten Schreibmaschinen besaß ich nichts. Keine Frage, meine Wohnung stank. Selbst die bekiffteste oder besoffenste Thekenschlampe hätte sich nicht mehr in meine vier Wände verirrt. Sechsundneunzig Parteien hatte mein Wohnsilo und in einem der heruntergekommenen Wohnklos wurde immer gevögelt. Das Bad mit der Kölner Lüftung, - anfangs mein Zufluchtsort vor den dünnen Wänden -, brachte nichts. Alles musste ich schonungslos mit anhören. Unzählige Abende mit der Bolero-Musik von Ravel in den unterschiedlichsten Versionen. Aber das Gestöhne fing meist erst an, wenn der Tonarm sich diskret auf die Gabel zurückgezogen hatte. Das Aufreißen einer Kondompackung, selbst das Überziehen, meine Ohren waren gezwungen live dabei zu sein. Ich war der felsenfesten Überzeugung, dass selbst meine Einzeller im Bad sich in diesen Augenblicken wünschten, Säugetiere zu sein. Es gab Notstände, wo ich kurz davor war, in die Steckdose zu wichsen, um meinem Martyrium ein Ende zu setzen.

Gerade jetzt, wo es spannend wird, reißt mir Santor meinen Block aus den Händen. Heidi öffnet mit zarter Gewalt meine rechte Hand und fischt meinen Füller heraus, den sie in ihrem zauberhaften Dekolleté verschwinden lässt. »Wehe du lächelst jetzt nicht«, zischt Santor. Für alle unsichtbar hat sich Heidis Hand unter meiner Smokingjacke ihren Weg zu meinen Rippen gebahnt. Der Kamerakran nähert sich mir auf bedrohliche Weise. Heidi massiert meine Rippenknochen. Santor macht das Victoryzeichen und zeigt mit der anderen Hand auf mich. Ich lächle. Ja, ich lächle wie blöde und kann es nicht fassen. »The winner is....« Zum ersten Mal höre ich von einer ausgebildeten Stanislawski Schülerin meinen Namen auf amerikanisch. Das klingt so seltsam, dass ich mich überhaupt nicht angesprochen fühle, also auch gar keine Anstalten mache, aufzustehen, nach vorne zu gehen und den Preis entgegen zu nehmen. »Shit«, zischt Santor. »Liebling, du musst aufstehen und nach vorne.« Die Welt starrt mich an, dass ich das dringende Bedürfnis habe mit einem Kosmonauten den Platz in der MIR oder anderen Schrotteilen, die im All herumfliegen, zu tauschen. Wie ferngesteuert erhebe ich mich und schaue nur in glückliche Gesichter. Kollegen reichen mir die Hand und wollen mir auf meinen verschwitzten Smokingrücken klopfen, dem ich aber geschickt ausweiche. Federnden Schrittes geht es die Stufen zwischen den Sitzreihen herunter. Um mich herum nur glückliche Gesichter. Die Bühne erklimme ich wie ein Zehnkämpfer nach dem Gewinn der Goldmedaille. Überall grelles Licht, so hell, dass ich mich nicht wundern würde, wenn mir Petrus plötzlich entgegentritt, um mir den großen Schlüssel zu überreichen. Vielleicht in Erwartung dieses großen Mannes mit Bart habe ich zu spät die schimmernde Pfütze vor dem Rednerpult gesehen. Ich trete voll hinein und lege mich dann der Länge nach hin, nachdem mir die Schauspielerin, die den versiegelten Umschlag geöffnet hat, mir unverhofft auf die Schulter klopft. Beißender Geruch, denke ich. Meine Nase taucht zur Gänze in die schimmernde Pfütze ein und schon verliere ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir komme, trage ich Weiß, halte in meinen verkabelten Händen ein vergoldetes Männchen ohne Geschlechtsteile. Unentwegt piept es. »Mach doch einer dieses gottverdammte Handy aus«, stöhne ich. Meine Lippen schmecken säuerlich bitter. In der Nase immer noch diesen beißenden Gestank. »Was ist passiert?«, frage ich ohne meine Augen zu öffnen. »Die Zeitungen sind voll von dir. Es gibt keine Fernsehstation in der Welt, die nicht über dich berichtet hat«, höre ich Heidi in ihrer seltsamen so eigenen Sprache sagen. »Du bist in die Geschichte eingegangen. Du bist der erste, der die Trophäe bewusstlos in Empfang genommen hat!