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Chimären

Dinge geschehen. Oder sie geschehen nicht. Manchmal wäre es uns lieber, sie wären nicht passiert. Manchmal hätten wir gerne, sie wären passiert. Was geschehen muss, geschieht. So sind auch diese Dinge geschehen. * Hat jemand ein Messer für mich? Ein Messer. Er fragt uns. Nein, wir haben kein Messer. Wir gehen weiter. Gehen eine Runde. Der Platz, wie man ihn kennt. Hoffnungsleere Süchtige. Gut gelaunte Touristen. Schnell vorbeieilende Passanten, mit gesenktem Blick. Polizisten. Polizisten. Eine Runde gehen wir also. Dann wieder zurück. In den Park. Dort Blaulicht. Rettung. Polizei. Wieder Polizei. Wir gehen hin. Hat er doch noch ein Messer gefunden? Er wird gerade ins Rettungsauto geschoben. Auf einer Bahre. Der Unterarm verbunden. Männer heben einen Plastiksack hoch. Voller Blut und leerer Bierdosen. Wir gehen hin. Er hat uns um ein Messer gefragt. Wir sprechen mit den Beamten. Er hat uns um ein Messer gefragt. Na, Gott sei Dank habt ihr ihm keines gegeben. Gott sei Dank. Aber irgendjemand muss ihm wohl ausgeholfen haben. Ich schrecke hoch. Dunkel. Es ist dunkel. Ich liege in einem Bett. In welchem Bett? Bewege meinen Fuß. Stoße gegen etwas Weiches, Warmes. Höre auch schon, wie der Hund leise schnauft. Ich liege in meinem Bett. In meinem Bett. Zu Hause. Weit weg von meinen Albträumen. Stehe auf. Gehe aus dem Zimmer. Ins Bad. Mache Licht und sehe in den Spiegel. Eine Maske. Eine Maske sieht mich an. Meine Lippen sind rosa. Ich öffne den Mund. Strecke die Zunge raus. Rosa. Fletsche die Zähne. Weiß. Nicht blau. Nirgends mehr dieses Blau. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll oder ob es mir fehlt. Ich denke zurück. An eine Zeit. An jene Zeit. Als ich tagtäglich am Platz stand. An meine damals meistgesagten Worte. Hat wer Langsame? Hat wer Benzos? Blaue. Hat wer Blaue? Somnubene – Schlaf gut. Schlaf gut, mein Mädchen. Erinnere mich an das Verlangen. Wie ich Tabletten aus der Packung drücke. Eine, zwei, drei, vier. Tummeln sich auf meiner Handinnenfläche. Zittern leicht hin und her. Wie meine Hand. Aus Vorfreude. Vor Verlangen. Blitzartig schlage ich die Hand vor den Mund. Neige den Kopf zurück. Pillen auf meiner Zunge. Lehne mich erleichtert zurück. Schmecke den bitteren Geschmack, als sich das Gift aufzulösen beginnt. Der Farbstoff färbt meine Zunge blau, meine Zähne, meine Lippen. Sitze da, warte, fühle schon die Erleichterung, seufze leise, ein seliges, dümmliches Lächeln im Gesicht. Schlaf gut. Und ein Teil von mir schläft ein. Die Welt schläft ein. Die Realität zieht sich zurück. Macht einer anderen Dimension Platz, in der ich mich eingebettet fühle. Wie in eine Wolke. Laute, Farben dringen nur gedämpft durch die weiche Watte, die mich sanft umgibt. Der Welt wird etwas von ihrer brutalen Härte, von ihrer ungestümen Buntheit genommen. Und jetzt ist sie durchaus erträglich. Meine Augen flattern. Mein Kinn sinkt auf meine Brust. Ein kleines Rinnsal rinnt von meinen Mundwinkeln herab, hinterlässt eine blaue Spur. Schrecke auf. Nicht wegschlafen! Nicht wegschlafen! Reiße mich los. Von den Bildern und Fratzen der Vergangenheit. Von den Erinnerungen. Die wie Trugbilder erscheinen. Traumbilder. Unwirklich irgendwie. Obwohl sie wahr sind. Chimären. Nur Chimären in meinem Kopf. Sehe einen Schatten im Spiegel. Ich erschrecke. Schreie. Es war wohl nur mein eigener Schatten. Mama kommt angelaufen. Was ist denn los? Nichts. Gar nichts. Ich sinke zu Boden. Zittere am ganzen Körper. Zucke. Ich