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GULLY oder die Pf├╝tze des Zufalls

Alle Namen und Charaktere in diesem Buch sind erfunden, und jede ├ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zuf├Ąllig.

Alle Rechte bei Johannes Wierz 2011 Das Vervielf├Ąltigen des Textes oder von Teilen des Textes jeglicher Art ohne Zustimmung des Autors ist nicht erlaubt.

  1. BUCH

1.

Ein endlos scheinendes Meer, an einem beliebigen Punkt, schwarzgrau das Wasser, Wellen steigen, ├╝bertreffen in ihrer Gr├Â├če Hochh├Ąuser. Die Natur hat ihr Spielzeug gefunden. Die Natur spielt mit sich selber. An den R├Ąndern der Schaumkronen scheint die Farbe des Wassers ins t├╝rkis zu gehen. Ein sch├Âner Kontrast zu den wei├čen Schaumkr├Ânchen obenauf. Zum Land hin bekommt das Wasser einen blasseren Ton. Blau setzt sich durch, bis das Wasser leise den Sandstrand hoch l├Ąuft. Ein Ohnm├Ąchtiger im Outfit eines Schiffbr├╝chigen k├Ânnte jetzt im feinen Sand liegen. Die nackten Beine, die aus der ausgefransten Hose lugen, werden vom Wasser umsp├╝lt. Ein St├╝ck Treibholz neben dem Kopf macht sich immer gut. Bevor die Flut kommt, wird der ohnm├Ąchtige Schiffbr├╝chige von einem armen Fischerm├Ądchen gefunden. Naturgem├Ą├č hat er sein Ged├Ąchtnis verloren und wird von dem M├Ądchen gesund gepflegt. Am Schluss aber wei├č er wieder wer er ist und heiratet die arme Fischertochter. Solche Geschichten enden immer da, wo die Probleme erst beginnen. In der Realit├Ąt ist alles anders. Ein Besoffener verl├Ąsst die Kneipe, st├╝rzt ungl├╝cklich, f├Ąllt in eine Pf├╝tze mit Regenbogenrand, denkt vielleicht noch, schmeckt aber komisch, und ertrinkt. Die Kinder weinen. Eine Frau atmet auf. Ein halbes Zimmer mehr und der Gestank w├Ąre endlich aus der Bude. Wenn man trinkt, sollte man einen gro├čen Bogen um Pf├╝tzen machen. Vor richtigen S├Ąuferkneipen gibt es keine Pf├╝tzen. Da kann es noch so geregnet haben. In den Stra├čen k├Ânnen sich die ersten Grachten gebildet haben. Die Rampe vor dem Eingang ist knochentrocken. Nicht umsonst hei├čt die schmierige H├╝tte: Schwemme. Glatteis im Winter, vor der Schwemme nicht, da ist ganzj├Ąhrig alles trocken. ┬╗Schei├če┬ź, so beginne ich den Dialog mit der Welt, denn ich bin in eine Pf├╝tze getreten. Meine hellen Wildlederschuhe saugen alles auf. Die K├╝chenrolle, der Tampon, sie haben keine Chance. Meine hellen Wildlederschuhe sind Siegertypen. Entweder war Moses Alkoholiker oder er trug helle Wildlederschuhe. Vielleicht braucht man auch beides, um ein Meer zu teilen. Ich stehe jedenfalls mit voll gesogenen Schuhen vor einer T├╝r, in deren Kopfh├Âhe ein kleines T├╝rchen angebracht ist. Wer mit vierzig Jahren noch keine Mark auf die Seite gebracht hat, vom Euro oder Dollar ganz zu schweigen, ist ein Idiot oder Schriftsteller.

