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"Sprachlich und inhaltlich sehr beeindruckt" war die Jury des von BoD, faz.net und bahn.de ausgeschriebenen Wettbewerbs  von Susanne Henkes "Bissigen Stories für boshafte Leser" und prämierte das Debüt mit einem der vier Nachwuchspreise.
Susanne Henke: Bissige Stories für boshafte Leser
TB, 88 Seiten, EUR 8,80
Books on Demand April 2005,
ISBN : 3-8334-2121-5

Susanne Henke: Stets zu Diensten

Stets zu Diensten

Kurzgeschichte von Susanne Henke, Storysite

Die starke Dünung bringt Leben in das undurchdringliche Schwarz der See. Weiße Gischtkronen sammeln sich zum Wellenballett. Eine große, gleichmäßige Bugwelle markiert den Weg der "Star of the Seas". Noch 500 Seemeilen bis Valencia.
Die meisten Passagiere liegen bereits in ihren frisch bezogenen Betten und lassen sich vom Dröhnen der Motoren in den Schlaf singen. Ich dagegen stecke noch in meiner Galauniform. 24 Stunden Dienst am Gast, der Berufsalltag eines Hoteldirektors an Bord eines Luxuskreuzers. Ich hatte auch mal ein eigenes Hotel. Das gehört jetzt Lisa, genau wie das Haus und der größte Teil meines Gehalts. Hier brauche ich ja auch nicht viel. Sieben Tage Dienst in Vierstundenschichten rund um die Uhr, Kost und Logis inklusive. Auf Landurlaub will ich nur noch eines: Ausschlafen. Und dafür reicht ein Einzimmerappartement vollkommen aus. Aber vor allem habe ich endlich meine Aufgabe gefunden.
Janine Dabelsteins Schal flattert im Wind. Für sie habe ich die Knöpfe meiner Uniform heute abend blank poliert.

Als Lisa mich das erste Mal darin sah, fragte sie: "Gehst du jetzt auf Witwenfang?". Auswahl hätte ich an Bord genug. Frau Garenthien zum Beispiel. Ihre Kinder haben sie persönlich im Hafen abgeliefert. Ihr gequältes Abschiedslächeln verriet deutlich ihre Angst, dass Mama ihr ganzes Erbe verjubelt.
Janine Dabelstein wäre bestimmt nicht so dumm, die Verwalterin ihres zukünftigen Vermögens allein auf eine Kreuzfahrt zu schicken.
Sie hat ihrem Mann die Idee zu dieser Reise eingeflößt. Verspätete Flitterwochen zur Feier des Millionenauftrags, den er gerade an Land gezogen hat. Natürlich glaubt er, dass er ganz von selbst darauf gekommen ist und hofft auf die therapeutische Wirkung von romantischen Mondscheinspaziergängen an Deck.

In Limassol schifften sie sich ein. Die Kabinenstewards wischten noch mit Hochdruck die Spuren der letzten Gäste aus den Kabinen, während die Neuzugänge sich schon verschwitzt und zerknittert aus den Bussen schälten. Janine Dabelstein schritt perfekt gestylt wie die Drei-Wetter-Taft-Frau auf die Gangway zu. Ihr Mann trottete zerzaust und übernächtigt hinter ihr her.

Sie hatten die Hochzeitssuite gebucht, also brachte ich sie persönlich zu ihrer Kabine. Madame komplimentierte mich mit einem kühlen Lächeln hinaus:
"Vielen Dank. Wir brauchen nichts mehr. Und lassen Sie das hier abräumen. Ich hasse Champagner!"
Dirk Dabelstein zuckte zusammen.
Um kurz nach acht rauschte sie in aufwändiger Robe in den Speisesaal. Ihr Mann, inzwischen frisch geduscht und im faltenfreien Dinerjacket, an ihrer Seite. Aber es war kein Platz mehr frei. Dabelstein hatte versehentlich für die erste Tischzeit reserviert.
"Zur Kinder- und Rentnerabfütterung kannst du alleine gehen!"
Mit einem exquisiten Candle-Light-Diner in der Hochzeitssuite und einem Umarrangieren der Reservierung für die kommenden Abende, unterstützten der Maître und ich den unglücklichen Dabelstein bei seinem Versuch, die Wogen zu glätten.
Am Morgen brachen sie sehr früh nach Jerusalem auf. Acht Stunden Busfahrt für einen vierstündigen Schnelldurchgang durch die Heilige Stadt. Abends speiste Madame allein. Ihr Mann lag mit einem schweren Sonnenstich in der Kabine.
Die nächsten Tage sah man ihn meistens mit seinem Laptop an einem schattigen Tisch der Pool-Bar. Sie führte ihre Bademodenkollektion vor, scheuchte das Personal und suchte Kontakt zu vermeintlichen VIPs. Unser Hemingway hatte es ihr besonders angetan. Am liebsten erzählt er von seiner Farm in Afrika, der Massai, mit der er verheiratet war und der Diamantmine, auf die er nach ihrem Tod gestoßen ist. Tatsächlich ist er ein pensionierter Beamter aus Bonn, der sein Leben lang vom großen Abenteuer geträumt hat, und sich jetzt einmal im Jahr eine Reise auf der "Star of the Seas" gönnt.
Zum Galadiner am Kapitänstisch erschien Janine Dabelstein in einem blassgoldenen Seidenanzug, das Haar zu einer aufwendigen Hochfrisur aufgesteckt und mit Geschmeide für mindestens zwei Abende behangen. Pikiert registrierte sie, dass auch Herbert und Karina Luchs, die beiden Preisauschreibengewinner, eingeladen waren.
"Was für ein entzückendes Kleid! Meine Putzfrau hat ein ganz ähnliches."
Dabelstein ließ sich neben der errötenden Frau Luchs nieder.
"Sie studiert Modedesign. Die Putzfrau, nicht meine Frau."
Der Blick, den Janine ihm zuwarf, hätte einen aktiven Vulkan zum Einfrieren gebracht. In ihre perfekt artikulierten Nichtigkeiten, die sie anschließend im Maschinengewehrtempo auf den Kapitän los ließ, mischte sich ein leichter Hamburger Slang.

