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Vom Erdboden verschluckt


von Stella Eva Henrich


"Ich weiß nicht, wer du bist, ich weiß nicht, was du machst", tippte Simon mit dem Zweifingersuchsystem in den Computer. "Und dabei kenne ich dich nun fast zwei Jahre". Simon legte die Stirn in Falten, lachte kurz auf, was beinahe ein bisschen spöttisch klang. Er amüsierte sich über sich selbst. Es war so, als beginne er erst jetzt, im Alter von 23, mit dem Tagebuchschreiben. Mädchen beginnen damit bereits in der ersten Klasse, sobald sie die ersten Worte schreiben können. Er bekam von seinem Vater damals einen Colt geschenkt. "Jetzt kannst du dich auch richtig wehren", erinnerte er sich an die Worte seines Vaters. Merkwürdige Sozialisation hier in Deutschland, dachte Simon. Die Auseinandersetzung mit anderen Jungs seines Alters erfolgte damals im spielerischen Kampf. Mann gegen Mann. Egal ob das Schlachtfeld der Spielplatz oder der Fußballplatz war. Mädchen hatten es da schon besser, dachte Simon. Sie setzten sich mit sich selbst auseinander. Und mit den Problemen ihrer Freundinnen. Und das schrieben sie dann alles in ihr Tagebuch. Gewaltfrei. "Gewaltfrei", tippte Simon in den PC, und dachte über dieses Wort nach. Wer weiß schon, was die Mädchen alles in diesen Büchern aufschrieben. Nie hatte er in ein solches reingeschaut. Vielleicht tobten die Girlies ja darin ihre blutrünstigen Phantasien aus und ließen die reinsten Schlachtfelder entstehen. "Auch Worte können töten", beschloss Simon und tippte erneut in die Tastatur: "Wir Männer sind nicht die schlechteren Menschen". Er begann zu lesen, was er bislang zu Papier gebracht hatte. "Ich weiß nicht, wer du bist". Mit diesem Satz hatte sich Simon hingesetzt, um über seinen Freund Sami nachzudenken. Er kannte ihn nun bereits fast zwei Jahre. Sami kam als Kind nach Deutschland, seine Eltern stammten aus Syrien. Er spricht deutsch wie ein Deutscher. Ohne Akzent. Sami Alrana klang alles andere als deutsch. Und er sah auch nicht deutsch aus, was an seiner dunkleren Haut lag. Simon teilte sich mit ihm die Wohnung. Sie gingen auf Parties, schleppten gemeinsam Frauen ab und stiegen auch gleichzeitig mit ihnen in die Kiste. Sie lagen kiffend nebeneinander im Bett, bis sie berauscht einschliefen. Arm in Arm. Das machte Simon nur mit Sami. Schließlich war er sein bester Freund. Er erzählte Sami jede kleine Niederlage, die er mit Frauen hatte. Sie kochten gemeinsam arabische Gerichte und luden Kommilitonen zum Essen ein. Sami war für Simon sein lebendes Tagebuch. Und Simon glaubte, dies auch für Sami gewesen zu sein. Etwas ließ ihn ernsthaft zweifeln. Sami war Hals über Kopf in der vergangenen Woche ausgezogen. Er behauptete, seine Mutter sei schwer erkrankt und er müsse die Familie jetzt unterstützen. Er packte und weg war er. Nur ein paar Hunderteuroscheine ließ er auf dem Tisch in der Küche liegen. Simon blieb fassungslos zurück. Das alles machte keinen Sinn für Simon. Wer war dieser junge Syrer, der sich zwei Jahre mit ihm die Bude teilte? Was wusste er von ihm eigentlich wirklich? War er ein politisch denkender Mensch, und was dachte er? War er möglicherweise religiös und ging in die Moschee? Simon erinnerte sich, dass sein Freund den Koran im Schrank stehen hatte. Er verschwand jeden Freitagabend und sprach nie darüber, was er den ganzen Abend bis spät in die Nacht machte, wen er traf. Wenn Sami nachts nach Hause kam, roch er nach Rauch und legte sich erschöpft ins Bett. Er sprach nie über dieses wöchentliche Ritual. Simon bohrte nicht nach. Er beschloss damals, dass jeder Mensch ein Geheimnis brauchte und dies war eben eines von Sami. Im Nachhinein betrachtet, schien ihm dies jetzt naiv gewesen zu sein. Sami hatte weder eine Telefonnummer noch eine Adresse seiner Eltern hinterlassen. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Offensichtlich wollte er nicht gefunden werden. Noch nicht einmal mehr von einem Freund. Simon atmete tief durch bei diesem Gedanken. Zweifel schwirrten durch seinen Kopf. Wie gut kannte er seinen Freund wirklich? Wer war dieser Sami? Kurz nach seinem Verschwinden stolperte Simon über einen Zeitungsartikel "Brutaler Anschlag auf Gotteshaus". Die Polizei war auf der Suche nach dem Täter. Könnte das der Grund für sein plötzliches Verschwinden sein? War Sami womöglich der Mann, nach dem die Polizei fieberhaft fahndete. Die Täterbeschreibung passte. Simon schämte sich für diesen Gedanken. "Wie gut kennt man sich selbst?", notierte er. Simon lebte in einer kleinen Studentenwohnung, guckte durchschnittlich verdrossen aus der Wäsche, pflegte nicht übermäßig leidenschaftliche Beziehungen mit Frauen seines Alters. Politik interessierte ihn so gut wie nicht. Und in der Kirche war er vielleicht das letzte Mal im Alter von 14 Jahren. Er lebte in einer multikulturellen Naivität, kannte zwar einige Emigranten, aber ihre Herkunft beeindruckte ihn nie sonderlich. Er kochte schon mal gern exotische Gerichte. Aber von der Kultur seiner Mitbürger hatte er im Grunde keine Ahnung. Das einzige, was ihn in der letzen Zeit manchmal misstrauisch machte, waren seine moslemischen Kommilitoninnen, die immer häufiger in der Uni Kopftücher trugen. Warum sie das taten, diese Frage hatte sich Simon bislang nie gestellt. Simon gestand sich ein, sich nicht wirklich viel in seinem bisherigen Leben mit sich selbst auseinandergesetzt zu haben. Er lebte in den Tag, in die Woche, in die Monate und in die Jahre hinein. Und unterschied sich dabei nicht von seinen Altersgenossen. "Ich weiß wenig über mich selbst", tippte er auf der Tastatur. Wer wenig über sich selbst weiß, der weiß wahrscheinlich noch weniger über andere Menschen, purzelten die Gedanken durch seinen Kopf. "Ich lebe im eigenen Getto", sagte Simon laut vor sich hin. Vielleicht lebte er zwei Jahre mit einem Mörder unter einem Dach und wusste es nicht. Einer dieser Schläfer, die an deutschen Unis studierten und dann den Märtyrertod für die Islam AG starben. Simon ärgerte sich. Über sich, über seine kulturelle Abschottung und über Sami, der rücksichtslos aus der Wohnung abgehauen war, ohne ihm die Wahrheit zu sagen. Er beschloss, einen Brief an seinen Freund zu schreiben.


Lieber Sami, ich schäme mich. Du bist mir ein fremder Freund geworden. Ich vermute, dein Verschwinden hat etwas mit dem Anschlag letzte Woche zu tun. Ich kann mir dein plötzliches Untertauchen jedenfalls nicht anders erklären. Ansonsten hättest du mir doch wenigstens die Adresse deiner Familie zurücklassen können. Ja, ich verdächtige dich. Obwohl es außer der vagen Täterbeschreibung in der Zeitung für mich keine Indizien für diese Tat gibt. Gern würde ich mehr über dich und dein Leben erfahren. Wie du über den Islam denkst und ob deine Familie gläubig ist. Warum ihr aus Syrien weggegangen seid, und warum deine Familie ausgerechnet nach Deutschland einreiste. Doch jetzt bist du weg. Bitte melde dich!


Simon las den Text nochmals laut vor. Er schämte sich. Aber er würde den Brief solange aufheben, bis Sami von sich hören ließ. Und wenn er dafür bis ans Ende seines Lebens warten müsste. Für ihn war Sami noch immer ein Freund. Wenn auch verdächtig. Aber ein Mörder war er deshalb noch lange nicht.



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