« »Bullshit«, flucht im Hintergrund Santor. »Du bist ein Held!« »Leider, kein Studio wird uns mehr anrufen!« »Der deutsche Botschafter hat Blumen geschickt und wünscht gute Besserung. Auch war der Anwalt der Schauspielerin da. Bevor wir erwägen zu klagen, bietet er uns einen Vergleich über zwanzig Millionen an.« Mir ist das alles zu viel. Ich höre auf das gleichmäßige Piepen. Wenn das kein Handy ist, kann es sich nur um meine Eingeweide handeln, die sich elektronisch zu Wort melden. So lange es piept, lebe ich noch. Ein beruhigendes Gefühl. »Du bist in einer Pfütze ausgerutscht«, flüstert mir Heidi zu und drückt mir ihre heiße Wange ans Gesicht. »Die Preisträgerin, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden ist, leidet an Blasenschwäche, so ihr Anwalt.« Geahnt habe ich es schon längst, von Anfang an, als mir der beißende Geruch in die Nase gestiegen ist und ich die kleinen Fettaugen gesehen habe, die obenauf schwammen. Jetzt, durch die Gewissheit, weiß mein Körper sich nicht anders zu wehren, als sich vom Mageninhalt zu befreien. Ich breche, nein, ich kotze, was das Zeug hält. Ich würge, ich verkrampfe, ich weine, würge, würge, um auch den letzten Tropfen dieser alternden fast scheintoten Schaupielerfregatte aus meinem Körper zu bekommen. Nie Kokain genommen und doch sind jetzt meine Nasenwände verätzt, für immer verloren, denke ich und falle in einen tiefen Schlaf. Ich kenne meine Träume. Realistisch von Anfang bis Ende. Anstatt in ein Koma zu fallen, werde ich so wieder heimgesucht. Da liege ich also auf dem Boden und schaue auf einen halbgeschlossenen Frauenschuh. Ein Geruch von gefärbten Italoleder, einer süßlichen Salbe und schwitzenden Füßen, hervorgerufen durch einen hartnäckigen Pilz, bahnt sich seinen Weg in meine Nebenhöhlen. Was gäbe ich darum, noch Polypen zu haben, in der Hoffnung, die Dinger könnten den Geruch vielleicht stoppen, zumindest aber filtern. Der Anblick des blauroten Aderdeltas gemischt mit weißem Schorf nicht ertragend, schaue ich nach oben ins ungewisse Dunkle. Ich orientiere mich an den Krampfadern, die so dick sind wie Aufzugsstahlseile. Ein beißender Geruch, eine Mischung aus Verwesung, Alkohol, verbranntem Plastik und hochgiftigen Medikamenten dringt in meine Nase. Viel zu spät bemerke ich das Rinnsal. Und als ich es bemerke, ist daraus längst ein Wasserfall geworden. Unverblümt gehen in meine Richtung Gase ab. Aus innerer Not heraus weiß ich mir nicht anders zu helfen und zünde das Feuerzeug, um Licht in die Dunkelheit zu bringen. Über mir eine gewaltige Explosion. Ich gehe in Deckung, werde aber von riesigen Fleischstücken getroffen. Eine harte Leber streift zum Glück nur meinen Kopf. Eine Perücke landet neben mir. Gebogene starre Augenwimpern bohren sich wie Akupunkturnadeln in meinen Rücken. Da folgt ein Gebiss, das an meinem Hintern abprallt und zur Seite kullert. Das Auge, das genau vor meinem Gesicht zum Liegen gekommen ist, starrt mich an. Ich drehe mich auf den Rücken und schon kommen sie geflogen, diese dicken Dinger, die ich wie ein Baseballspieler fange. Implantate der dritten Generation. Ein langer warmer Kuss holt mich rechtzeitig zurück ins Leben. Mit beiden Händen halte ich Heidis wunderbaren Synchronschwimmerbusen. Ich spüre, wie ihr Herz schlägt. Das ist die Wirklichkeit. Verschämt lasse ich los. »Hast du wieder einen Alpentraum gehabt?«, fragt mich Heidi in ihrer seltsamen so eigenen Sprache. »Alptraum, mein Schatz. Es heißt Alptraum.« Erst jetzt registriere ich, dass wir uns in unserem Strandhaus in der Nähe von Santa Barbara befinden. Mein Krankenbett hat man direkt an das große Panoramafenster gerollt, von wo aus ich einen wunderbaren Blick auf das Meer habe