Den Slang erkannte ich sofort wieder, als sie auf dem Gang vor meiner Kabine, einem der wenigen Orte an Bord, an denen Handys Empfang haben, ein telefonisches Schäferstündchen hielt: "Kopper, jetzt haben wir es fast geschafft. Ich wünschte, du wärst hier!" Der Rest war nicht jugendfrei. Mit ihrem Vokabular hätte sie mühelos jeder professionellen Flirtline-Frau Konkurrenz gemacht.
Das Anlegemanöver in La Goulette störte ihr Tête-à-tête. Die Passagiere strömten an Deck. Auf der Pier standen die Busse für die Landausflüge bereit. Janine Dabelstein stolzierte die Gangway hinunter. Ihr Mann holte sie ein und versuchte, den Arm um sie zu legen. Sie schüttelte ihn unwillig ab.

Es überraschte mich nicht, ihn wenig später allein an seinem Lieblingsplatz im Schatten der Pool-Bar zu treffen. Die Seeluft hatte ihm zwar einen frischen Teint verpasst, aber nicht die Traurigkeit aus seinem Blick vertrieben.
"Meine Frau kann die Souks von Sousse viel besser ohne mich leer kaufen!"
Er klappte sein Laptop zu.
"Trinken Sie einen Kaffee mit mir?"
Als Pedro den Kaffee gebracht hatte, rührte Dabelstein in seiner Tasse herum, als wollte er mit dem Löffel zum Erdmittelpunkt vorstoßen.
"Janine fühlt sich zu Recht vernachlässigt. Sie sehen ja, ich habe meine Arbeit immer dabei. Das Konzept für einen neuen Kunden. Ein Jahr lang sind wir hinter diesem Auftrag her gewesen. Ohne Kopper, meinen Juniorpartner, könnte ich überhaupt nicht hier sein."
Er hatte offensichtlich keine Ahnung, dass Kopper sich nicht nur um seine Firma kümmerte. Ich wusste nur zu gut, was auf ihn zukommen würde. Ich hatte auch mal so einen Kopper. Er hat mir mein Hotel mit meinem eigenen Geld abgekauft, dem Geld, das ich Lisa bei der Scheidung auszahlen musste.
Dirk Dabelstein hatte das nicht verdient.

Um acht hieß es "Alle Mann an Bord!". 560 Seemeilen, zwei Nächte und ein Tag auf See, lagen vor uns. Kurz vor Mitternacht schwebte Janine Dabelstein in meinen Armen übers Parkett.
"Kommen Sie um halb eins auf das Vorderdeck!"
Für den Bruchteil einer Sekunde versteifte sich ihr Rücken, ihr Lächeln wurde um eine Nuance spöttischer:
"Mit dem größten Vergnügen!"
Nach dem Tanz hauchte sie ihrem Mann einen Kuss auf die Wange:
"Ich muss mich hinlegen. Meine Migräne."
Dabelstein war nur allzu bereit, auf ein Bier in die Piano-Bar umzuziehen.
"Ich darf mich frühestens in drei Stunden in der Kabine sehen lassen. Wenn Janine ihre Migräne hat, kann sie niemanden in ihrer Nähe ertragen."
Hemingway schloss sich uns an. Der Fanclub des Pianisten war noch vollzählig versammelt und das Ehepaar Luchs winkte uns zu sich an den Tisch. Nach dem ersten Bier entschuldigte ich mich.
"Aber Sie müssen wiederkommen!" bat Dabelstein
"Stets zu Diensten!"

Seit Mitternacht hatten Stoever und Ment Dienst auf der Brücke. Die "Star of the Seas" müsste schon auf einen Eisberg auflaufen, um sie von ihrem Ritual, um halb eins einen Tee zu trinken, abzubringen. Nicht einen Blick würden sie auf das Vorderdeck werfen. Mindestens 60 Seemeilen trennten uns inzwischen von der tunesischen Küste.

Janine erwartete mich schon. Herausfordernd lehnte sie an der Reling, ihr weißer Schal flatterte im Wind. Sie ignorierte den Wein, den ich ihr reichte.
Stattdessen kletterte sie auf die Reling:
"Kommen Sie, ich will fliegen wie Kate Winslet in Titanic!"
Mit der linken Hand hielt sie sich an der Spitze fest, das rechte Bein hatte sie schon über die Reling gesetzt.
"Und wie du fliegen wirst!", dachte ich und stieg hinter ihr hinauf. Ihr Schal wehte mir ins Gesicht.
"Wussten Sie nicht, dass Lauschen sich nicht gehört, Herr Pelker?"
Mit ihrer rechten Hand packte sie mich am Revers. Sie setzte den Hebel blitzschnell und präzise an. Ich bekam nur noch ihren Schal zu fassen, der widerstandslos von ihrem Hals glitt. Ihr metallisches Lachen verhöhnte mich.

Ich kann die Positionslichter nicht mehr sehen. Meine Arme werden immer schwerer. Viel zu schwer.

Copyright © Susanne Henke



© Copyright 2003 - 2005, Bernd Klein