Leseerfahrungen und Kreatives Schreiben oder: Wie wir von den „alten Hasen“ lernen

Kreatives Schreiben

Sep 24

N e i n –wir wollen keinesfalls Geschichten der professionellen Autoren kopieren! A b e r: Wir können durch aufmerksame Lektüre viel von den „alten Hasen“ lernen – fangen wir doch gleich damit an!

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Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können“ –so beginnt der Monolog eines Kellners in Heinrich Bölls gleichnamiger Kurzgeschichte. Und wir Leser/innen fragen uns sogleich:

W a s ist geschehen? Um das zu erfahren, lesen wir natürlich weiter … Wir merken also: Der erste Satz ist entscheidend, der erste Satz veranlasst uns, die Geschichte weiterzulesen –oder aber sie ungelesen wegzulegen!

Nun erfahren wir in Bölls Geschichte nicht sogleich, auf welches Ereignis der Ich-Erzähler sich bezieht. Zunächst lesen wir nur, dass besagtes Ereignis dem Kellner am Heiligen Abend „die Kündigung beschert“ habe. Dann erzählt uns dieser erst einmal ausführlich, dass er am Heiligabend wie immer tadellos seinen Pflichten nachkam und einer großen Gesellschaft das Festtagsdinner ohne Zwischenfälle serviert habe. Ein Junge, der von dem Festtagsmenü nichts aß, besucht nach Feierabend des Kellners diesen in dessen Zimmer und will mit ihm Murmeln spielen. Dann heißt es wieder:

Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können“, und weiter gesteht der Kellner uns: „ aber ich hab’s getan, und als der Chef mich fragte: Wie konnten Sie das tun?, wusste ich keine Antwort.“

Nun ist die Spannung auf dem Höhepunkt und wir wollen nun endlich wissen, w a s geschehen ist! (Das mag ich nun an dieser Stelle nicht verraten, damit Sie motiviert sind, die Kurzgeschichte zu lesen…) Wir fragen uns in dem Zusammenhang des produktiven Lesens vielmehr: W i e ist es Böll gelungen, eine derartige Spannung aufzubauen? Sie ahnen es schon: Es ist dieser kleine Satz „Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können“, der sich als Leitmotiv durch die Geschichte zieht und das außerordentliche Ereignis andeutet, ohne es vorwegzunehmen…

Auch Peter Bichsel arbeitet in seiner Kurzgeschichte „San Salvador“ mit Leitmotiven und baut mit diesen nicht nur Spannung auf, sondern schafft gleichzeitig Textzusammenhang. „Mir ist es hier zu kalt“, schreibt der Protagonist Paul in einem Abschiedsbrief an seine Ehefrau Hildegard. Während der Mann allein zuhause ist – die Frau ist bei der Chorprobe — liegt der Brief auf dem Tisch; und wieder heißt es, dass auf dem Zettel stehe: „Mir ist es hier zu kalt.“ Das stilistische Mittel der Wiederholung, der Repetitio, lässt uns erahnen, dass es Paul nicht nur um die Außentemperatur in Deutschland geht…

Mit stilistischen Mitteln (derer gibt es ja zahlreiche –schade, dass hier nicht der Platz ist, um auf mehrere eingehen können) erzeugen wir also nicht nur Spannung oder erzählen anschaulich, sondern schaffen auch gleichzeitig Textkohärenz.

Natürlich erzählen wir Autor/inn/en unsere Geschichte selbst. Doch wir haben mehrere Möglichkeiten, unsere Erzählung zu delegieren, wie wir an folgendem Beispiel schnell erkennen werden:

Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte willen, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten denn doch erinnert werden sollte, dass es s e i n e Geschichte ist, und daß nicht jedem jede Geschichte passiert)…“

Thomas Mann überlässt in seinem Roman „Der Zauberberg“ das Erzählen einem Erzähler, der nicht an der Handlung beteiligt ist. Es handelt sich um den sogenannten allwissenden oder auktorialen Erzähler, den der Autor/die Autorin mit uneingeschränkter Macht ausstattet. Dieser Erzähler weiß alles – im Gegensatz zu den handelnden Figuren: Er weiß, was bisher geschah, und er weiß, was in der Zukunft geschehen wird. Er kennt die Gefühle und Gedanken der handelnden Personen. Er springt in seiner Erzählung nach eigenem Ermessen in die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft.

Borchert macht es in seiner Kurzgeschichte „Das Brot“ anders, er lässt den Erzähler sozusagen hinter den handelnden Personen stehen: „und dabei fand sie, dass er nachts im Hemd doch schon recht alt aussah. So alt wie er war. Dreiundsechzig. Tagsüber sah er manchmal jünger aus.“ Das sind die Gedanken der alten Ehefrau, als sie ihren Mann „erwischt“, der nachts heimlich in der Küche Brot isst(Wir sind hier in der Nachkriegszeit und das Brot ist vorrationiert). „Sie sieht doch schon alt aus, dachte er, im Hemd sieht sie doch ziemlich alt aus. Aber das liegt vielleicht an den Haaren. Bei den Frauen liegt das nachts immer an den Haaren. Die machen dann auf einmal so alt.“ denkt er wiederum, als sie ihm in die Küche nachkommt. Von diesem personalen Er-Erzähler erfahren wir nicht mehr, als die handelnden Personen sehen, denken, erleben.

Bölls Kellner benennt durch das „Ich“ bereits im ersten Satz seines Monologs deutlich die Perspektive seiner Erzählweise. Es wird sofort klar: Dieser Erzähler gehört direkt zu den Charakteren der Handlung. Er hat – wie für den Ich-Erzähler typisch — das Erzählte erlebt (oder zumindest aus „erster Hand“ erfahren). Wir realisieren: Schreiben wir aus der Ich-Erzählperspektive, so ist die Distanz zu dem Geschehen nicht mehr vorhanden, denn unser Erzähler gehört direkt in den Handlungszusammenhang hinein; er erzählt über die eigenen Erlebnisse und Empfindungen.

Für das eigene Schreiben halten wir fest: Wir Autor/innen entscheiden, wem wir das Erzählen überlassen. Haben wir uns aber für eine bestimmte Erzählperspektive entschieden, sollten wir diese natürlich im Normalfall auch konsequent beibehalten. Allerdings kann der Wechsel der Perspektive auch ein beabsichtigtes stilistisches Mittel darstellen …

Natürlich können wir von den Professionellen noch viel mehr lernen. An dieser Stelle ist es jedoch zuerst einmal wichtig festzuhalten, dass wir überhaupt durch aufmerksame Lektüre zahlreiche Anregungen für das eigene Schreiben erhalten. Kurz zusammengefasst: Wir sollten Leseerfahrungen für unser kreatives Schreiben nutzen!

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