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der Floetenkopf

Eines Abends nach dem Neujahrskonzert im Grand Theatre nahm sie wie ueblich ein Taxi nach Hause. Und aus Gruenden, die ihr bis heute raetselhaft geblieben sind, vergass sie ihren teuren Floetenkopf im Taxi.

Agatha liebte ihre Floete, die rasch ansprang und einen warmen, weichen etwas rauchigen Klang hatte. Kurz vor ihrer Abreise nach Shanghai hatte sie sich diesen neuen Floetenkopf anfertigen lassen. Sie hatte dafuer nicht nur viel Geld ausgegeben, sondern auch lange darauf gewartet, denn diese speziellen Anforderungen, die sie hatte, mussten von einem speziellen, beruehmten Handwerker realisiert werden, der wegen seiner Beruehmtheit eine Warteliste ebenso beruehmter Floetisten hatte, die sich alle einen Floetenkopf machen lassen wollten.

Als sie merkte, dass der Floetenkopf weg war, war es bereits viertel nach elf Uhr abends. Ihr Mann, der gerade von einem Geschaeftsessen zurueckgekommen war, wusste auch nicht, was tun. “Heute abend kannst Du gar nichts mehr machen!” seufzte er und schaltete den Fernseher ein, was Agathe vollends zur Verzweiflung trieb. Sie ging zum Management ihres Wohnviertels. Der Guard, der dort Nachtwache schob, verstand ihr gebrochenes Chinesisch und half ihr die verschiedenen Taxifirmen und die Polizei zu benachrichtigen. Sie hatte sich nicht gemerkt mit welchem Taxi sie gefahren war und wusste weder den Firmennamen noch die Nummer des Fahrers. Waehrend der Guard eine Nummer nach der anderen waehlte, sass sie in einem viel zu weichen schmuddeligen Couchsessel, der in dem Buero fuer die Gaeste bereitstand. Das Neonlicht beleuchtete die kahlen, gekalkten Waende, die Klimaanlage, die um diese Jahreszeit fuer Waerme sorgen sollte, brummte anscheinend wirkungslos vor sich hin, denn es war bitterkalt. Kein Wunder, dass der Guard in Daunenjacke und mit Handschuhen arbeitete! Nach zwei Stunden – es war bereits zehn nach halb zwei Uhr nachts und Agatha sass immer noch auf dem versifften Sofa, verkuendete der Guard, dass er im Moment nichts mehr fuer sie machen koenne und dass man nun erstmal abwarten muesse. Niedergeschlagen und sehr muede kehrte Agatha in ihr Appartement zurueck. Ihr Mann schnarchte vor dem Fernseher. Sie weckte ihn auf, um ins Bett gehen zu koennen.

Waehrend Agatha einen traurigen Schlaf schlief, transportierte der Taxifahrer weiterhin Gaeste durch die Stadt, und wusste nichts von dem Floetenkopf auf seinem Ruecksitz. Erst im Morgengrauen fuhr der Taxifahrer sein Taxi zurueck in die Garage. Auf dem Ruecksitz lag ein komischer Gegenstand, den wahrscheinlich einer seiner Gaeste vergessen hatte. Fuer den Taxifahrer schien es sich dabei um eine Art interessanten Muell zu handeln, denn er hielt es nicht fuer notwendig diesen Fund zu melden und abzugeben, sondern er stellte Agathas Floetenkopf in die einzige Blumenvase, die auf dem Schreibtisch in seiner Wohnung stand, trank seine morgendliche Sojamilch und schlief guten Gewissens ein.

Etwa zur selben Zeit erwachte Agathe und als sie die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster blitzen sah und das Hupen der Lastwagen auf dem nahegelegenen Lastwagenparkplatz hoerte, fiel ihr ploetzlich wieder ein, was gestern abend passiert war und sie wurde ganz steif vor Trauer und wollte am liebsten ueberhaupt nie mehr aufstehen. Doch schliesslich fruehstueckte sie mit ihrem Mann und schickte ihn zur Arbeit. Sie haette heute morgen um zehn eine Orchesterprobe gehabt, doch stattdessen ging sie wieder in das Buero des Mangements, um weitere Nachforschungen wegen ihrem Floetenkopf in die Wege zu leiten.

Waehrend ihr Mann fuer ein Jahr als Expat nach Shanghai entsandt worden war, arbeitete Agatha als Aushilfskraft in der Shanghaier Philharmonie. Die Proben waren anfangs sehr anstrengend, da sie den Shanghaier Dialekt noch nicht gewohnt war und manchmal bereute Agatha ihren Entschluss diesen Job angenommen zu haben.Solange die meisten anderen Auslaenderinnen aus ihrem Wohnviertel an chinesischen Koch und Kulturkursen teilnahmen oder sich zum Kaffeeklatsch im Grand Hyatt trafen, musste sie sich mit musikalischen Auffassungen auseinandersetzen, die sie normalerweise eher belaechelte. Auch die Auswahl der Stuecke war konservativ und nicht gewagt. Es dauerte einige Zeit bis sie sich mit ihren chinesischen Kollegen naeher kam und deren Professionalitaet zu schaetzen lernte. Und jetzt, wo der Abschied naeher rueckte, bereitete ihr die Arbeit sogar viel Freude.

