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Vincent E. Noel: Opferkind. Das Problem mit der vergeudeten Schwester Vincent E. Noel: \"Opferkind. Das Problem mit der vergeudeten Schwester\" Wiesenburg Verlag, 2008. ISBN 978-3-939518-79-2
Dieses kleine Sprachkunstwerk besticht durch die Schreibweise: die Gedanken sprengen den Seitenaufbau, einzelne Worte untereinander, eingerückt. Selbst beim Lesen scheint man diese Unterschiede hören zu können. Die Realität, die grausame, und die Träume. Die Geschichte spielt in Amboise an der Loire, dort hat Leonardo da Vinci seine letzten beiden Lebensjahre verbracht und Maria Stuart lebte dort, als sie mit dem französischen Thronfolger verheiratet war. Die Ich-Erzählerin Laurence lebt dort nun im Jahre 1905. Ihre Familie hatte bessere Tage gesehen, bis der Vater starb und sie sich um die blinde Schwester Sophie kümmerte. Mutter Marguèrite ist gefangen in einem Netz aus Einsamkeit und seelischer Leere, bis Raimond in ihr Leben tritt. Er macht ihr den Hof, gewinnt ihr Vertrauen, geht bald im Hause ein und aus. Wegen ihr oder wegen ihren Töchtern? Laurence nun stellt sich mit ihren 17 Jahren nicht der Wirklichkeit, wenn sie \"den, den die Mutter liebt\" im Zimmer ihrer Schwester hört oder wenn er zu ihr kommt. Sie denkt sich weg, träumt sich davon, lässt alles über sich ergehen. Es ist ein Tabuthema, das hier aufgegriffen wird. In ihren Träumen, in denen Laurence eine zarte Liebe mit Adrièn erlebt, ist die sinnliche Wahrnehmung der Natur zu spüren, \"die oberflächlichen Wolkenpfützen, die Rebhühner, Bussarde einkreisen\" oder die \"Wiese mit Igel, Libellen, Oleander, Disteln und Schmetterlingen darauf\". Aber die Realität holt Laurence immer wieder ein, auch wenn sie versucht, ihr mit Opium zu entfliehen. Allerdings ist der Untertitel nicht ganz klar zu verstehen: das Problem mit der vergeudeten Schwester. Da überläßt es der Dichter wohl der Phantasie seiner Leser, ob mit der vergeudeten Schwester die blinde Sophie gemeint ist, deren Leben eigentlich an ihr vorübergeht, oder Laurence, die sich an ihre Schwester vergeudet, zurücksteckt und für sie da ist. Die Schönheit der Sprache, die Aussichtslosigkeit der Personen, aber auch die Notwendigkeit, ein solches Thema anzupacken, zeichnen dieses Buch aus. Der Schreibstil zwingt zu einer anderen Aufmerksamkeit. Ohne Punkt wird durch ein kompaktes Buch gehechelt. Die Kunstsprache sichert ein einmaliges lyrisches Erlebnis! Beitrag von: Julia Hartmann, JuliagHartmann@gmx.de
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