weine. Tränen. Waschen alles fort. Sollen alles fortwaschen. Und lasst mich endlich wieder schlafen! Ich steige auf die Waage. Zehn Kilogramm weniger als früher. Sehe in den Spiegel. Ein anderes Mädchen sieht zurück. Ein Mädchen, das ich nicht kenne. Das ich nicht erkenne. Wer ist das? Und wo bin ich? Ausweis herzeigen. Und wischen Sie sich die Lippen ab, das sieht ja furchtbar aus! Haben Sie Somnubene genommen? Ich zucke mit den Schultern. Anzunehmen. Die Uniformierte schüttelt den Kopf. So ein hübsches Mädchen. So ein hübsches Mädchen… Haben Sie etwas dabei? Ich schüttle den Kopf. Muss die Taschen ausleeren. Kann dann gehen. Greife mir an die Brust, wo ein Streifen Tabletten darauf wartet, verkauft zu werden. Glück gehabt. Diesmal. Ich gehe nach unten. Ins Wohnzimmer. Zu Hause sieht alles so ordentlich aus. So rein. So unschuldig. Hier ist nichts so pervers grellbunt, hier bewegten sich keine Formen an der Wand. Ich erinnere mich an dem Tag, an dem sich die ganze Stadt bewegte. Wir sind am Platz. Sitzen auf einer Bank. Unterhalten uns mit Leuten, die ich nicht kenne. Zwei Bekannte meines Bekannten kommen vorbei. Sie haben LSD. Trips. Teddybären. Wir kaufen ihnen zwei ab. Knallen uns die Trips rein. Es ist mein erstes Mal. Ich weiß nicht, wie es wirken wird. Wir spazieren durch die Stadt. Noch keine Wirkung. Wir gehen weiter. Plötzlich werden alle Farben sehr intensiv. Zu intensiv. Aber es ist gut, es gefällt mir. Ich sehe ein Graffiti auf einer Betonwand. Es bewegt sich. Es bewegt sich, sage ich, das Graffiti bewegt sich. Ich starre es fasziniert an. Ja, so ist das auf Acid, sagen die anderen und belächeln mich. Ich bin noch immer fasziniert. Wir gehen immerzu, stehen nie still. Es wird Abend, die Lichter sind grell, grell, grell und bunt. Wir gehen eine elendig lange Straße entlang, belebt, auch so spät noch. Es macht mir nichts aus, ich gehe gerne. Wir gehen dort hin, wo man in die Unterwelt gelangt. Sehen uns die Prostituierten um. Ich bin das einzige Mädchen. Aber es stört mich nicht. Ich sehe mir auch die Prostituierten an. Einige sind hübsch. Andere hässlich. So ist das eben. Irgendwann verabschieden wir uns. Ich gehe mit meinem Bekannten nach Hause. Er nimmt mich noch mit zu den Zuggleisen, die nahe seiner Wohnung vorbeiführen. Hohes Gras. Große Steine. Will mir die Graffitis dort zeigen. Ich habe etwas Angst. Züge zischen nahe an uns vorbei. Die Lichter verschwimmen. Die Graffitis sehen gut aus. Bewegen sich noch immer. Alles bewegt sich. Alles ist bunt. So bunt. In der Wohnung. Ich sehe in den Spiegel. Meine Augen pervers groß. Das im Spiegel bin nicht ich. Das ist jemand anderer. Ich lächle. Die andere lächelt zurück. Werde ich verrückt? Ich spreche liebevoll mit meinem fremden Spiegelbild. Ich bin verrückt geworden. Ich lege mich schlafen. Schließe die Augen. Will nichts mehr sehen. Will, dass sich nichts mehr bewegt. Dass nichts mehr bunt ist. Zu Hause sieht alles so ordentlich aus. So rein. So unschuldig. Hier ist nichts so pervers grellbunt, hier bewegten sich keine Formen an der Wand. Ich erinnere mich zurück an die kleine Wohnung, wo überall leere Tablettenverpackungen herumlagen. Wühle mich durch die Unordnung. Halbleere oder halbvolle Zigarettenschachteln. Ausgetrunkene Bierdosen. Geschenkgutscheine im Kreditkartenformat, an denen noch Reste von zerbröseltem Subutex haften. Suche fieberhaft nach einem Streifen, dem ich wenigstens noch eine kleine, blaue Tablette abgewinnen kann. Aber da ist nichts mehr. Alles leer. Alles aufgebraucht