Mit drei├čig Jahren dachte ich schon, ich w├Ąre beides. Seit drei Jahren lebte ich in diesem Loch und hatte das Gef├╝hl von der Au├čenwelt nicht mehr wahrgenommen zu werden. Mit neunzehn Jahren h├Ątte ich alles darum gegeben, hier wohnen zu d├╝rfen. Mit neunzehn Jahren bezeichnete man mich als hoffnungsvolles Talent, selbst das Pr├Ądikat Jahrhunderttalent wurde mir bescheinigt. Ab dem drei├čigsten Lebensjahr kam es mir vor, als w├╝rde der Abrei├čkalender auf meinem Klo von selbst d├╝nner werden. Und zwar nicht Tag f├╝r Tag, sondern Sekunde um Sekunde. Das morgendliche Gesch├Ąft, nach Genuss der ersten Zigarette, noch nicht ganz erledigt, ich wollte mich gerade erheben, da sah ich, dass schon wieder ein Monat vergangen war. Wie ein Preisausschreibenjunkie brachte ich damals meine dicken Manuskripte zur Post, unterst├╝tzte so ein Staatsunternehmen und sorgte sp├Ąter durch meine ungeheuren Portokosten f├╝r einen gesunden Start in eine Aktiengesellschaft. H├Ątte ich damals statt Briefmarken in Aktien investiert, wer wei├č, wo ich heute mein geschwollenes Haupt betten w├╝rde. Ich war so weit heruntergekommen mit dreiunddrei├čig Jahren, dass ich keinerlei Drogen mehr bedurfte, um meine Birne weich zu bekommen. Ein Monat laues schwammiges Wei├čbrot aus den Containern der einschl├Ągigen Gro├čhandelsketten und man kommt auf einen ganz besonderen Trip. Vielleicht lag es auch an den Schimmelpilzen, aber diese Erforschung in Bezug auf das Weichmachen von Hirnen ├╝berlasse ich gern arbeitslosen Naturwissenschaftlern, die ja zuhauf ratlos durch die Gegend laufen sollen. Mit vierunddrei├čig Jahren verkauft l├Ąngst ein arbeitsloser, ein aus der Universit├Ąt nie hinausgekommener, akademischer Verlierer das Geoabo an der T├╝r und verdr├Ąngt so den Exknasti mit seiner Praline. Mit dreiunddrei├čig Jahren war die Prosa nur Hunger, nur Durst, war alle Enthaltung so viel geworden, dass ich der felsenfesten ├ťberzeugung war, dass im Grunde die Verlage ausschlie├člich von den unaufgeforderten eingesandten Manuskriptbergen lebten. Ich bildete mir ein, dass Tausende von Menschen jeden Tag zur Post gingen, um ihre literarischen Erg├╝sse zu verschicken. Bestes Papier hervorragend geeignet zum Recyceln. In jedem, der unz├Ąhligen Copyshops, in denen ich seinerzeit auftauchte, mehr als hundert Seiten gleich f├╝nf Mal kopierte, sah ich ein verkanntes Schriftstellergenie. Unterern├Ąhrt wie ich, mit weicher Birne, hervorgerufen zum Teil auch durch die Tonerabsonderung der Kopierer und der Klebstoffzusammensetzung der Briefmarken. Bei jedem Post├╝berfall, bei dem ausschlie├člich Briefmarken und gro├če Umschl├Ąge geklaut worden waren, schreckte ich auf. Wieder hatte einer dieser unz├Ąhligen anonymen Schriftsteller, die sich wie Bakterien ├╝ber das ganze Land vermehrten, keinen anderen Ausweg mehr gewusst. Es war doch nur eine Frage der Zeit, dass ich soweit war. Unterern├Ąhrt wie ich mit dreiunddrei├čig Jahren war, fand ich selbst in der Gastronomie oder in Krankenh├Ąusern als dritter Sp├╝ler keine Anstellung mehr. Unvermittelbar war das Ergebnis, was mein schwammiges, in Fieberschwei├č schwimmendes Gehirn dazu veranlasste, mein Loch nicht mehr zu verlassen. Einzige Ausnahme, die t├Ąglichen Streifz├╝ge zu den Containern der einschl├Ągigen Gro├čhandelsketten. Schnell stellte es sich f├╝r mich heraus, dass es n├Ąchtens ├╝berhaupt keinen Sinn machte, nach etwas Essbarem zu suchen. Die Konkurrenz war einfach zu gro├č. Neben Katzen, streunenden Hunden, dem Wachpersonal, das immer brutaler wurde, kamen auch noch Typen hinzu, denen es ├Ąhnlich ging wie mir, aber im Gegenteil zu mir, vor Gewalt nicht zur├╝ckschreckten.