Die beiden kleinen Sekretaerinnen, die an diesem Morgen im Management arbeiteten, waren sehr hilfsbereit. Sie schrieben chinesische Suchanzeigen und telefonierten nicht nur nochmals mit allen namhaften Taxifirmen, sondern auch mit einer Tageszeitung. Agatha fuhr zur Musikhochschule und haengte Suchanzeigen auf. Indessen verstrichen die Tage ohne Erfolg. Der Floetenkopf blieb verschwunden.

Der Floetenkopf ruhte in der Blumenvase, die in der Wohnung des Taxifahrers herumstand ohne jemals mit Blumen gefuellt worden zu sein. Der Taxifahrer war naemlich schon seit langer Zeit Singel und seine Exfreundin hatte ihm niemals Blumen geschenkt, denn sie glaubte, dass Maenner sowieso keine Blumen moegen. Damit hatte sie teilweise sogar Recht, denn der Taxifahrer wollte auch gar keine Blumen, weil er befuerchtete fuer schwul gehalten zu werden. So rauchte er Zigaretten obwohl er eigentlich auch keine Zigaretten mochte, aber Zigaretten dachte er, wirken maennlich und ein rauchender Taxifahrer wird sicher nicht so schnell fuer schwul gehalten wie ein Taxifahrer, der sich Blumen in die Vase stellt. Obwohl die Kunden normalerweise nicht die Wohnung des Taxifahrers betreten, aber das spielte in den Augen des Taxifahrers keine wesentliche Rolle. Man soll gar nicht erst Verdacht erregen, sonst hat man spaeter nur Stress, dachte der Taxifahrer und rauchte tapfer Zigaretten. Waehrenddessen irrte Agatha verzweifelt auf der Suche nach ihrem Floetenkopf durch die Stadt.

Und zwei Wochen spaeter raste der Taxifahrer nachts auf dem Highway nach Hangzhou in einen unbeleuchteten Lastwagen, der sich auf der Ueberholspur parkte, und erlag noch am Unfallort seinen schweren Verletzungen. Sein Mitfahrer kam auf dem Ruecksitz mit einer Gehirnerschuetterung, einem Bluterguss im Oberschenkel und dem Schrecken davon.

Die Eltern des Taxifahrers, denen nun die Grundlage ihrer Altersversorgung weggestorben war, wollten die Wohnung ihres einzigen Sohnes so schnell wie moeglich loswerden. Von ein paar persoenlichen Kleinigkeiten abgesehen, verkauften die Eltern alle in der Wohnung vorhandenen Moebel und Gegenstaende an einen Altwarenhaendler.

Agatha, die inzwischen die Hoffnung auf ihren Floetenkopf mehr oder weniger aufgegeben und sich bereits einen – natuerlich weniger guten, aber doch brauchbaren – Ersatz verschaffen hatte, befand sich in Aufbruchs Stimmung. Sie hatte noch genau zwei Wochen Zeit, um ihre Sachen zusammenzupacken dann wuerden sie und ihr Mann zurueck nach Frankreich gehen. Sie wollte unbedingt noch einmal zum Fake Markt, um sich fuer die naechsten Jahre mit Skiunterwaesche und Nachthemden zu versorgen. An einem Dienstagmorgen, an dem die Temperaturen bereits fuer diese Jahreszeit ungewoehnliche achtzehn Grad erreichten, fuhr sie mit einer ihrer Freundinnen zum Markt am Longhua Tempel. Sie kaufte neun Nachthemden, fuenfmal Skiunterwaesche und mindestens zwanzig T-Shirts, wobei sie die langaermeligen bevorzugte. Auf dem Weg vom Kleidermarkt zu einem westlichen Café bemerkte sie einen Tisch mit allen moeglichen eigenartigen Gegenstaenden: Blumenvasen, Briefoeffner, abgelesene Comichefte (natuerlich auf chinesisch) und sogar ein altes Brillengestell lagen da nebeneinander in der Sonne . Vielleicht kaufe ich auch noch eine Blumenvase, dachte Agatha und naeherte sich dem Tisch. Da entdeckte sie ploetzlich ihren Floetenkopf inmitten des Troedelkrams in einer der Blumenvasen . Julia Scheuffele

Beitrag von: Julia Scheuffele, liatu@gmx.net http://www.juliascheuffele.com


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