von zwei Süchtigen. Also rüttle ich den jungen Mann an den Schultern. Sage, dass wir zum Platz fahren müssen. Jetzt gleich. Wir haben nichts mehr. Keine Tabletten. Kein Geld. Gut, dann vorher noch Gras verkaufen. Wo ist es? Jetzt fahren wir zum Platz. Komm. Beeil dich. Höre ihm in der U-Bahn zu wie er davon erzählt, dass er Raumschiffe bauen kann. Manchmal. Oder sich in ein Reptil transformieren. Wundere mich schon lange nicht mehr. Schalte meine Aufmerksamkeit ab. Denke nur noch daran, dass wir bald da sind. Das mit viel zu viel Rattengift gestreckte Ecstasy vom Vortag drückt mich noch etwas runter. Mein Hals wund von Erbrochenem. Meine Nase zu von Kokain. Aber bald sind wir da. Bald. Drei Stationen noch. Am Platz gibt es keine Blauen. Gerade nicht. Noch nicht. Jemand hilft mir mit etwas anderem aus. Nicht das gleiche, nicht so stark. Aber für den Moment gut genug. Das Gras ist bald weg. Jetzt haben wir auch wieder Geld. Und er dort drüben hat, was wir suchen. Wir geben ihm einen Schein. Gehen ein Stück. Nehmen die Ware entgegen. Verabschieden uns. Die Wege trennen sich. Eine flüchtige Bekanntschaft mehr. Eine Geschäftsbeziehung mehr. Ein Leben weniger. Da vorne Uniformierte. Umdrehen. Hinter uns Zivile. Man erkennt sie. Trotz ihrer Tarnung. Zivile. Nur nicht auffallen. Einfach unauffällig sein. Diesmal wieder Glück gehabt. Das nächste Mal nehmen sie mich mit auf die Wache. Durchsuchen meine Taschen. Ich habe jedoch nichts dabei. Gott sei Dank. Fragen mich, was ich hier überhaupt mache. Ich bin ehrlich. Sage die Wahrheit. Obwohl ich lügen könnte. Sie lassen mich gehen. Lassen mich gehen. Vielleicht sterbe ich ja heute Nacht an einem plötzlichen Atemstillstand. Dann wäre das Ganze wenigstens vorbei. Aber so gnädig ist Gott nicht. So einfach macht er es uns nicht. Sofern es ihn überhaupt gibt. Möglicherweise gibt es ihn irgendwo. Irgendwo anders. Aber hier ist er definitiv nicht. Am Platz. Nein. Oder vor allem hier. Wo man ihn nicht will. Wo man ihn nicht braucht. Wo man selbst Gott spielt. Papa sieht mich schon längere Zeit an. Wie geht es dir? Nicht gut. Vielleicht in die Nervenklinik fahren. Einmal mit einem Arzt reden. Ich denke an einen anderen Arzt zurück. Alt. Geblümter Schal. Blauer Lidschatten, wenn mich nicht alles täuscht. Ich bin das erste Mal bei ihm. Ein Bekannter vom Platz sitzt neben mir. Hat mich hierher mitgenommen. Hat mir vorher noch eingebläut, was ich sagen soll. Ich rassle also meinen Text hinunter. Erinnere mich in der nächsten Sekunde nicht mehr an das eben Gesagte. Der Arzt verschreibt mir alles, was ich will. Fünf Apotheken, bis eine alles lagernd hat. Draußen gebe ich meinem Bekannten eine Packung als Dank. Eine behalte ich. Den Rest verkaufe ich. Mama fährt mich in die Klinik. Ich gehe zum Auto. Beifahrersitz. Warte. Bis Mama kommt. Strecke eine Hand aus und berühre das Lenkrad. Bin schon lange nicht mehr selbst gefahren. Mama kommt und fährt los. Sehe aus dem Fenster. Landschaft zieht vorüber. Grün. Braun. Grau. Alles verschwimmt. Die Tage. Die Nächte. Die halbwegs nüchternen. Die total zugedröhnten. Das blaue Pulver, das beruhigt. Das Pferdebetäubungsmittel, das mir die Kehle verätzt. Und die Tropfen, die die ganze Welt neu einfärben. Alle Worte, die gesagt, alle Taten, die getan worden waren. Alle Menschen, die ich kenne. Oder kannte. Es verschwimmt. Alles. Nichts ist mehr klar in meinem Kopf.

Beitrag von: Justine T, jus.t@liwest.at http://neueliteratur.tumblr.com/


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