┬źMusst du ausgerechnet jetzt schreiben?┬ź, fragt meine Frau Heidi, in ihrer seltsamen so eigenen Sprache, die ich so liebe. Eigentlich gibt es nichts, was ich an ihr nicht liebe. Ja, ich bin ein gl├╝cklicher Mensch. Ein zu beneidender ekelhaft gl├╝cklicher Mensch. Aber hier an diesem Ort werde ich von niemand beneidet. Im Gegenteil, man l├Ąchelt mir anerkennend zu und schaut unverbl├╝mt auf den geilsten Busen der Welt. Heidis Br├╝ste kennen keine BHs. Sie sind gro├č und prall. Selbst die d├╝nnste Membran h├Ątte keine Chance von ihnen festgehalten zu werden. Vor zehn Jahren geh├Ârte Heidi noch zur Olympiaauswahl der Synchronschwimmerinnen. Ihre Figur, die braune Haut mit dem blonden Flaum rauben mir immer noch den Atem. Mein Blick f├Ąllt nach rechts und ich schaue wie hypnotisiert auf ihre Brustwarzen, die sich mehr als deutlich unter ihrem hautengen Glitzerkleid eines italo-amerikanischen Designers hervorheben. ┬╗Die Leute schauen schon┬ź, zischt sie, ┬╗gerade heute musst du doch nicht den Schriftsteller heraush├Ąngen lassen.┬ź Wenn nicht heute, wann dann, f├Ąhrt es mir durch den Kopf. Heute ist doch mein Tag. Gleich werden sie meinen Namen aufrufen und ein Bild von mir zeigen. Der Kamerakran wird sich mir auf bedrohliche Weise n├Ąhern, damit mich die ganze Welt sehen kann, sozusagen als Beweisst├╝ck, dass es mich wirklich gibt. ┬źNiemand schreibt mehr mit der Hand┬ź, fl├╝stert Santor, der links von mir sitzt. Santor ist Ungar, wie er behauptet, aber ich glaube ihm kein Wort. Santor ist eine Mischung aus allem. Eine Kreuzung zwischen Stra├čenk├Âter und Strandhund. In Santor stecken die Gene der ganzen Welt. Vielleicht ist es ja doch m├Âglich, dass mehrere M├Ąnner eine Frau befruchten k├Ânnen. Mit Santor k├Ânnte ich das auf jedem Genetikerkongress beweisen. Santor ist das Ergebnis eines ├╝bergro├čen Spermacocktails, den sich seine Mutter reingepfiffen haben muss. Jeder Mensch hat seine Legende. Also bleibt es dabei. Santor ist Ungar und mein Manager. Alle juristischen und finanziellen Dinge erledigt er. So hat sich seit meiner Geburt im Grunde nichts ver├Ąndert. Ich besitze nach wie vor keine m├╝de Mark, geschweige denn Euros oder Dollars.

Mit dreiunddrei├čig Jahren war ich von Schimmel und Mikroben umgeben. in meinem Badezimmer hatten sich dieselben Kulturen angesiedelt wie f├╝nfzig Meter tiefer in der Kanalisation. Mein Bett, das ohnehin immer feucht war, roch wie ein Partykeller aus den siebziger Jahren, der mehrmals von Hochwasser oder zumindest von geplatzten, falsch angestochenen Bierf├Ąssern heimgesucht worden war. Au├čer B├╝chern, Manuskripten, Ordner mit Ablehnungsschreiben und defekten Schreibmaschinen besa├č ich nichts. Keine Frage, meine Wohnung stank. Selbst die bekiffteste oder besoffenste Thekenschlampe h├Ątte sich nicht mehr in meine vier W├Ąnde verirrt. Sechsundneunzig Parteien hatte mein Wohnsilo und in einem der heruntergekommenen Wohnklos wurde immer gev├Âgelt. Das Bad mit der K├Âlner L├╝ftung, - anfangs mein Zufluchtsort vor den d├╝nnen W├Ąnden -, brachte nichts. Alles musste ich schonungslos mit anh├Âren. Unz├Ąhlige Abende mit der Bolero-Musik von Ravel in den unterschiedlichsten Versionen. Aber das Gest├Âhne fing meist erst an, wenn der Tonarm sich diskret auf die Gabel zur├╝ckgezogen hatte. Das Aufrei├čen einer Kondompackung, selbst das ├ťberziehen, meine Ohren waren gezwungen live dabei zu sein. Ich war der felsenfesten ├ťberzeugung, dass selbst meine Einzeller im Bad sich in diesen Augenblicken w├╝nschten, S├Ąugetiere zu sein. Es gab Notst├Ąnde, wo ich kurz davor war, in die Steckdose zu wichsen, um meinem Martyrium ein Ende zu setzen.