Mit dreiunddreißig Jahren war ich anderes gewohnt. Da flogen nach einem verpatzten Fußballspiel der Nationalmannschaft Fernseher aus dem Fenster oder vor Beginn der Sommerferien kleine Hunde oder Katzen aus dem zwölften Stock des gegenüberliegenden Wohnsilos. Ein paar vertrocknete, ausgehungerte Rentner versuchten denselben Weg, wurden aber meist im zehnten Stock auf die Balkone geweht. So einfach ist das nicht, aus dem Leben zu scheiden. Die Löffel kann man ins Pfandhaus tragen, solange sie nicht aus Blech oder Plastik sind. Aber sich wirklich den letzten Rest aus einem schwammigen Hirn zu pusten, dazu gehört schon mehr. Der Hausmeister, der mir bei meinem Einzug die gebrauchte Klobrille montiert hatte, erzählte irgendwann, nachdem fünften oder zehnten Bierchen, als die Flasche Bauernstolz auch nichts mehr hergab, dass einer aus dem vierzehnten Stock, den Strick um den Hals vom Balkon gesprungen ist und eine Etage tiefer, seine letzten Zuckungen hatte. Es aber immerhin noch geschafft hatte mit seinem unkontrollierten Urinstrahl, den Holzkohlegrill der Familie Grabowsky auszulöschen. Für mich keine Frage, wessen Nachfolger ich in Bezug auf die Klobrille war. Eine Woche nach meinem Einzug erlebte ich die erste Zwangsräumung. Ich lag im Bett, schlief oder träumte irgendetwas Aufmunterndes, da knackte es laut von allen Seiten, so als ob Knochen gebrochen würden. Es war aber nur Holz, was ich beruhigend feststellen konnte, als ich schlaftaumelnd zu meinem Türgucki schlich und in Fischaugenperspektive beobachten konnte, wie Typen in braunen Overalls in der gegenüberliegenden Wohnung, die komplette Einrichtung aus dem Fenster warfen. Nur die Stereoanlage, der Fernseher und das immense Leergut hielten sie zurück. Ich nahm eine meiner beiden Matratzen und lehnte sie gegen die Tür, um den Lärm zu mildern. Dann schlurfte ich zurück ins warme Bett. Eine Woche nach meinem Einzug wollte ich von der Realität nichts wissen. Natürlich las ich damals die Zeitungen, bekam auch mit, wie die Arbeitslosenzahlen immer mehr in die Höhe schossen, obwohl gleichzeitig immer mehr Familienväter sich und ihre Frauen und Kinder gewaltsam auslöschten. Noch aber war mein Bett warm, von Feuchtigkeit keine Spur und meine Schreibmaschine funktionierte.

»Sie müssen sich in der Akademie vertan haben. Du bist der erste, der auf Anhieb gewonnen hat. So viele Feinde haben wir auch nicht, dass sie uns so etwas antun würden«, klagt Santor. »Ich will nur meine Ruhe habe«, stöhne ich wehleidig. »Die nächsten Jahre werden wir von der Substanz leben müssen. Darauf gilt es sich einzustellen.« »Du vergisst die zwanzig Millionen Dollar Schmerzensgeld.« »Vielleicht ist mit einem guten Anwaltsbüro das Doppelte herauszuholen?« Heidi, die ohnehin meine Gedanken lesen kann, zieht aus ihrem zauberhaften Dekolleté meinen Stift, worauf Santor auch nicht anders kann, als mir den Block zurückzugeben. Durch die Fernbedienung an der Seite verstelle ich das Kopfende meines Krankenbettes bis ich aufrecht sitze. Vor mir die Brandung des Meeres. Ein endlos scheinendes Meer, aber das hatten wir ja schon.

Beitrag von: Johannees Wierz, kontakt@johanneswierz.de www.johanneswierz.de


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