Gerade jetzt, wo es spannend wird, rei├čt mir Santor meinen Block aus den H├Ąnden. Heidi ├Âffnet mit zarter Gewalt meine rechte Hand und fischt meinen F├╝ller heraus, den sie in ihrem zauberhaften Dekollet├ę verschwinden l├Ąsst. ┬╗Wehe du l├Ąchelst jetzt nicht┬ź, zischt Santor. F├╝r alle unsichtbar hat sich Heidis Hand unter meiner Smokingjacke ihren Weg zu meinen Rippen gebahnt. Der Kamerakran n├Ąhert sich mir auf bedrohliche Weise. Heidi massiert meine Rippenknochen. Santor macht das Victoryzeichen und zeigt mit der anderen Hand auf mich. Ich l├Ąchle. Ja, ich l├Ąchle wie bl├Âde und kann es nicht fassen. ┬╗The winner is....┬ź Zum ersten Mal h├Âre ich von einer ausgebildeten Stanislawski Sch├╝lerin meinen Namen auf amerikanisch. Das klingt so seltsam, dass ich mich ├╝berhaupt nicht angesprochen f├╝hle, also auch gar keine Anstalten mache, aufzustehen, nach vorne zu gehen und den Preis entgegen zu nehmen. ┬╗Shit┬ź, zischt Santor. ┬╗Liebling, du musst aufstehen und nach vorne.┬ź Die Welt starrt mich an, dass ich das dringende Bed├╝rfnis habe mit einem Kosmonauten den Platz in der MIR oder anderen Schrotteilen, die im All herumfliegen, zu tauschen. Wie ferngesteuert erhebe ich mich und schaue nur in gl├╝ckliche Gesichter. Kollegen reichen mir die Hand und wollen mir auf meinen verschwitzten Smokingr├╝cken klopfen, dem ich aber geschickt ausweiche. Federnden Schrittes geht es die Stufen zwischen den Sitzreihen herunter. Um mich herum nur gl├╝ckliche Gesichter. Die B├╝hne erklimme ich wie ein Zehnk├Ąmpfer nach dem Gewinn der Goldmedaille. ├ťberall grelles Licht, so hell, dass ich mich nicht wundern w├╝rde, wenn mir Petrus pl├Âtzlich entgegentritt, um mir den gro├čen Schl├╝ssel zu ├╝berreichen. Vielleicht in Erwartung dieses gro├čen Mannes mit Bart habe ich zu sp├Ąt die schimmernde Pf├╝tze vor dem Rednerpult gesehen. Ich trete voll hinein und lege mich dann der L├Ąnge nach hin, nachdem mir die Schauspielerin, die den versiegelten Umschlag ge├Âffnet hat, mir unverhofft auf die Schulter klopft. Bei├čender Geruch, denke ich. Meine Nase taucht zur G├Ąnze in die schimmernde Pf├╝tze ein und schon verliere ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir komme, trage ich Wei├č, halte in meinen verkabelten H├Ąnden ein vergoldetes M├Ąnnchen ohne Geschlechtsteile. Unentwegt piept es. ┬╗Mach doch einer dieses gottverdammte Handy aus┬ź, st├Âhne ich. Meine Lippen schmecken s├Ąuerlich bitter. In der Nase immer noch diesen bei├čenden Gestank. ┬╗Was ist passiert?┬ź, frage ich ohne meine Augen zu ├Âffnen. ┬╗Die Zeitungen sind voll von dir. Es gibt keine Fernsehstation in der Welt, die nicht ├╝ber dich berichtet hat┬ź, h├Âre ich Heidi in ihrer seltsamen so eigenen Sprache sagen. ┬╗Du bist in die Geschichte eingegangen. Du bist der erste, der die Troph├Ąe bewusstlos in Empfang genommen hat!┬ź ┬╗Bullshit┬ź, flucht im Hintergrund Santor. ┬╗Du bist ein Held!┬ź ┬╗Leider, kein Studio wird uns mehr anrufen!┬ź ┬╗Der deutsche Botschafter hat Blumen geschickt und w├╝nscht gute Besserung. Auch war der Anwalt der Schauspielerin da. Bevor wir erw├Ągen zu klagen, bietet er uns einen Vergleich ├╝ber zwanzig Millionen an.┬ź Mir ist das alles zu viel. Ich h├Âre auf das gleichm├Ą├čige Piepen. Wenn das kein Handy ist, kann es sich nur um meine Eingeweide handeln, die sich elektronisch zu Wort melden. So lange es piept, lebe ich noch. Ein beruhigendes Gef├╝hl. ┬╗Du bist in einer Pf├╝tze ausgerutscht┬ź, fl├╝stert mir Heidi zu und dr├╝ckt mir ihre hei├če Wange ans Gesicht. ┬╗Die Preistr├Ągerin, die f├╝r ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden ist, leidet an Blasenschw├Ąche, so ihr Anwalt.┬ź Geahnt habe ich es schon l├Ąngst, von Anfang an, als mir der bei├čende Geruch in die Nase gestiegen ist und ich die kleinen Fettaugen gesehen habe, die obenauf schwammen. Jetzt, durch die Gewissheit, wei├č mein K├Ârper sich nicht anders zu wehren, als sich vom Mageninhalt zu befreien. Ich breche, nein, ich kotze, was das Zeug h├Ąlt. Ich w├╝rge, ich verkrampfe, ich weine, w├╝rge, w├╝rge, um auch den letzten Tropfen dieser alternden fast scheintoten Schaupielerfregatte aus meinem K├Ârper zu bekommen. Nie Kokain genommen und doch sind jetzt meine Nasenw├Ąnde ver├Ątzt, f├╝r immer verloren, denke ich und falle in einen tiefen Schlaf. Ich kenne meine Tr├Ąume. Realistisch von Anfang bis Ende. Anstatt in ein Koma zu fallen, werde ich so wieder heimgesucht. Da liege ich also auf dem Boden und schaue auf einen halbgeschlossenen Frauenschuh. Ein Geruch von gef├Ąrbten Italoleder, einer s├╝├člichen Salbe und schwitzenden F├╝├čen, hervorgerufen durch einen hartn├Ąckigen Pilz, bahnt sich seinen Weg in meine Nebenh├Âhlen. Was g├Ąbe ich darum, noch Polypen zu haben, in der Hoffnung, die Dinger k├Ânnten den Geruch vielleicht stoppen, zumindest aber filtern. Der Anblick des blauroten Aderdeltas gemischt mit wei├čem Schorf nicht ertragend, schaue ich nach oben ins ungewisse Dunkle. Ich orientiere mich an den Krampfadern, die so dick sind wie Aufzugsstahlseile. Ein bei├čender Geruch, eine Mischung aus Verwesung, Alkohol, verbranntem Plastik und hochgiftigen Medikamenten dringt in meine Nase. Viel zu sp├Ąt bemerke ich das Rinnsal. Und als ich es bemerke, ist daraus l├Ąngst ein Wasserfall geworden. Unverbl├╝mt gehen in meine Richtung Gase ab. Aus innerer Not heraus wei├č ich mir nicht anders zu helfen und z├╝nde das Feuerzeug, um Licht in die Dunkelheit zu bringen. ├ťber mir eine gewaltige Explosion. Ich gehe in Deckung, werde aber von riesigen Fleischst├╝cken getroffen. Eine harte Leber streift zum Gl├╝ck nur meinen Kopf. Eine Per├╝cke landet neben mir. Gebogene starre Augenwimpern bohren sich wie Akupunkturnadeln in meinen R├╝cken. Da folgt ein Gebiss, das an meinem Hintern abprallt und zur Seite kullert. Das Auge, das genau vor meinem Gesicht zum Liegen gekommen ist, starrt mich an. Ich drehe mich auf den R├╝cken und schon kommen sie geflogen, diese dicken Dinger, die ich wie ein Baseballspieler fange. Implantate der dritten Generation. Ein langer warmer Kuss holt mich rechtzeitig zur├╝ck ins Leben. Mit beiden H├Ąnden halte ich Heidis wunderbaren Synchronschwimmerbusen. Ich sp├╝re, wie ihr Herz schl├Ągt. Das ist die Wirklichkeit. Versch├Ąmt lasse ich los. ┬╗Hast du wieder einen Alpentraum gehabt?┬ź, fragt mich Heidi in ihrer seltsamen so eigenen Sprache. ┬╗Alptraum, mein Schatz. Es hei├čt Alptraum.┬ź Erst jetzt registriere ich, dass wir uns in unserem Strandhaus in der N├Ąhe von Santa Barbara befinden. Mein Krankenbett hat man direkt an das gro├če Panoramafenster gerollt, von wo aus ich einen wunderbaren Blick auf das Meer habe

Mit dreiunddrei├čig Jahren war ich anderes gewohnt. Da flogen nach einem verpatzten Fu├čballspiel der Nationalmannschaft Fernseher aus dem Fenster oder vor Beginn der Sommerferien kleine Hunde oder Katzen aus dem zw├Âlften Stock des gegen├╝berliegenden Wohnsilos. Ein paar vertrocknete, ausgehungerte Rentner versuchten denselben Weg, wurden aber meist im zehnten Stock auf die Balkone geweht. So einfach ist das nicht, aus dem Leben zu scheiden. Die L├Âffel kann man ins Pfandhaus tragen, solange sie nicht aus Blech oder Plastik sind. Aber sich wirklich den letzten Rest aus einem schwammigen Hirn zu pusten, dazu geh├Ârt schon mehr. Der Hausmeister, der mir bei meinem Einzug die gebrauchte Klobrille montiert hatte, erz├Ąhlte irgendwann, nachdem f├╝nften oder zehnten Bierchen, als die Flasche Bauernstolz auch nichts mehr hergab, dass einer aus dem vierzehnten Stock, den Strick um den Hals vom Balkon gesprungen ist und eine Etage tiefer, seine letzten Zuckungen hatte. Es aber immerhin noch geschafft hatte mit seinem unkontrollierten Urinstrahl, den Holzkohlegrill der Familie Grabowsky auszul├Âschen. F├╝r mich keine Frage, wessen Nachfolger ich in Bezug auf die Klobrille war. Eine Woche nach meinem Einzug erlebte ich die erste Zwangsr├Ąumung. Ich lag im Bett, schlief oder tr├Ąumte irgendetwas Aufmunterndes, da knackte es laut von allen Seiten, so als ob Knochen gebrochen w├╝rden. Es war aber nur Holz, was ich beruhigend feststellen konnte, als ich schlaftaumelnd zu meinem T├╝rgucki schlich und in Fischaugenperspektive beobachten konnte, wie Typen in braunen Overalls in der gegen├╝berliegenden Wohnung, die komplette Einrichtung aus dem Fenster warfen. Nur die Stereoanlage, der Fernseher und das immense Leergut hielten sie zur├╝ck. Ich nahm eine meiner beiden Matratzen und lehnte sie gegen die T├╝r, um den L├Ąrm zu mildern. Dann schlurfte ich zur├╝ck ins warme Bett. Eine Woche nach meinem Einzug wollte ich von der Realit├Ąt nichts wissen. Nat├╝rlich las ich damals die Zeitungen, bekam auch mit, wie die Arbeitslosenzahlen immer mehr in die H├Âhe schossen, obwohl gleichzeitig immer mehr Familienv├Ąter sich und ihre Frauen und Kinder gewaltsam ausl├Âschten. Noch aber war mein Bett warm, von Feuchtigkeit keine Spur und meine Schreibmaschine funktionierte.

┬╗Sie m├╝ssen sich in der Akademie vertan haben. Du bist der erste, der auf Anhieb gewonnen hat. So viele Feinde haben wir auch nicht, dass sie uns so etwas antun w├╝rden┬ź, klagt Santor. ┬╗Ich will nur meine Ruhe habe┬ź, st├Âhne ich wehleidig. ┬╗Die n├Ąchsten Jahre werden wir von der Substanz leben m├╝ssen. Darauf gilt es sich einzustellen.┬ź ┬╗Du vergisst die zwanzig Millionen Dollar Schmerzensgeld.┬ź ┬╗Vielleicht ist mit einem guten Anwaltsb├╝ro das Doppelte herauszuholen?┬ź Heidi, die ohnehin meine Gedanken lesen kann, zieht aus ihrem zauberhaften Dekollet├ę meinen Stift, worauf Santor auch nicht anders kann, als mir den Block zur├╝ckzugeben. Durch die Fernbedienung an der Seite verstelle ich das Kopfende meines Krankenbettes bis ich aufrecht sitze. Vor mir die Brandung des Meeres. Ein endlos scheinendes Meer, aber das hatten wir ja schon.

Beitrag von: Johannees Wierz, kontakt@johanneswierz.de www.johanneswierz.de


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